04.11.09 Diabetes: Die neue Pest

Schon bald 300 Millionen Diabetiker

Riesendebatten um die Schweinegrippe – obwohl zahlenmäßig nur wenige Menschen betroffen sind. Kaum Debatten um den Typ-2-Diabetes – obwohl allein in Deutschland zehn Millionen Menschen betroffen sind. Obwohl jedes Jahr 300 000 neue Fälle dazu kommen. Obwohl die Betroffenen immer jünger werden. Obwohl weltweit in zehn Jahren rund 300! Millionen! Menschen an dieser Form des Diabetes leiden werden. Obwohl an den indirekten Folgen wie Herzinfarkt und Schlaganfall Millionen Menschen sterben. Obwohl der Typ-2-Diabetes damit längst eines ist: Die neue Pest.

Drei Gründe sind speziell in Deutschland für die Diabetes-Epidemie verantwortlich:

Ärzte denken zu wenig in Lebensstilkategorien
Für sehr viele Ärzte ist der Typ-2-Diabetes eine „normale“ Krankheit, auf die „klassisch“ mit Medikamenten reagiert wird. Damit kommen sie stark den Wünschen ihrer Patienten entgegen, die auf ihren Diabetes gerne so reagieren: „Ich hab´ was, ich nehm´ was, ich muss nichts ändern“. Dabei zeigen weltweite Untersuchungen, dass ein Großteil der Betroffenen ihren Lifestyle-Diabetes allein durch eine Änderung des Lebensstils in den Griff bekommen kann, sodass sie keine oder kaum Medikamente brauchen.

Damit das aber geschieht, müssen die Ärzte diese Änderung zur primären Prämisse des Handelns machen – und zwar in aller Radikalität, auch gegen Widerstände der Patienten. Erst wenn alle Möglichkeiten der Eigeninitiative ausgeschöpft sind, darf der Griff zum Rezeptblock erfolgen. Das wird auch deshalb absolut erforderlich, weil die Kosten des Lifestyle-Diabetes sonst demnächst das eh schon finanziell angeschlagene Gesundheitssystem zum Einsturz bringen. Gerade in Deutschland wird dieses System auch deshalb so beansprucht, weil hier besonders schnell den Typ-2-Diabetikern das teure Insulin verordnet wird – ein Prozess, der sich wohl noch beschleunigen dürfte, wenn Chris Viehbacher, der Chef von Sanofi-Aventis (einer der großen Insulin-Produzenten), recht behält, der im FAZ-Interview sagte: „Das Insulin-Geschäft soll sich in den nächsten fünf Jahren verdoppeln“.

Übrigens: Die „Lauber-Methode“ aus „Messen, Essen, Laufen“ bietet einen sehr guten Ansatz für eine langfristig erfolgreiche Lebensstil-Umstellung.

Krankenkassen „suchen“ immer noch chronisch Kranke
Es ist der Fluch der guten Tat: Die Umverteilung von Risiken innerhalb der Krankenkassen, dass also beispielsweise die AOK mit sehr vielen chronisch Kranken nicht die ganzen Lasten allein schultern muss. Das hat aber in der Praxis der Disease Management Programme und des Gesundheitsfonds zu der absurden Situation geführt, dass es sich für die Kassen „lohnt“ chronisch Kranke zu haben. So schrieb jüngst der SPIEGEL in seiner bemerkenswerten Geschichte „Die Krankmacher“ über den Gesundheitsfonds: „Bei Ärzten und Krankenkassen hat sich ein fundamentaler Sinneswandel vollzogen. Im Mittelpunkt steht nicht mehr der möglichst gesunde Mensch, sondern ganz im Gegenteil, der möglichst kranke“. Und Hans Unterhuber, Chef der Siemens Betriebskrankenkasse, sprach im SPIEGEL von einem „absurden System“.

Denn nur wenn jemand als Chroniker eingestuft wird, bekommt die Kasse richtig viel Geld aus dem Fonds. Kurzfristig mag das zutreffen, langfristig kann die Rechnung nicht aufgehen. Mich erinnert diese Denke an das kurzfristige Agieren an den Finanzmärkten – mit den bekannten Folgen.

