Echt-Essen-Gasthaus des Monats August 2011

„Bräustüberl“ in Tegernsee

Wo das bayerische Lebensgefühl wurzelt
Es gibt sie noch die Gasthäuser, wo jeder willkommen ist; wo die urigen Bauern in der kurzen Lederhose, sich so wohl fühlen wie die Familien mit ihren quirligen Kindern; wo die rüstigen Rentnerinnen aus dem Kaiserstuhl sich neben durch geschwitzten Wanderern an ihrer Maß vergnügen – und nebenan die durchgeknallte Schickseria á la Düsseldorf und München ihr neckisches Balzritual zum Besten gibt.

Bayerische Dreifaltigkeit: Himmel, Kirche, „Bräustüberl“

Wobei das Wort „Stüberl“ für das „Herzogliche Bräustüberl Tegernsee“ eine schlitzohrige bayerische Untertreibung ist. Denn es gibt das „Große Bräustüberl“ mit 500 Plätzen, dazu noch zwei kleinere Stuben – und im Sommer eine überdachte Terrasse, wo noch einmal knapp 500 fröhliche Zecher Platz finden. An guten Tagen, und die sind im „Stüberl“ fast immer, kehren hier fast 2 000 Gäste ein. Alles sitzt eng gedrängt – und dass sich trotzdem alle wohl fühlen, liegt sicher an den Gewölbedecken, welche die lauten Gespräche noch lauter werden lassen – und an den freundlich (meistens)-flinken Frauen im Service.

Gehört zur Gemütlichkeit: Gewölbedecke

Eine geschickt getarnte Großgaststätte als „Echt Essen“? Ja! Natürlich favorisiere ich lauschige kleine Gasthöfe, aber als Diabetes-Experte gehe ich auch gerne dahin, wo auch die Menschen gern hingehen – und das sind nun mal Gasthäuser wie das „Bräustüberl“, das ich seit Jahrzehnten schätze. Außerdem erfüllt dieses Wirtshaus eine wichtige „Echt-Essen“-Voraussetzung: Ein Großteil der Produkte kommt von kleinen Produzenten aus der Umgebung. So wird auf der Karte fein säuberlich notiert, von welchen Metzgern die ausgezeichneten Würste kommen. Sicher, ich kann nicht nachprüfen, ob das stimmt, aber ich finde es wichtig, dass gerade solche Leuchttürme der Gasthaus-Kultur sich das gute Heimische so demonstrativ auf die Fahnen schreiben. Vier kleine Gerichte habe ich für Sie ausgewählt.

Basis der Pfannkuchensuppe ist eine kräftige Brühe. In feinste Streifen wird der dünne Pfannkuchen geschnitten, so dass das Gericht nicht so mächtig daherkommt, obwohl die Portion natürlich ordentlich groß ist. Dafür ist der Preis mit 2,20 Euro ordentlich klein. Erfreulich, nicht selbstverständlich: Frisch geschnitten ist der Schnittlauch. Wäre die Suppe jetzt noch ein Spur heißer, wäre das Gästeglück vollkommen.

Große Portion, kleiner Preis: „Bräustüberl“-Prinzip

Aus der benachbarten Herzoglichen Fischerei stammt der geräucherte Saibling. Blitzsauber ist der dicht besiedelte, bis zu 70 Meter tiefe See, sodass die Fische prächtig gedeihen. Den Saibling esse ich hier immer, mit einem Hauch Zitrone gewürzt, schmeckt der Fisch saftig und gut. Auf den blank polierten Tisch kommt ein halber Saibling, sodass die 9,50 Euro in Ordnung gehen. Schade nur, dass es als Beilage deplatziertes Toastbrot und ein bloß dekoratives Salatblatt plus ein halbes Ei gibt.

Durch überflüssige Beilagen verdeckt: Saftiger Saibling

Warm ist der Leberkäse aus der Metzgerei „Schwaiger“ in Tegernsee. Selten esse ich Wurstiges, aber wenn sie so hervorragend schmeckt wie diese, lohnt jeder Bissen. Ausgezeichnet auch der Kartoffel-Gurken-Salat mit einem Hauch Senf. Gerade so scheinbar „einfache“ Gerichte wie Kartoffel- oder Wurstsalat zeigen, ob´s ein Gasthaus „drauf“ hat. 9,50 Euro kostet die dicke Scheibe – und natürlich reicht das Ganze, wie auch der Fisch, für zwei. Also, möglichst zuerst immer nur eine Portion bestellen, wenn´s nicht reicht, steht schnell Nachschub bereit.

