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12.05.2009 Die richtigen Partner an den Tisch!

"Es muss normal werden, dass man mit der Fachgesellschaft und Vertretern der Patienten diskutiert."

"Das Glas ist halb leer", sagt der Pessimist, "Wenn Du nicht das hast, was du liebst, musst Du das lieben, was Du hast", sagt ein altes chinesisches Sprichwort. "Gefallen macht schön", sagt mein Vater.

Dies sind Beispiele dafür, dass es immer auf den Blickwinkel ankommt, aus dem man die Dinge betrachtet; das ist natürlich nur dann möglich, wenn es auf das persönliche Empfinden ankommt. Anders ist es bei Fakten, die man sehen muss, wie sie sind.

Fakten wurden unter den Teppich gekehrt
Mit dem Problem hat derzeit das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu kämpfen: Dort wurde aktuell der Abschlussbericht für langwirksame Insulinanaloga zur Behandlung des Typ-2-Diabetes mellitus vorgelegt; gemeint sind die Insuline Glargin (Lantus) und Detemir (Levemir).

Hier muss sich nun auch das IQWiG aufgrund harter Fakten eingestehen, dass die beiden Analoginsuline in Bezug auf Unterzuckerungen deutliche Vorteile haben. Man kann sich dieser Datenlage nicht entziehen, man kann sie nicht uminterpretieren, und man muss sie auch in diesem Bericht erwähnen.

Und so verwundert es nicht, dass die einzig noch verbleibende Möglichkeit, diesen positiven Effekt unter den Teppich zu kehren, auch genutzt wird: nämlich, indem man ihn im Fazit des Berichtes einfach weglässt. Damit wird einmal mehr deutlich, welches Ziel das IQWiG seit seiner Gründung verfolgt: Es geht hier nicht um die Qualität und Wirtschaftlichkeit, sondern es geht um Einsparungen im Gesundheitswesen.

Seien wir ehrlich: Dies ist durchaus legitim, denn wir haben es aufgrund der Überalterung der Bevölkerung in Deutschland und aufgrund der gestiegenen therapeutischen Möglichkeiten in der Medizin mit einem sozio-ökonomischen Problem zu tun. Auch wenn Gesundheitsministerin Ulla Schmidt nicht müde wird zu beteuern, dass für jeden Patienten alles medizinisch Sinnvolle auch künftig bezahlt werden wird, so wird auch klar, dass unser Gesundheitssystem bald an seine Grenzen stoßen wird.

Deutlicher Korrekturbedarf
Doch ist der Weg, den die Gesundheitspolitik vor Jahren mit der IQWiG-Gründung eingeschlagen hat, wirklich richtig? Ich persönlich glaube, dass er nicht von Grund auf falsch war, aber einer deutlichen Korrektur bedarf. Man kann nur begrenzt den Nutzen teurer Medikamente wissenschaftlich bestreiten oder wegdiskutieren – wie jetzt geschehen beim Abschlussbericht über die langwirksamen Analoginsuline für Typ-2-Diabetiker.

Wir haben im Gesundheitssystem ein begrenztes finanzielles Volumen, dieses muss aber zum größtmöglichen Nutzen für Patienten eingesetzt werden. Wie kann man dies praktisch umsetzen? Sicher ist es schwierig, die Akteure im Gesundheitswesen einzeln zu befragen, wie viel Geld sie für ihren medizinischen Bereich brauchen; und sicher ist es unmöglich, Konsens zwischen allen im Gesundheitssystem Tätigen von A wie Anästhesist bis Z wie Zahnarzt zu erzielen.

Diskussion muss normal werden
Im Grunde sind Tätigkeit und Aufgabengebiet des IQWiG wichtig, doch darf es nicht dem Ermessensspielraum der IQWiG-Verantwortlichen überlassen bleiben, wie die Daten zu interpretieren sind. Vielmehr muss es normal werden, dass man die Daten eines solchen Berichtes mit der entsprechenden Fachgesellschaft und kompetenten Vertretern der Patienten diskutiert.

Ich bin mir sicher, dass es mit den richtigen Ansprechpartnern am Tisch möglich ist, die Daten aus einem gemeinsamen Blickwinkel zu analysieren und moderne Therapieoptionen dem Wirtschaftlichkeitsgebot folgend denen zugänglich zu machen, die davon auch wirklich profitieren.


Prof. Dr. med. Thomas Haak
Chefredakteur

Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 19.05.09 08:48

Sehr geehrter Herr Dr. Haak,

wenn schon Generaldebatte, dann bitte die auch an der Stelle ansetzen, an der sich die Qualität jeder Diabetes Therapie entscheidet, nämlich bei uns Betroffenen! Dafür brauchen wir dringend von Anfang an verständliche Information und praktisch nachvollziebare Anleitung dazu, wie wir aktiv jeden Tag unsere mehr oder weniger defekte Blutzucker-Automatik unterstützen bis ersetzen und zuverlässig unseren möglichst gesunden Blutzucker-Verlauf produzieren können.

Dabei kann es nicht um das möglichst gehorsame Befolgen irgendwelcher ärztlicher Einstellungsvorgaben gehen. Mit solchen Vorgaben sind ein gesunder Blutzucker-Verlauf von meistens max. 140-120-100 mg/dl 1-2-3 Stunden nach jeder Mahlzeit und ein HBA1c-Wert um 5-6 zuverlässig ohne Hypos nicht zu schaffen. Sondern es geht hier um die Anleitung dazu, wie z.B. ein neu betroffener Mensch systematisch entdecken kann, wie er mit welchem Verhalten seinen Blutzucker-Verlauf beeinflusst und wie er das immer gezielter aktiv zu seiner gesunden Blutzucker-Steuerung nutzen kann. Die Wirkung von Medis würde er selbstverständlich in genau der gleichen Weise ergründen und sie dann ggf. gezielt einsetzen und so garantiert mit jedem Insulin seinen gesundem BZ-Verlauf und keine schweren Hypos produzieren. Mithin keine Grundlage für eine Diskussion, welches Insulin mehr Hypos mache, denn die gehört eindeutig in die Abteilung "passive Einstellung".

Wie so ein aktives Betroffenenverhalten aktuell konkret gelebte Wirklichkeit sein kann, habe ich im Kommentar zu Hans Laubers Schutzschirmbeitrag hier im Blog aus eigener Fall-Anschauung skizziert. Und schon way back im Januar 2008 hatte ich im Kommentar zu seinem Aktienten-statt-Patienten-Beitrag darauf hingewiesen, dass Professor Sawicki (und mit ihm eine bedeutende Fachfraktion!) einen HBA1c-Wert von 8 für völlig ausreichend hält und alle ärztlichen und betroffenen Bemühungen für einen nennenswert niedrigeren für absolut überflüssig. Wir hatten uns dann noch per Mail dazu ausgetauscht, wie der Herr Professor IQWiG mir ganz konkret meinen 5er HBA1c Kraft seiner geschliffenen Rethorik persönlich auszureden versucht hat, weil die UKPDS ergeben habe, dass 8 für Typ2 völlig ausreiche und 7 als weniger schädlich ein interpretativer Fehlschluss sei. - Und mal ehrlich, mit einem HBA1c um 8 als gesundem Standard macht das günstigere NPH nicht wirklich mehr Hypos, und in dem Rahmen hat uns Ulla doch tatsächlich recht, "dass für jeden Patienten alles medizinisch Sinnvolle auch künftig bezahlt werden wird" , oder?

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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