09.04.10 BMI: Plötzlich falsches Maß?

Jahrelang galt der BMI als sicheres Indiz für die Beurteilung des Körpergewichts. Nun soll er abgelöst werden.

Schon verblüffend: Jahrelang wurde postuliert, dass es ein wissenschaftlich fundiertes Maß gibt, ab wann dick sein gesundheitsschädlich ist. Das Maß heißt „Body-Mass-Index BMI“ und setzt in einer komplizierten Rechnung die Körpergröße ins Verhältnis zum Gewicht. Alles, was Werte von 30 überschreitet, galt als gefährlich und behandlungsbedürftig, weil Risiken wie Herzinfarkt drohten. Gerade auch in vielen Vorsorgeprogrammen spielte deshalb dieser Wert eine wichtige Rolle.

Doch nun kommt der Mediziner Dr. Harald J. Schneider von der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität und plötzlich ist alles nur noch „April, April“. Denn der Arzt hat herausgefunden, dass „der BMI keine Rolle für das Schlaganfall-, Herzinfarkt- oder Todesrisiko eines Menschen spielt“. Natürlich war schon immer vielen Experten klar, dass solch ein einheitliches Maß nicht für alle Menschen gelten kann, nimmt es doch auf individuelle Konstitutionen keine Rücksicht. Aber solche Bedenken wurde beiseite gewischt – und schlimmer noch: Es wurden viele Menschen in medizinische Behandlungen geschickt, Krankenkassen drohten Patienten bei überhöhten BMIs mit Sanktionen, auch wurden Leute ganz schlicht zu Unrecht stigmatisiert.

Aber was macht nun der Münchner Mediziner mit seinen gewonnen Erkenntnissen: Etwa Abbitte bei den Patienten leisten, dass sich die Wissenschaft jahrelang geirrt hat? Wieder um verlorengegangenes Vertrauen werben? Vorsichtig eine Revision ankündigen? Leider nicht, vielmehr zieht Dr. Harald Schneider einen neuen Wert aus der medizinischen Trickkiste, der genau so kompliziert heißt, nämlich WHtR – was steht für „Waist-to-Height-Ratio“. Es wird also diesmal der Taillenumfang ins Verhältnis zur Körpergröße gesetzt, und dieses Maß wäre ein verlässlicher Indikator für mögliche kardiovaskuläre Risiken. Jedenfalls so lange, bis sich wieder ein Wissenschaftler mit einer Studie profilieren will.  

Mein Vorschlag: Statt sich auf Formeln zu verlassen, sollten die Mediziner wieder das tun, was sie früher ausgezeichnet hat: Jeden einzelnen Menschen als Ganzes behandeln.

Hans Lauber

Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 14.04.10 13:59

Sehr geehrter Herr Lauber,

ein schwacher Trost für all die längst sprichwörtlich 3D-Gestempelten (dicke doofe Diabetiker). -
Können Sie sich einen Arzt oder Medien-Multiplikator vorstellen, der sich für diesen entwürdigenden falschen Stempel nun entschuldigt?

In Selbsthilfe-Gruppen habe ich in Tränen aufgelöste Betroffene erlebt, nachdem ihre Ärzte sie dafür so richtig rund gemacht hatten, dass sie wieder nicht abgenommen hatten. Ich weiß von ärztlichen Behandlungsverweigerungen mit genau dieser Begründung, und ich weiß von Ärzten und Fachärzten, die ihren Schwergewichten allen Ernstes als Gewissheit vermittelt haben und noch immer vermitteln, dass sie keinen Diabetes hätten, wenn sie sich die zuvielen Kilos nicht angefressen hätten, und dass sie in dem Moment geheilt wären, in dem sie wieder BMI 25 erreichten. -
Wie gefragt, können Sie sich einen Arzt vorstellen, der sich für solch fragwürdiges Therapie-Verhalten bei seinen Patienten entschuldigt?

Im Internet finde ich in den virtuellen Selbsthilfe-Gruppen (Foren und Blogs usw.) immer mehr Erfahrungsberichte mit der neuen Medikamenten-Klasse der Inkretin-Mimetika Byetta und Victoza. Diese Mittel wurden dazu entwickelt, einen der größten Typ2-Defekte auszugleichen, nämlich die fehlende Insulinbestellung, wenn neue Glukose aus dem Darm in den Blutkreislauf übergeben wird. Gesund bestellen die Darmhormone immer dann passend Insulin, BEVOR der Blucker damit ansteigt, und dann wird der meiste Zucker zusammen mit dem meisten Insulin schon in der Leber verwurstet und nicht erst durch den gesamten Kreislauf gepumpt, so dass der Blutzucker eines Gesunden nach dem Essen auch von ganz vielen KHs nur sehr wenig ansteigt.
Aber nach dieser gesunden Blutzucker-Wirkung nach dem Essen (abhängig von der Menge der noch verfügbaren Insulin produzierenden Beta-Zellen!) wird mit der Verordnung von Byetta und Victoza offenbar höchst selten geschaut. Allenfalls nach dem Nüchternzucker, auf den diese Medis nur indirekt und minimalen Einfluss haben können. VIELMEHR werden diese beiden Medis offenbar häufig IN DER HAUPTSACHE wegen ihres häufig beobachteten Abnehm-Effektes verordnet. -
Können Sie sich einen Arzt vorstellen, der sich für solch fragwürdiges Therapie-Verhalten bei seinen Patienten entschuldigt?

Und können Sie sich wirklich vorstellen, dass fortan der gesunde BZ (das Messen bei Messen-Essen-Laufen) als Ziel in den Vorder- und die leidigen Kilos in den Hintergrund treten, wo gerade erst wieder in Dresden aus vollen Backen (und hohen Bäuchen?) international zur Hatz auf die Kilos als die "eigentlich ja doch einzige Hauptursache für Typ2" geblasen wurde?

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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