06.10.09 Begaffen und Getuschel – das nervt!

Diabetes-Journal-Autor und Sportlehrer Detlev Kraft berichtet über ein Erlebnis mit der Insulinpumpe in der Sauna.

Wer ein piepsendes Gerät am Gürtel und ein Kabel im Bauch trägt, den sollte man vorsichtshalber im Blickwinkel behalten, oder? Nun, mein Diabetes und meine Insulinpumpe sind nichts, dessen ich mich zu schämen brauche. Also gebe ich auf höfliche Fragen interessierter Menschen gern Antwort. Gleichwohl nervt es mich sehr, aufdringlich begafft zu werden und Getuschel hinter meinem Rücken zu hören. Für solche Fälle habe ich mir passende Strategien zurechtgelegt; eine davon möchte ich vorstellen. Ob sie nachahmenswert ist? Vielleicht nicht; auf jeden Fall ist sie hochwirksam und hat vor kurzem wieder blendend funktioniert.
Ich war in der Sachsen-Therme und besuchte die Sauna. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der andere ihre Brille tragen, trug ich meine Accu-Chek Spirit an einem Elastikgurt um die Taille. Wie immer war die Biosauna proppenvoll. Kaum hatte ich einen freien Platz gefunden, spürte ich auch schon die üblichen Blicke: Was um alles in der Welt hat der denn da an sich hängen? Ein kleiner Junge auf der Sitzbank gegenüber schubst seinen Vater an, flüstert ihm ins Ohr, deutet auf mich. Der Papa flüstert zurück …
Die allgemeine Neugierde flaut ab – bis auf eine nicht mehr ganz junge und nicht mehr ganz schlanke Dame auf der oberen Bank, die mich mit offenem Mund anglotzt. Ein freundlicher Blick in ihre Augen; die Frau schaut verlegen zur Seite, ich lächle still in mich hinein. Als ich wenig später zur Sanduhr schaue, bemerke ich schon wieder das aufdringliche Gaffen der Besagten. Gleichzeitig fängt meine Insulinpumpe an zu piepen. Ich fingere an der Neopren-Tasche herum und bestätige den Alarm mit einem Knopfdruck. Von hier und da ein neugieriger Blick, dann döst man wieder vor sich hin. Nur die Dame von oben hält es nicht mehr aus: "Sagen Sie – Sie da, der neben dem Ofen –, was ist das eigentlich für ein Gerät, das Sie da am Gürtel tragen?"
Alles spitzt die Ohren. Und dann habe ich mir einen Spaß erlaubt:
"Das hier? Das ist ein Plutonium-Isolator! Der versorgt mich mit Karatanperoxid!" "Häää?" "Wissen Sie, gnä’ Frau, ich habe früher in Höxter im Kernkraftwerk gearbeitet. Ich war Techniker in der Reaktorkammer." Ein treuherziger Blick. "Leider waren die Sicherheitsvorkehrungen in Höxter nicht so, wie sie hätten sein sollen! Deshalb ist der Reaktor ja auch später vom Netz genommen worden! Nun ja, jedenfalls haben meine Kollegen und ich über die Jahre viel zu viel Strahlung abbekommen! Wir haben die Knochen und alle Organe voller Plutonium. Und damit wir nicht zuviel abstrahlen, müssen die von uns, die noch am Leben sind, solch ein Gerät tragen und alle naslang für ein paar Tage in die Strahlenklinik."
Man sperrt die Münder auf und vergisst zu atmen. Der Vater von gegenüber schluckt. "Jedesmal, wenn ich zu viel abstrahle, gibt das Gerät solch ein Piepzeichen", doziere ich weiter. "Ich muss dann eine Extradosis Karatanperoxid geben, die gleicht das wieder aus, und …"
Mein Banknachbar faucht etwas von "Unglaublich!" und verschwindet. Der Vater gegenüber schnappt seinen Jungen und zerrt ihn hinterher. Irgendwo höre ich, dass man eigentlich die Polizei rufen müsste. Die Saunakabine ist in weniger als einer Minute leer. Nur eine junge Dame bleibt unbeirrt auf ihrem Platz sitzen und grinst: "Das muss ich unbedingt meinem Bruder erzählen", kichert sie. "Der trägt nämlich auch ’ne Insulinpumpe und wird laufend blöd angequatscht!"

