27.09.2011 Arzt: Ein Traum in Weiß?

„Du hast es wirklich gut“, begrüßt mich mein alter Schulfreund Jürgen. Ich habe ihn Jahre nicht gesehen. Heute begegnen wir uns, während ich von der Arbeit komme und er gerade zur Arbeit geht. „Ein wirklich toller Beruf – Arzt“, meint Jürgen. „Ich sitze den ganzen Tag im Büro, und du gehst bei traumhaftem Wetter jetzt ins Schwimmbad. Ihr Ärzte steht auf der Sonnenseite des Lebens: ein Haufen Geld, ein Cabrio vor der Tür und wahrscheinlich drei Freundinnen“, orakelt er. Jürgen war schon immer fürs Pantoffelkino und hat lieber vor dem Fernseher gesessen, als sich sportlich zu betätigen. Ich denke mir, dass sein Klischee über Ärzte vor allem geprägt ist von Sendungen wie Emergency Room.
Was mich aber nachdenklich macht an Jürgens Worten, ist die Idee mit dem Schwimmbad: Das könnte ich heute wirklich tun, denn ich habe ansonsten wenig Gelegenheit; fünf Nachtdienste, auch am Wochenende, lassen mir wenig Zeit fürs Schwimmbad. Die Idee, dass ich ein Cabrio fahre, passt zwar in die Vorstellung vom jungen, erfolgreichen Assistenzarzt – doch mir bedeuten Autos nicht viel, so dass mein sechs Jahre alter Toyota seinen Zweck tut und ich mein Geld lieber in eine schöne Reise investiere. Die meiste Zeit fahre ich sowieso mit dem Fahrrad.
Gespannt bin ich, was meine Freundin Gabi dazu sagt, dass ich umgeben sein soll von schönen Frauen: MTAs, Krankenschwestern, Ärztinnen. Doch Gabi, die bei der Bank arbeitet, weiß natürlich, dass sie sich immer auf mich verlassen kann. So wie in den letzten acht Jahren.
Naja, und das mit dem Geld ist auch so eine Sache: Bei Ärzten denkt man immer an das viele Geld – aber was ist schon viel? Gemessen an dem langen Studium und der Verantwortung, die ich habe, finde ich, dass ich eigentlich immer zu wenig Geld verdiene. Andererseits: Ich hätte ja nicht Arzt werden müssen, wenn es mir nur ums Geldverdienen gegangen wäre! Dann wäre ich Pilot geworden oder Fußballprofi – und hätte schon nach einem Jahr genügend Geld verdient, um sorgenfrei auf den Lebensabend blicken zu können.
Nein, Arzt wollte ich werden, weil es ein wunderschöner Beruf ist. Schon während des Studiums lernt man alles über den Organismus und hat zeitlebens mit Menschen zu tun. Wenn man den anvertrauten Patienten helfen kann und ihnen wieder Gesundheit oder ein besseres Leben zurückgeben kann, entschädigt das für alles. Ein zufriedener Patient ist für mich viel wichtiger als ein Sportwagen oder viel Geld. Aber soll ich das alles jetzt Jürgen erklären? Ich glaube, er würde es nicht verstehen, so dass ich ihn in seinem Glauben lasse. Dennoch: Für die gute Idee mit dem Schwimmbad bin ich ihm dankbar.
Der Autor: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".
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