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30.06.2010 Diabetes: ein 5-Minuten-Häppchen?

Machen Sie 10 Minuten täglich Gehirnjogging, gehen Sie 30 Minuten täglich raus, führen Sie ein Minutentagebuch. Lernen Sie perfekt Englisch – dafür reichen 5 Minuten am Tag, und in weiteren 5 Minuten täglich retten Sie Ihre Beziehung. Kochen? Innerhalb von lächerlichen 10 Minuten zaubern Sie etwas Gesundes, das garantiert allen schmeckt.

Hat eigentlich schon mal jemand zusammengerechnet, wieviel Zeit man bräuchte, um all diese  gut gemeinten Tipps umzusetzen, die unser aller Leben verbessern und uns bestimmt zu besseren Menschen machen? Ein Kollege von mir sagt, es wären 36 Stunden, das hätten Wissenschaftler mal errechnet. (Dafür haben sie aber sicher mehr als 10 Minuten gebraucht, wetten?)

Woher kommt nur die Manie, das gesamte Leben in Häppchen zu zerteilen? Irgendwo müssen sie alle zusammenhocken, die Erfinder der Minutenhäppchen, und sie freuen sich diebisch, wenn wieder jemand auf ihre Lockangebote hereingefallen ist.

Die Ernüchterung kommt schnell:  
Wer mal eben 5 Minuten Gymnastik machen möchte, muss raus aus den engen Jeans, macht seine Übungen und zieht sich danach wieder um. Und nach dem Kochen muss aufgeräumt und gespült werden – auch nach einem „Blitzgericht". Fazit: Alle 5-Minuten-Aktionen werden von weiteren zeitraubenden Aktionen begleitet.
Das ist ein Fass ohne Boden, in dem kostbare Lebenszeit auf Nimmerwiedersehen verschwindet! Alles Lug und Trug! Oder glauben Sie dem Berliner Diabetologen, der meint, man müsse täglich nur 5 Minuten in seine Krankheit investieren?  Wie das gehen soll? Ist doch klar: 5 Sekunden für jede Blutzuckermessung, 10 Sekunden fürs Spritzen und 20 Sekunden, um die Lebensmittel zu berechnen.

Das Denken in Minutenhäppchen führt zu Überforderung und Enttäuschung. Und wer es damit übertreibt, hakt sein ganzes Leben nur noch ab.
Nicht abhaken ist aber die Kunst, sondern in einem Lebensfluss zu schwimmen. „Flow" heißt dieser Idealzustand heute – ist Englisch und bedeutet „Fließen"; im Deutschen gibt es dafür den schönen Ausdruck „in etwas aufgehen".  
Keine Haken, keine Häppchen, stattdessen Aufgehen in der Arbeit, im Dasein, im Leben. Alles in uns ist im Einklang – wir sind glücklich, Zeit spielt keine Rolle. Und dennoch kriegen wir gerade jetzt etwas geschafft.
Wie kommt man zum Fluss? Der erste Schritt ist: Nicht mehr auf die Uhr schielen, sondern im Handeln und Denken bei der Sache bleiben.

Der Autor: Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".

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