11.08.2010 Blutzuckerteststreifen: Mein Problem mit der Mathematik
Haben Sie auch manchmal Probleme mit der Mathematik? Nein, nicht mit dem ganz normalen Rechnen im Alltag, sondern wenn es um die Empfehlungen geht, wie viele Blutzuckerteststreifen Diabetiker bekommen „dürfen“? Immer wieder melden sich verzweifelte Leser, die berichten, ihr Arzt habe ihnen gesagt, dass er ihnen nicht mehr so viele Teststreifen wie nötig verordnen könne – sonst müsse er sie aus seinem eigenen Geldbeutel bezahlen, er werde sozusagen bestraft!
Hintergrund sind Empfehlungen, die es von verschiedenen Seiten gibt. Darin werden konkrete Zahlen genannt, wie viele Teststreifen je nach durchgeführter Therapie „bewilligt“ werden. Aber sind die darin genannten Zahlen alltagstauglich? Genau da fangen meine Probleme mit der Mathematik an. Betrachten wir das Ganze einmal aus dem Blickwinkel des intensiviert mit Insulin eingestellten Diabetikers. In der Praxis-Leitlinie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ 1 steht: BZ-Selbstmessung: 4 x pro Tag (vor jeder Mahlzeit und vor dem Schlafengehen). Bei durchschnittlich 91 Tagen in einem Quartal sind dafür mindestens 364 Blutzuckerteststreifen notwendig.
Unser Beispieldiabetiker ist berufstätig und benötigt für den Weg zur Arbeit ein Auto. In der Fahrerlaubnisverordnung steht in § 2: Wer sich infolge körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen nicht sicher im Verkehr bewegen kann, darf am Verkehr nur teilnehmen, wenn Vorsorge getroffen ist, dass er andere nicht gefährdet. Die Pflicht zur Vorsorge […] obliegt dem Verkehrsteilnehmer selbst oder einem für ihn Verantwortlichen. Das bedeutet, dass ich vor dem Losfahren sicherstellen muss, dass keine Unterzuckerung vorliegt und der Blutzucker auch gerade nicht schnell abfällt. Also benötige ich an Werktagen pro Tag zwei weitere Teststreifen: morgens vor dem Losfahren und abends vor dem Nachhausefahren. Im Quartal sind dafür somit 120 Teststreifen nötig, wenn man einige Urlaubstage abzieht. Damit sind wir bei 484 Teststreifen im Quartal.
Einkaufen oder Ausflüge am Wochenende machen viele auch mit dem Auto. Vor diesen Fahrten, möglicherweise währenddessen und vor der Rückfahrt sind wieder Blutzuckermessungen erforderlich. Nur durch die Ausflüge an vielleicht drei Wochenenden im Quartal erhöht sich das Teststreifenbudget um 9 auf 493 Teststreifen.
Ein sportlich aktiver Diabetiker bekommt ebenfalls Leitlinien-Empfehlungen. Beim Thema Diabetes, Sport und Bewegung heißt es für Typ-1-Diabetiker: Bei Bewegung und Sport häufige Blutzuckerselbstkontrollen durchführen […]. Und für Typ-2-Diabetiker: Blutzuckermessungen vor, während und nach dem Sport bei Diabetikern durchführen, die mit Insulin […] behandelt werden. Pro Sporteinheit werden also noch einmal mindestens drei Messungen empfohlen. Bei viermal Sport in einer Woche – viel Sport wird empfohlen – bedeutet das für den Teststreifenbedarf: noch einmal 156 dazu. In der Summe sind das bereits 649.
Wer jetzt noch hin und wieder nachts testen muss, weil Verdacht auf eine Unterzuckerung besteht, oder eine Unterzuckerung tagsüber nachweisen muss, benötigt weitere Teststreifen, jeweils in der Situation und zur Kontrolle des Therapierfolgs wenig später. Unterzuckerungswahrnehmungsstörungen, sehr instabile Blutzuckersituationen oder besondere Situationen wie Urlaub sind in dieser Berechnung noch gar nicht berücksichtigt.
Verstehen Sie jetzt mein Problem mit der Mathematik, wenn manche Ärzte nur noch 400 Teststreifen im Quartal verschreiben wollen, wie von Lesern berichtet?
Dr. Katrin Kraatz
Redakteurin Diabetes-Journal