Einen weiteren fatalen „Nebeneffekt“ hat diese Denkweise: Es fehlt der absolute Wille der Kassen, die Prävention und die Änderung des Lebensstils zur Maxime ihres Handelns zu machen.

Zuckersucht und Bewegungsmangel sind Zivilisationsgrundlagen
Auch wenn viele Experten immer noch das Gegenteil behaupten: Die Durchsüßung der Gesellschaft ist eine der Hauptursachen für den Diabetes – und zwar über die „Zucker-Insulin-Schaukel“. Denn die übermäßige Zuckerzufuhr vor allem über „versteckte Zucker“ wie in Colas, auf die unser Organismus nicht eingerichtet ist, führt zur Ausschüttung des Dickmach-Hormons Insulin – und Übergewicht ist die wesentliche Ursache für Diabetes.

Das wissen die betroffenen Industrien natürlich nur zu gut – was etwa den erbitterten Widerstand gegen die „Lebensmittel-Ampel“ erklärt. Nicht dass die Ampel alle Probleme löste, aber ein roter Punkt auf allen süßen Dickmachern würde sehr vielen Verbrauchern, die oft fassungslos wenig über die Zusammensetzung von Lebensmitteln wissen, die Augen öffnen.

Aber die weltweit durchgesetzte westliche Lebensweise hat noch einen weiteren Diabetes-fördernden Mangel: Die für das reibungslose Funktionieren des Körpers notwendige Bewegung wird durch die allzeit verfügbare maschinelle Mobilität sträflich reduziert. Ohne ausreichende Bewegung sind aber alle Bemühungen um eine Eindämmung der Diabetes-Epidemie zum Scheitern verurteilt.

Völlig unverständlich ist deshalb, dass der Sportunterricht ein Randfach ist, das auch noch als erstes ausfällt. Und dass in den Konjunktur-Paketen wieder nur der Straßenbau gefördert wird – und für die Radwege kaum Geld ausgegeben wird.

Was bedeutet das alles? Die rein medizinische Betrachtung des Diabetes wird das Problem nicht lösen. Diese Epidemie muss gesellschaftspolitisch angegangen werden. Noch haben die Akteure des Gesundheitssystems (zu dem auch die Lebensmittel-Industrie, die Schulen, die Betriebe zu zählen sind), die Chance, den notwendigen Übergang zu einem gesunden und „bewegenden“ Lebensstil aus eigener Kraft zu gestalten.

Verspielen sie diese Chance zu freiwilligen Maßnahmen, wird der Diabetes eine eigene Dynamik entfalten, die mit den Umwälzungen der Pest und der nachfolgenden Cholera vergleichbar ist: Denn diese Epidemien haben dazu geführt, dass die unhygienischen Zustände abgeschafft werden mussten, haben völlig neue Formen des Städtebaus, des Zusammenlebens erzwungen. Genauso wird der Diabetes dann eine Gesellschaft erzwingen, bei der beispielsweise alle Schüler nur noch zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule kommen dürfen; wo große Teile der Süßindustrie verboten werden.

Die Debatten um die Einführung der „Ampel“ werden angesichts dieser kommenden radikalen Zwangseingriffe in der Rückschau dann nur noch wie harmlose Scharmützel wirken.



Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner - 11.11.09 00:33

Sehr geehrter Her Lauber,

zunächst stelle ich fest, dass Sie mir in der Sache in keinem konkreten Punkt widersprochen haben. Danke.

Und dann muss ich ja auch einen Professor bemühen. Wie wär's mit dem Banting-Preisträger 2008 der American Diabetes Association, Dr. DeFronzo? Hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Punkte aus seiner Dankrede:

http://www.dlife.com/dLife/do/ShowContent/inspiration_expert_advice/expert_columns/garn[..]

Sorry, aber da ist kein Punkt, der sich mit Lifestyle erklären ließe, obwohl Dr. DeFronzo als Vater der Insulinresistenz-Therorie gilt.

