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04.01.2008 Aus der Praxis: Vorfreude und anderes Persönliches

Über den Dialog mit seinen Patienten und die Tatsache, dass auch der Doktor dabei etwas lernen kann.

Zum Jahreswechsel an dieser Stelle mal sozusagen ein etwas persönlicher Einblick in die Praxistätigkeit, die ich nach meinem "Krankenhausleben" jetzt schon einige Zeit mache. Der Computer am Schreibtisch ist schon auf vollen Touren, gleich öffnet die Praxis am Morgen für die Patienten, und die Sprechstunde wird beginnen. Ein letzter Blick auf die Bestellliste am Bildschirm. Mit einem Mal stellt sich etwas wie Vorfreude ein, aber auch Dankbarkeit, und die Gedanken verschwimmen.
Wie viel lernt man doch als Arzt von Patienten, das man dann anderen Patienten weitergeben kann? Der erste Besucher, ein langjähriger Insulinpumpenträger, hat immer die Frage nach Fortschritten bei der kontinuierlichen Blutzuckermessung zur Begrüßung auf den Lippen. Dabei surft er selbst regelmäßig im Internet und sucht danach oder holt sonst Informationen ein, die wir dann beim Blick in seine Blutzuckerprotokolle kurz besprechen. Er hat mich z. B. als Erster vor gut einem Jahr auf die neue Generation von Geräten in den USA aufmerksam gemacht, die zumindest ca. 7 Tage recht zuverlässig messen und die ich mir dann einige Monate später vor Ort angesehen habe. Auch die zweite Patientin mit Typ-2-Diabetes und einer Kombinationsbehandlung aus Biguanid und Insulin vor dem Schlafen hat mir, schon einige Jahre zurück, etwas Interessantes gezeigt. Wir sprachen damals über das Wirkprofil ihres langwirksamen Insulinanalogs, aber auch über ungünstige Blutzuckerphasen gerade am Abend, und dass das HbA1c von 7,5 Prozent verbesserungsbedürftig in Richtung 6,5 Prozent sei. Beim nächsten Mal verblüffte sie mich, dass sie ihre Insulininjektion zum Abendessen auf 18.30 Uhr vorgezogen hatte und dass sie damit ihre abendliche Insulindosis sowohl vor dem Schlafengehen als auch morgens nüchtern, dem "klassischen" Zeitpunkt, anhand der Blutzuckerselbstkontrolle überprüfen und anpassen konnte. Fortan waren HbA1c-Werte unter 7 Prozent kein Problem mehr. Nummer drei auf der Bestellliste, ein langjähriger "Freak" der visuellen Blutzuckerselbstmessung, der die Teststreifen "geviertelt" hatte und mit wenig mehr als einem "ganzen" Teststreifen pro Tag bei seiner intensivierten Insulinbehandlung ausgekommen war, kam neulich ganz glücklich mit seinem Interneteinkauf recht ähnlicher Teststreifen wie "früher" und demonstrierte mir lächelnd, wie er sie wieder geviertelt hatte. Stolz rechnete er mir vor, dass er nun für fünf (Euro- )Cent einen Test machen kann.
So hat fast jeder auf der Liste, auf den vielen Listen, überall, zum Gesamtschatz des diabetologischen Wissens beigetragen. Hoffentlich bleibt mir das Zuhörenkönnen und das Vertrauen meiner Besucher noch recht lange erhalten, denke ich als älter werdender Doktor noch, weil ich diesen Dialog so spannend finde und weil vermutlich Diabetologie nur so funktioniert – als es klopft und sich mein Blick wieder schärft: "Was gibt es eigentlich Neues bei der Blutzuckermessung?" begrüßt mich  mein erster Besucher. Er hat meine Vorfreude nicht enttäuscht!
Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich, liebe Leser, wenn Sie das neue Diabetes-Journal aufschlagen und mit ein wenig Spannung und Vorfreude darin blättern, was es alles Neues zu entdecken gibt? Natürlich wünscht das zum Beginn des neuen Jahres Ihnen und uns allen

Prof. Dr. Eberhard Standl
Chefredakteur

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