29.10.2007 Blaue Ringe und rosa Elefanten
Mir ist aufgefallen...
... dass ich gar nicht genug bekommen kann von den blauen Ringen. Die Kleinen aus Metall mit den güldenen Rändern zieren inzwischen die Revers meiner gesamten Business-Kluft, ein großer aus Plast hängt im Arbeitszimmer, als Flying circles fliegen sie durch die Luft und sammeln auf jedem Kilometer Geld für die Kinderheime des Deutschen Diabetiker Bundes in Lüdenscheid und Apolda. Ich sehe sie schon überall. Sogar in der Deckenbeleuchtung im Pressezentrum beim EASD-Kongress in Amsterdam glaubte ich, sie zu erkennen. Meine Kollegin schmunzelte – und gab mir recht. Die hübschen kleinen Teilchen fallen natürlich auf. Wenn ich, was sehr oft geschieht, eine unserer Selbsthilfegruppen besuche, werde ich meist schon bei der Begrüßung gefragt, ob das eine Brosche sei oder eine bestimmte Bedeutung habe? "Das werde ich euch schon erklären", sage ich immer. Die Geschichte geht dann so: Der blaue Ring in den Farben der Vereinten Nationen symbolisiert "Unite for Diabetes"; für Diabetes zusammengehen, denn er ist ein weltweites Problem. Deshalb hat ihn die UN als erste nichtansteckende Krankheit auf die Liste der Gefährdungen gesetzt, denen sich die Regierungen aller Länder besonders widmen müssen. Auch die deutsche Regierung hat die entsprechende UN-Resolution unterschrieben. Die Internationale Diabetes Föderation trägt den Gedanken natürlich mit, und in ihr ist Deutschland vertreten mit der Deutschen Diabetes-Union, der wiederum der Deutsche Diabetiker Bund angehört. Wir sind also Bestandteil des blauen Ringes, wir als kleine Gruppe inmitten der großen weiten Welt. Meist kann ich es förmlich spüren, wie wichtig sich die Zuhörer plötzlich sind, wie ihnen auf einmal sehr viel deutlicher wird, wie schön es ist, in dieser Organisation zu sein, die in die Welt hineinreicht. Es entsteht ein anderes, ein neues Gefühl der Identifikation, es entsteht ein größeres Selbstbewusstsein.
Mich freut das immer: Selbstbewusstsein ist das, was wir brauchen. Denn die Tatsache, dass die deutsche Regierung die UN-Resolution unterschrieben hat, heißt ja nun nicht, dass in puncto Versorgung der Menschen mit Diabetes alles paletti ist. Unser aller Freund Sawicki, der Chef des Kölner Institutes, das vorgibt, für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen zu forschen, zeigt uns ganz gern einmal die rote Karte – Sie wissen schon, das ist die, für die der Schiedsrichter nach hinten greifen muss, um sie zu ziehen. Und es stört die akademisch gebildeten Damen und Herren um den Professor nicht im Geringsten, dass sie mit ihren Ergebnissen international buchstäblich rosa Elefanten sind. In Amsterdam wurden von prominenten Experten aus vieler Herren Länder Studien über Studien vorgestellt, die in allem recht geben, was wir immer sagen: dass Insulinanaloga für viele Betroffene besser und wirkungsvoller sind als andere Insuline, dass man den Blutzuckerverlauf regelmäßig kontrollieren, bewerten und regulieren muss, dass auf die Werte zwei Stunden nach dem Essen zu achten ist, weil sie sich besonders auf Herz und Kreislauf auswirken...Wir fühlten uns in vielen Dingen bestätigt. Verbittert meinte eine Kollegin: "Es ist traurig, dass man sich kaum traut, das in Deutschland zu schreiben." So weit sind wir also schon. Da können Studien randomisiert und verblindet sein, wie sie wollen, vor IQWiG-Augen finden sie keine Gnade. Wäre ja zu verstehen, wenn sie nur aus deutschen Federn stammen würden, denn der Prophet gilt bekanntlich nichts im eigenen Lande. Aber auch die internationale Weisheit wird vorzugsweise ignoriert. Unite for Diabetes – gilt das auch für Sie, Herr Sawicki?