06.10.2010 Diabetes in den Medien: Wenn schon, dann aber richtig…

Fakten rund um den Diabetes werden in den Medien oftmals falsch dargestellt. Dabei könnte man gerade über die Medien viel Aufklärungsarbeit leisten.

Thema wird meist totgeschwiegen
Es ist ja wirklich selten, dass in der Presse oder gar im Film oder Fernsehen der Diabetes eine besondere Rolle spielt. Und obwohl in Deutschland fast jeder Zehnte an Diabetes erkrankt ist, wird das Thema meist totgeschwiegen. Oder haben Sie schon einmal erlebt, dass eine junge, sympathische Tatortkommissarin Typ-1-Diabetikerin ist? Oder dass vielleicht der Schiffsarzt vom Traumschiff durch Sport und gesunde Ernährung auf dem Luxusliner seinen Typ-2-Diabetes erfolgreich bekämpft? Mitnichten, denn das Thema Diabetes scheint offenbar negativ behaftet zu sein. Der Umgang mit Nadeln und Spritzen oder mit einem Blutzuckermessgerät scheint keine leichte Kost für den Film- und Fernsehkonsumenten zu sein. Viel zu groß ist doch die Gefahr, dass der Zuschauer einfach wegzappt.

Insulininjektion gegen Unterzucker?
Dabei könnte man gerade mit den Fernsehmedien viel positive Aufklärungsarbeit leisten. Umso mehr ärgert es mich, wenn Fakten rund um den Diabetes in der Presse oder beim Film falsch dargestellt werden. So berichtet eine große Tageszeitung beispielsweise mitten im August, dass eine 4-jährige kleine Heldin ihrer Mutter das Leben gerettet habe; die Mutter habe demnach durch Versagen der Insulinpumpe einen Unterzucker bekommen. – Oder nehmen wir den berühmten Kinofilm Panic Room mit Jodie Foster: Hier erhält deren Tochter mit Typ-1-Diabetes gegen den drohenden Unterzucker eine Insulininjektion in die Bauchhaut. In beiden Fällen trifft natürlich das Gegenteil zu. Bei Versagen der Insulinpumpe wäre der Zucker gestiegen – und Insulin senkt den Blutzucker, so dass der Unterzucker weiter verschlimmert worden wäre.

Medizinisch gesehen passieren die tollsten Dinge
Selbst in unseren beliebten Arztserien, die ja alle angeblich medizinische Berater beim Schreiben der Drehbücher zu Rate ziehen, passieren medizinisch gesehen die tollsten Dinge. So wird in der beliebten Vorabendsendung "Die Rettungsflieger" am 27. August dieses Jahres ein Patient mit einem Blutzucker von 45 mg/dl (2,5 mmol/l) mit der souveränen Anweisung durch die Notärztin „vier Gramm Glukose i. v.“ behandelt. Sauber, denkt man sich da: Mit einer Drittel Broteinheit dürfte der Blutzucker dann für wenige Minuten von 45 auf 55 mg/dl (also 3,1 mmol/l) gestiegen sein, um danach wieder rapide abzufallen. Richtig wäre die 5-fache Menge gewesen, mindestens. Doch anders als vom fachkundigen Zuschauer erwartet, springt der Patient auf und strahlt den Notarzt an. Toll!

Diabetes muss ein Thema in der Medienlandschaft werden
Die Liste der Beispiele könnte man natürlich beliebig fortsetzen. Daher meine inständige Bitte an alle meine Journalisten-Kollegen bei Funk und Fernsehen und den sonstigen Medien: Bitte berichtet fleißig über den Dia­betes mellitus und leistet Aufklärungsarbeit und holt das Thema Diabetes bitte auch aus der Schmuddel-Ecke. Keiner ist ausschließlich selbst Schuld an seinem Diabetes, und viele könnten mit einer besseren Aufklärung den Diabetes vermeiden oder frühzeitig richtig behandeln. Diabetes und gesunder Lebensstil müssen endlich ein Thema auch in der Medienlandschaft werden. Und wenn Ihr das macht, dann macht es bitte richtig! Und wenn Euch die Informationen fehlen, dann ruft einfach an hier bei uns in der Redaktion des Diabetes-Journals.

Prof. Dr. med. Thomas Haak
Chefredakteur

Kommentar

Dirk Pahne - 18.10.10 17:45

Wenn schon, dann aber richtig…??

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. med. Haak,
etliche Beispiele, die sie nennen, sind zutreffend.
Aber in einem Fall schiessen Sie den Bock ab. 4 Gramm Glukose i.v. erhöhen bei 5l Blut den BZ um 80mg/dl. Das sollte zur Behebung von einer Unterzuckerung reichen.
Sie schlagen aber min. die 5-fache Menge vor, das wäre dann min. eine Erhöhung um 400mg/dl. Im genannten Fall würde man dann auf auf min. 445mg/dl können.
Obwohl viele Ärzte die postprandialen Werte vernachlässigen, tun es Diabetiker weniger. Etliche Diabetiker vermeiden, dass ihre Werte die 300 überschreiten, einfach weil es Ihnen Probleme bereitet.
Sie empfehlen etwas, was die meisten Diabetiker tunlichst vermeiden. Und das soll richtig sein(, weil es von einem Prof. kommt)?