Leberkäs, Kartoffelsalat, Brezn, Bier – Himmel der Bayern

Das beliebteste Bier in Bayern ist das „Helle“, ein Vollbier mit knapp 5 Prozent Alkohol. Mir als Pilstrinker schmeckt es meist nicht sonderlich, wobei das Helle aus dem „Brauhaus Tegernsee“ (es gehört den Wittelsbachern), eine wohl schmeckende Ausnahme macht: Es ist spritzig dank reichlicher Kohlensäure, weshalb meist eine „Halbe“ zu 2,75 Euro reicht. „Aber macht Bier nicht dick?“, werden Sie vielleicht fragen.

Da lasse ich den „Brauprofessor“ Werner Back von der Lebensmittel-Uni „Weihenstephan“ aus meinem Buch „Schönkost“ zu Wort kommen: „Bier enthält nur 400 Kilokalorien pro Liter und somit wesentlich weniger als vergleichbare Mengen an Milch, Wein oder Erfrischungsgetränken. Damit ist ein Dickwerden durch Bier auf keinen Fall zu erwarten“. Allerdings stimmt diese Aussage nur dann, wenn der durch Bier angeregte Appetit sich nur gezügelt entfaltet.

Angenehm: Wer für 15 Euro eine Tageskarte der „Bayerischen Oberlandbahn (BOB)“ kauft, kriegt ein halbes „Helles“ aufs Haus – eine angenehme Variante von „drink and drive“. Vom „Stüberl“ sind es nur ein paar Minuten zur „BOB“ - und in einer runden Stunde ist man schon wieder in München.

Ein wunderbarer Appetitzügler ist der ausgezeichnete „Miesbacher sauer“ für 4,20 Euro, eine Art Camembert, mit reichlich Appetit bremsendem Essig und knackig frischen Zwiebelringen. Der Essig wirkt als „Resorptionsverzögerer“, sorgt also dafür, dass die Kohlenhydrate des Essens nicht so schnell ins Blut gehen, dass die gefürchteten Zuckerspitzen nach dem Essen gedämpft werden – und die Zwiebeln kurbeln die Verdauung an.

Käse beschließt den Magen, lautet die Diabetiker-Devise. Natürlich gäbe es noch den „Zwetschgendatschi“ für 2,90 Euro, ein Blechkuchen mit feinem Zimt. Aber spätestens dann stimmte das mit dem „Bier macht nicht dick“ bestimmt nicht mehr.

Das spritzigste „Helle“ Bayerns: „Tegernseer“Zügelt die Kohlenhydrate: „Saurer Miesbacher“

Ein kleiner Geheimtipp ist die Wanderung von Tegernsee auf den „Riederstein“. „Wie kann der Lauber so viel essen – und dabei so schlank bleiben?“, höre ich oft. Ganz einfach: Bevor ich beispielsweise ins „Bräustüberl“ einkehre, geht’s erst einmal den Berg nauf. Eine wunderschöne Strecke führt direkt hinter dem Bahnhof „Tegernsee“ ins Alpachtal, dann einige Hundert Meter durch den Ort – und bei einer kleinen Kapelle biegt der Weg ab Richtung „Galaun“. Steil geht’s bergauf, kurz vor der Wirtschaft in Galaun ist zum ersten Mal die Kapelle auf dem „Riederstein“ zu sehen, die wie ein Adlerhorst auf einem schroffen Felsen thront. In der Wirtschaft empfehle ich den ausgezeichneten, selbst gebackene Apfelstrudel mit Vanillesauce. Gut, ein wenig Sünde muss sein, denn jetzt geht es erst einmal durch einen Kreuzweg (interessante, bäuerliche Motive) schweißtreibend hoch zum Riederstein mit seiner Kapelle, wo eine prächtige Aussicht wartet.