Mit nach wie vor völlig verständnislosen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

Hans Lauber - 10.11.09 12:42

Sehr geehrter Herr Tilsner,

von einer Diffamierung kann keine Rede sein. Aber was ich schreibe, ist keine Einzelmeinung, sondern wird von vielen Ärzten vertreten, die inzwischen auch meinen Begriff "Lifestyle-Diabetes" übernommen haben. So schreibt etwa der Diabetologe Prof. Stephan Martin, Chefarzt Sana-Kliniken Düsseldorf, im Vorwort des Buches "Fit wie ein Diabetiker":

"Wenn diese Stoffwechselstörung aber wesentlich durch den Lifestyle bedingt ist, dann kann sie auch nur durch eine Änderung des Lifestyles vermieden werden. Dies konnte bereits in wissenschaftlichen Studien eindeutig belegt werden. Konkret bedeutet das: Nicht mehr das Solidarsystem kann allein die Verantwortung für die Gesundheit übernehmen, sondern die Verantwortung verschiebt sich ganz stark zu jedem einzelnen.

Mit dem Buch ´Fit wie ein Diabetiker` ist es Herrn Lauber gelungen ein neues Bewusstsein für den Typ-2-Diabetes zu etablieren, was in seiner prägnanten Wortschöpfung Lifestyle-Diabetes zum Ausdruck kommt".

Beste Grüße Hans Lauber

Hans-Jürgen Tilsner - 08.11.09 19:10

Sehr geehrter Herr Lauber,

es mag nicht ihre Absicht sein, aber mit Ihrem Beitrag und Ihrer Bezeichnung Lifestyle-Diabetes für Typ2 diffamieren Sie in absolut unerträglicher Weise Millionen Betroffene und stigmatisieren darüber hinaus völlig gesunde Dicke, bei denen in der Folge Ihrer unqualifizierten Veröffentlichkeitungen die automatische Affinität zum vermeintlich angefressenen & angesessenen Typ2 angenommen wird. Einzige Entlastung: Sie stehen damit nicht alleine, und der Deutsche Diabetiker Bund, in dessen Sprachrohr wir uns hier treffen, kann mit solcher Diffamierung eines großen Teils seiner Mitglieder offenbar sehr gut leben.

Fakt ist, dass es KEINEN diagnostizierten Typ2 ohne folgende organische Defekte gibt, die alle bisher in keinen Zusammenhang mit Bewegungsprofil und Statur gebracht werden konnten:
1. Die Abnahme der Beta-Zellen bis auf etwa 20% der Menge eines Gesunden gleichen Geschlechts und Alters und gleicher Statur bis zur Typ2(!) Diagnosereife.
2. Die Zunahme von intaktem Proinsulin im Blut. Proinsulin ist im Blut Stoffwechselgesunder nicht nachweisbar, hat nur 10% der Blutzucker-Senkwirkung von Insulin, fördert aber super Adipositas & Arteriosklerose, und zwar schon lange vor Erreichen der Diagnosereife!
3. Die Abnahme des Inkretin-Effektes und in der Folge immer höher ansteigender Blutzucker nach dem Essen, und zwar schon lange vor Erreichen der Diagnosereife!.
4. Die sogenannte hepatische Insulinresistenz: die bis zum 3fachen über normal verstärkte Zuckerausgabe, zu der die diabetisch gestörten Alpha-Zellen die Leber antreiben, besonders auffällig nach den Mahlzeiten und in den frühen Morgenstunden, und zwar schon lange vor Erreichen der Diagnosereife!.

Sie schreiben zutreffend, dass wir Betroffene die Auswirkung dieser Defekte wesentlich selbst so begrenzen können, dass wir unseren Blutzucker in vielen Fällen sogar völlig ohne Medis alltäglich zuverlässig im gesunden Rahmen halten können. Hier 2 Beispiele aus meinem eigenen Erleben, http://www.onmeda.de/foren/forum-diabetes/bz-messen-als-schluesselwerkzeug/1662710/read.html und http://www.onmeda.de/foren/forum-diabetes/bz-&-bewegung/1619276/read.html#msg-1619276 .
Ich kenne noch viele weitere Beispiele in dieser Art, aber ich kenne nicht eines, zu dem ein Arzt angeleitet hätte. Und auch die Ärzte, die o.g. Beispiele echt bewundert haben, haben ihre Behandlungspraxis nicht geändert. Nach wie vor sagen sie ihren Prädiabetikern, dass die zwar einen erhöhten Blutzucker hätten, der aber nur weiter beobachtet werden müsse und noch lange kein Diabetes sei. Und vor allem, dass sie ihren Blutzucker selbst nicht zu messen bräuchten, weil sie den ja eh erst beeinflussen könnten, wenn sie Insulin spritzten. - Da passt er doch hervorragend drauf, Ihr Vorwurf mit dem Lifestyle-Diabetes, oder?