Detlev Kraft
Diabetes-Journal-Autor, Sportlehrer und Typ-1-Diabetiker

Kommentar

Anja Renfordt aus Lüdenscheid - 30.10.09 18:00

Hallo Ihr Süßen ;-)

Ich kann mich über die Geschichte nur ärgern! Es gibt doch immer Leute, die sich daneben benehmen. Von denen kann man dann auch keine normale Frage erwarten...
Ich lege meine Pumpe in der Sauna immer ab, alleine weil sie mich dann stört und ich auch ohne mit guten Werten hinkomme. In der Sauna wurde ich noch nie angesprochen.
Im Sportstudio beim Duschen werde ich oft auf den Katheter angesprochen. Ich versuche es möglichst einfach zu erklären und meistens sind die Leute einfach interessiert und trauen sich noch weitere Fragen zu stellen. Finde ich super!
Mir ist viel daran gelegen, die 'Unwissenden' aufzuklären und Betroffene zum offenen Umgang mit dem Diabetes zu ermutigen. Besonders Kinder, Jugendliche und deren Eltern...
Aber manche Leute wollen vielleicht auch einfach ihren Frust abbauen und warten darauf, 'provoziert' zu werden - immerhin wurde ja schon im Voraus eine Geschichte bereitgelegt. Dann doch lieber mal wieder den Sandsack verhauen ;-)

Ich hoffe, dass es genug Diabetiker da draußen gibt, die neugierige Blicke anders handeln!

Viele Grüße,

Anja Renfordt

Hans-Jürgen Tilsner - 26.10.09 17:52

Moin Barbara,

"Ich lege die Pumpe beim Saunagang immer ab, weil das Insulin die Hitze nicht verträgt," ist keine beiläufige Frage, sondern eine eindeutige Aussage. Und die ist so schlicht so völlig unzutreffend, dass niemand Physiker sein muss, um das zu sehen.
Wenn Du ohne den unzutreffenden Hinweis auf die Temperatur geschrieben hättest, dass Du die Pumpe für den Saunagang ablegst, hätte ich daran absolut nix zu kritisieren gehabt. Vielleicht hätte ich auch sonst einfach drüber weg gelesen, wenn ich nicht gerade wieder in der Selbsthilfe so einen Töffel erlebt hätte, der seine chaotische BZ-Steuerung darauf geschoben hat, dass sein Insulin bei seinem Griechenlandurlaub die Tage zu warm geworden und verdorben wäre.

Ansonsten stimme ich Dir voll zu, wenn Du schreibst: "Ich würde sagen, es kommt immer darauf an, in welcher Verfassung... "
Generell denke ich allerdings, dass wir unseren Diabetes samt Versorgung drum rum durchaus mal ein bisschen lockerer sehen sollten. Als gutes Beispiel dafür (vielleicht ein bisschen zu anspruchsvoll?) hab ich jedenfalls diese abgenervte Plutonium-Story verstanden ;-)

Bisdann, Jürgen

Barbara Weber - 26.10.09 15:04

Hurrraaaa, endlich ist es soweit!!! Endlich wurde aus dem Thema „Begaffen und Getuschel – das nervt!“ ein komplett neues Thema aus der Taufe gehoben und zwar: „Mach mit beim Wettbewerb – wer ist der klügste Diabetiker im Land“ Da habe ich mit meiner beiläufigen Frage nach der Hitzeverträglichkeit von Insulin ja einen schönen Stein ins Rollen gebracht. Soll es doch jeder so machen wie er es für richtig hält. Ich für meinen Teil lege die Pumpe während des Saunaganges ab, weil ich der Meinung bin, dass Hitzeeinwirkung meinem Insulin nicht gut tut. Der Herr Physiker kann es ja anders halten! Zurück zum Thema! Ich habe bezüglich meiner Pumpe noch keine negativen Erfahrungen machen müssen. Ganz im Gegenteil! In Agadir wurde ich von Einheimischen am Strand gefragt, ob da Musik rauskommt und egal, wo ich bis jetzt mit meiner Pumpe aufgetaucht bin, ich hatte noch nicht großartig das Gefühl dadurch alle Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Sicher, ab und zu wird mal neugierig der Hals gereckt, na und? Dann sagt man halt, um was für ein Gerät es sich handelt, wo ist da das Problem? Manchmal mache ich mir auch einen Spaß draus und sage, dass es eine Menschen-Fernbedienung ist. Im Laufe des Gespräches stelle ich meine Aussage dann natürlich wieder richtig. Als Diabetiker erregt man halt manchmal die Aufmerksamkeit der Menschen um einen herum, aber nicht ausschließlich durch das Tragen einer Insulinpumpe. BZ messen ist da viel auffälliger, oder ganz zu Beginn meiner Diabeteskarriere das hantieren mit der Spritze. Ich würde sagen, es kommt immer darauf an, in welcher Verfassung man gerade ist. Manchmal verträgt man es halt nicht, wenn man „angeglotzt“ wird und möchte einfach seine Ruhe haben. Ein anderes Mal sieht man das Ganze wieder lockerer. So sind halt wir Menschen, der Eine ist neugierig, ein Anderer introvertiert, der Nächste albern, aber manchmal gibt es auch ganz, ganz Kluge……..