Ist die Strudel jetzt schon „weggelaufen? Ist er nicht. Also geht es weiter, noch einmal eine starke Stunde durch lichte Wälder auf den über 1 400 Meter hohen „Baumgartenschneid“, ein kahler Berg, der eine umwerfende Sicht ins Tegernseer Tal bietet – und hinüber zum Kultberg Wendelstein, der über 1 800 Meter hoch ist. Natürlich geht es nicht denselben Weg zurück, sondern Richtung „Gindelalm“. Auf dem Weg sehe ich Kühe, die zwischen den Bäumen die saftigen Omega-3-Kräuter fressen. „Wo geht die Milch hin?“ frage ich den hütenden Bauern. „Zur Tegernseer Naturkäserei“. Es ist genau die Käserei, die im „Bräustüberl“ vertreten ist.

Sobald der folgende, sehr steile Abstieg geschafft ist, geht’s links ins Alpachtal – und nun gemütlich zurück nach Tegernsee. Knappe fünf Stunden dauert die Wanderung, lockere 700 Höhenmeter sind das – also nur etwas für geübte Wanderer, natürlich mit richtigen Bergschuhen. So, jetzt kennen Sie das Geheimnis aus gut und reichlich essen – und trotzdem schlank bleiben.

Trotzt den Stürmen: „Riederstein“-KapelleFressen die Omega-3-Gräser: Berg-Rinder

Fazit: Eine Institution ist das „Bräustüberl“, das wie ein Magnet auf die Menschen wirkt, weil sie gerade in diesen unsicheren Zeiten ein Stück Heimat, ein Stück Geborgenheit suchen. Natürlich gelingt nicht alles hier. So gerät ausgerechnet der Klassiker der bayerischen Wirtshauskultur, die halbe Schweinshaxe (für 8,20 Euro), nur mittelmäßig. Prächtig krachende Kruste, darunter aber wabbeliges Fett, das gut schmeckende Fleisch aber zu trocken – und das Ganze auch nicht heiß genug.

Auch sind die Brezn an einem Tag knackig resch, am nächsten trocken und zäh. Aber das stört hier nicht wirklich. Über ein ziemlich zu stark gegrilltes Stück Fleisch wunderten sich zwei Männer an meinem Tisch, schüttelten kurz den Kopf, beschwerten sich aber nicht – und sagten nur zu mir: „Wir sind seit 40 Jahren Stammgäste“. Leben und leben lassen, lautet hier die Devise.

Eine „Bräustüberl“-Zeitung gibt es auch. Da stehen interessante Sachen über die Lieferanten drin, schöne Reportagen über die Metzger, über die Käsereien, etwa in der aktuellen Ausgabe über die „Naturkäserei Tegernseer Land“, deren Käse aus „Heumilch“ entstehen. Das ist eine Milch von Kühen, die nicht mit Kraftfutter, sondern mit Heu und frischen Kräutern, die sie auf den steilen Wiesen selbst suchen, gefüttert werden. Die Kräuter machen die Milch aromatisch – und gesund, denn darin sind Herz gesunde Omega-3-Fette.

Über den Edmund Stoiber lobhudelt die neueste Ausgabe der Zeitung, weil er dem Wirt Peter Hubert seine Aufwartung machte. Ein überflüssiges Lob, denn in der Ära des ehemaligen Ministerpräsidenten wurden die riskanten Geschäfte der Bayern LB angeschoben, welche den Steuerzahlern, also den kleinen Leuten, Milliarden aus der Tasche ziehen. Aber davon will der gute Herr Stoiber, der am Schluß wegen seiner zerhackerten Haspelreden eine weltweite Fangemeinde im Internet hatte, natürlich rein gar nichts mitbekommen haben.

Aber immerhin mit einer Aussage hat der vergessliche Dr. Stoiber wenigstens recht: „Das Bräustüberl ist ein Stück Bayern, wie man es nur selten findet“.

Sind wir nicht alle kleine Engelein – und ein bisschen Teufelchen?


Bräustüberl Tegernsee, Schloßplatz 1, 83 684 Tegernsee, 08022/41 41, täglich geöffnet von 9 Uhr bis Mitternacht; sogar am Heiligabend, Silvester und Neujahr ist auf, nur ein wenig kürzer www.braustuberl.de

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