23.01.2012 Aufgeben sollen – aufgeben wollen?…?!

Werden mein Vater und mein Onkel es wagen, den Kampf gegen die Sucht aufzunehmen?

Innerlich sage ich mir: „Gib es einfach auf“. Eigentlich habe ich es schon aufgegeben. Fast zumindest. Manchmal tu ich’s noch, meist nachts und bei schummrigem Licht: in einem Buch lesen. Zum Geburtstag habe ich neue Bücher geschenkt bekommen, einen schönen Stapel aus geduldig wartendem Papier. Und am Morgen reicht die Zeit nur für einen kurzen Blick in die Zeitung; die besten Artikel begegnen mir, wenn ich den Biomüll des Tages in Zeitungspapier einwickele.

Sich kein Buch mehr kaufen oder schenken lassen? Die Zeitung abbestellen? Nein! Innerlich schreie ich auf; das ist keine Lösung! Ich will am Ball bleiben, will wissen, was in meiner Region passiert und was schlaue Leute über die Probleme unserer Zeit denken – auch wenn ich morgens beim Zeitunglesen kaum die Buchstaben erkennen kann, weil meine Augen noch fast zu sind. Ich merke: Hier habe ich Ansprüche an mich selbst; Mindestanforderungen, die ich erfüllen muss, um vor mir selbst bestehen zu können. Aufgeben kommt nicht in Frage, auch wenn ich mit meiner Leseleistung unzufrieden bin.

Mein Onkel, der Typ-2-Diabetes hat, hat wiederum das Aufgeben aufgegeben: Er raucht wieder. Dabei sah es so aus, als könnte er es schaffen. „Aufhören? Für mich kein Problem“, hieß es damals. Aber jetzt hat er die Anforderungen an sich selbst heruntergeschraubt, und zwar drastisch, obwohl ihm sein Arzt die Zukunft in düsteren Farben ausgemalt hat. Ich verstehe das: Eine Sucht aufzugeben ist viel schwieriger, als trotzig das Zeitungsabo zu behalten.
Im Gegensatz zu seinem Bruder hat mein Vater nie ernsthaft versucht, die Zigaretten sein zu lassen. Ich vermute, das gehört gar nicht zu den Zielen, die er ernsthaft angehen will, dabei sitzt doch bestimmt auch irgendwo in ihm die Angst. Heißt das, dass er einfach seine Grenzen kennt? Oder kann er gar nicht wissen, wie stark sein Wille ist, weil er es nie probiert hat? Vielleicht ahnt er auch: Würde er das Aufgeben wagen und dann wieder anfangen mit dem Rauchen, ist er nicht mehr einer, der seine Grenzen kennt, sondern einer, der aufgegeben hat. Wie stünde er da vor Familien und Freunden, wenn wieder ein Zigarettenpäckchen in seiner Hemdtasche steckt? Wie stünde er da vor sich selbst?

Werden mein Vater und mein Onkel, beide gestandene Männer um die 60, beide robust und durchaus streitlustig, es wagen, den Kampf gegen die Sucht aufzunehmen? Diesen mickrigen Tabakstengeln zeigen, wer der Herr im Haus ist, mutig die eigenen Grenzen durchbrechen – für die Gesundheit wäre es das Mindeste. Aber manchmal fordert es all unsere Kraft, auch nur das Mindeste zu erreichen.

Die Autorin: Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".

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