Mit völlig verständnislosen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

Gisela Bohnes aus 58675 Hemer - 07.11.09 10:33

Hallo Herr Lauber , danke für Ihre Antwort , Sie haben natürlich recht. - Bei der Behandlung der Typ-II Leute kommen m.E.zwei unschöne Dinge zusammen. Diese Erkrankung gilt immer noch als "Alte-Leute" Erkrankung, bei der die Betroffenen eben einfach nur ein Stück Kuchen essen dürfen statt zweier. Man hat eben "ein bißchen Zucker", na und? Daß das bißchen Zucker auch heute noch Amputationen, Blindheit und Nierenversagen nach sich ziehen kann, ist immer noch nicht in den Köpfen drin. Der zweite Punkt ist, daß aktives Vorgehen gegen Typ-II richtig Mühe macht! Und wenn der Arzt sowas verlangt, dann wechselt man eben. Man soll im fortgeschrittenen Alter den ganzen Lebenstil ändern und womöglich auch noch sportlich werden. Aber warum eigentlich? Zucker tut doch nicht weh und es gibt doch Medikamente. Von den vielen Typ-II, die ich kenne, hat es nur EINE geschafft, durch eine konsequente Änderung des Lebensstils 25 kg abzunehmen und dem Dm die rote Karte zu zeigen. Lieber Herr Lauber, ich denke, Sie werden sehr viel lauter werden müssen, um eine Änderung zu erreichen. Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Ihre Gisela Bohnes

Hans Lauber - 06.11.09 14:45

Sehr geehrte Frau Bohnes,

schönen Dank für Ihr Schreiben. Aber es geht in meinem Beitrag weiß Gott nicht darum die Typ-1-Diabetiker "totzuschweigen". Aber es steht mir als Nicht-Arzt und Nicht-Betroffener schlicht nicht zu, mich über dieses medizinisch fundierte Thema zu äußern. Ich darf etwas zum "Lebensstil-Diabetes" vom Typ-2 sagen - denn diese Diabetiker können sehr häufig etwas aus eigener Anstrengung unternehmen, bräuchten oft keine Medikamente, was ja beim Typ1 nicht geht. Etwas anderes ist mir auch ganz wichtig - und ich habe es immer betont: Wenn die steigende Zahl von Typ-2-Diabetikern alle mit Insulin behandelt würden (obwohl es oft auch anders ginge), dann werden, wenn schon bald die Budgets enger werden, möglicherweise den Typ-1-Diabetikern gute Insuline nicht mehr bezahlt, etwa die für viele wichtigen Analoginsuline. Ich hoffe, damit Ihre Enttäuschung ein wenig gemildert zu haben.

Beste Grüße Hans Lauber

Gisela Bohnes aus 58675 Hemer - 05.11.09 10:12

Lieber Herr Lauber , ich weiß gar nicht , worüber Sie sich aufregen. Bei der immer größer werdenden Anzahl von Typ-II Diabetikern haben sie doch einen Riesenvorteil : sie werden wahrgenommen ! Wird irgendwo etwas über Diabetes geschrieben , ist IMMER der Typ-II gemeint. Sie können es ganz einfach überprüfen . Schauen Sie das DJ oder z.B. die in den Apotheken ausliegenden Publikationen an. Wenn überhaupt ein Wort über Typ-I verloren wird , dann nur im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen. Offenbar hat niemand damit gerechnet , daß die tatsächlich das Erwachsenenalter erreichen.. Was also tun ? Zum Glück sind es nicht zu viele . Da reichen noch Nichtbeachtung und Totschweigen. Also , seien Sie froh , daß Sie zu einer großen Gruppe gehören , die man nicht mehr übersehen kann ! Mit freundlichen Grüßen Gisela Bohnes

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