Hans-Jürgen Tilsner - 24.10.09 18:55

Hey, da sind ja echte "naseweiße" Witzknicke unterwegs, Sternzeichen Milchmädchen, oder?
Ich meine, nix gegen das Ablegen der Pumpe für den Saunagang, aber warum? Wirklich, weil da alles über 60 Grad heiß wird? Wirklich?

Mal ehrlich, wer von Euch würde das denn wohl überleben? Bei uns Menschen ist doch knapp über 40 Grad schon Schicht, oder?

Wenn Ihr in Physik besser aufgepasst hättet oder wenigstens ein bisschen logisch denken würdet, hättet Ihr nicht sone blöde Fehlinfo verzapft. Denn dann wäre Euch von Anfang an klar gewesen, dass sich das Pumpenpäckchen in ner halben Stunde in der Sauna um keine 10 Grad erwärmt ;-)

Gisela Bohnes aus 58675 Hemer - 24.10.09 16:00

Ich habe den Artikel zweimal gelesen , um sicher zu sein , daß ich nichts überlesen habe. Nein , ich finde diese blöde Antwort überhaupt nicht witzig . Daß die Leute in der Sauna sich unhöflich verhalten haben durch ihr Starren , ist eine Sache. Aber muß man mit gleicher Münze zurückzahlen ? Die einfache Antwort : das ist eine Insulinpumpe , hätte doch völlig gereicht. Vielleicht wäre auch eine wirklich witzige Antwort möglich gewesen . Sollten die Leute aus der Sauna wieder mal einem Pumpenträger begegnen , wird derjenige viel gutmachen müssen. Schönen Dank auch ! Gisela Bohnes

Ulrike Thurm - 21.10.09 12:36

Vielleicht hätte man mal erwähnen müssen, dass es sich bei Insulin um ein Eiweiß handelt. Diese Substanz wird bei Temperaturen > 40 Grad geschädigt und bei temperaturen > 60 Grad zerstört. Das bedeutet, dass Insulin, welches mit in die Sauna genommen wird und diesen Temperaturen ausgesetzt wird, kaputt und damit unwirksam ist. Damit entsteht die Gefahr einer diabetischen Ketoazidose, die, im schlimmsten Fall, bei fehlender medizinischer Intervention, tödlich verlaufen kann. Ziemlich hoher Preis um in der Öffentlich keit blöde Kommentare abgeben zu können. Auch sehr merkwürdig, dass ein solcher Kommentar, der zu einem wirklich massivebn gesundheitlichen Risiko führen kann (alle Pumpenfachbücher weisen nachdrücklich darauf hin, dass Insulinpumpen in der Sauna abgelegt werden müssen) vom Diabetes Journal einfach so, ohne Kommentar, abgedruckt wird. Es Wunderbar auch, wenn einer dieser Saunabesucher in seinem späteren Leben einen anderen Insulinpumpenträger sieht, wird er vor dem schreiend und voller Angst weglaufen. Ganz toll - damit hat man sicherlich den Insulinpumpenträgern einengroßen gefallen getan, wenn sie als lebensbedrohliche Gefahr dargestellt werden, ganz besonders gilt dies auch für Insulinpumpe tragende Kinder. Da wurde dann echt was für die Integration getan.

Barbara Weber aus Frauenau - 21.10.09 07:33

Nicht schlecht Frau Specht!! Ich sage immer, daß ich eine Fernbedienung angehängt habe, die ich immer tragen muß. Ich tippe Befehle ein und mein Körper wird über das kleine Kästchen quasi "ferngesteuert". Neu ist mir allerdings, daß man seine Pumpe in der Sauna, also beim schwitzen trägt? Ich lege die Pumpe beim Saunagang immer ab, weil das Insulin die Hitze nicht verträgt. Wurden mit dem Artikel die Leser nicht falsch informiert?

Hans-Jürgen Tilsner - 16.10.09 08:21

SUUUUUUPER!

Eine praktische Anti-Gaff-Anleitung, mit der jeder mit etwas Spaß konkret etwas anfangen kann ;-)

Nur, warum finden wir im DJ eher so eine praktische Anleitung zum Umgang mit unseren Mitmenschen als eine zum Umgang (gesunden Steuern) mit unserem BZ?

Mit fragenden Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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