Zur Kommissarin mit Typ-1:
Unrealistisch, Diabetiker werden von der Polizei nicht genommen. Also muss sie Typ 1 nach der Anstellung bekommen haben. Die haben aber Schwierigkeiten mit ihrem Diabetes. Für Jugendliche mit Typ 1 gibt es entsprechende Schulungsangebote , für Erwachsene aber nicht.
Des Weiteren werden Diabetiker allgemein für nicht belastungsfähig gehalten, d.h. Innendienst. Und dort sind die Beförderungschancen schlecht, also nix mit Kommissar.

Der Schiffsarzt vom Traumschiff soll seinen Typ2 mit Sport und gesunder Ernährung erfolgreich bekämpfen?
Wo leben Sie denn?
Da Diabetes für nicht heilbar angesehen wird, fehlt Ärzten die Motivation.
Dann deren Sprüchen "Das bisschen muss nicht behandelt werden!", so einer soll es schaffen?
Oder "Das muss von Schokolade kommen!", da wird ein Arzt eine deprimierende Erfahrung machen, wenn er nur seinen Schokokonsum reduziert.

Oder anders ausgedrückt, das Grundwissen kommt von den Ärzten, das Prasxiswissen von den Diabetikern.
Solange die Ärzte nicht auf die Patienten hören, wird das nichts!

Mit freundlichem Gruss
Dirk Pahne

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 09.10.10 14:50

Sehr geehrter Herr Dr. Haak,

interessant finde ich auch Ihr Vor-Rechenbeispiel - einmal abgesehen davon, dass ein Blutzucker von 45mg/dl gerade mal ein bisschen benommen und schlapp macht und noch lange keinen Rettungs-Einsatz rechtfertigt. Gesunde Menschen haben zwischen den Mahlzeiten ganz normal etwa 65-85, und die reichen auch voll für jeden Diabetiker, wenn der nicht völlig krank so eingestellt ist, dass sein Blutzucker schon zwischen den Mahlzeiten doppelt so hoch und höher verläuft.

Aber zurück zu Ihrer Rechnung: von 45mg/dl auf 65mg/dl werden pro Liter Blut 0,2 Gramm gebraucht, also bei den 5 Litern Blut, die im Durchschnitts-Erwachsenen umlaufen, ganze 1 Gramm Glukose. 4 Gramm werden gespritzt, die in jedem Falle für einen Blutzucker deutlich über 120mg/dl sorgen - was Ihnen aber offenbar noch nicht reicht. Denn mit der 5fachen Menge halten Sie offenbar einen absolut überhöhten Blutzucker um 400 für therapeutisch erforderlich, oder?

Die Menge entspricht dem fachoffiziell empfohlenen Unterzucker-Reaktions-Verhalten, mit dem jeden Tag tausende von Insulinern das starten, was anschließend Blutzucker-Achterbahn genannt wird: Für den Unterzucker so viel essen, dass anschließend Überzucker entsteht, der dann runter gespritzt wird mit dem Ergebnis von neuem Unterzucker, der mit der fachoffiziellen Essempfehlung dann wieder vom Überzucker abgelöst wird usw. usw.

Und das ganze Durcheinander, das schnell mal einen ganzen Tag frisst, für die paar Minuten, die gerade mal 1 Gramm Glukose relativ gefehlt hat. Denn Unterzucker ist ja kein schwarzes Zuckerloch, das endlos viel Glukose aufsaugen könnte. Sondern Unterzucker ist in den meisten Fällen nichts anderes, als der Auslauf der 2-3 Stunden zuvor leicht zu hoch angesetzten Insulin-Dosierung. Und dieses Zuviel ist im Gegensatz zu den häufig viel zu großen nachfolgenden Achterbahn-Korrektur-Versuchen knapp begrenzt und würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Rahmen einer Stunde von der ganz normalen inneren Zucker-Ausgabe aus Leber und Nieren (tragen, wie Sie ja wissen, etwa die Hälfte des alltäglichen Zuckerumsatzes bei) vollständig ausgeglichen.

Warum also Ihre Kritik an einer zwar überflüssigen, aber durchaus noch in den Rahmen passenden Film-Darstellung, und warum Ihre Forderung nach einer völlig überzogenen ärztlichen Reaktion?

Mit fragenden Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 07.10.10 09:21

Sehr geehrter Herr Dr. Haak,

die Medien verbreiten offenbar bedenkenlos jeden Sinn und jeden Blödsinn zu jedem Thema, und warum sollten wir da zu Diabetes mehrheitlich oder gar ausschließlich sinnhafte Veröffentlichungen erwarten - zumal unser dj damit ja offensichtlich auch so seine Schwierigkeit hat, wie wir gleich sehen können?

Aber der Reihe nach: Warum also nicht im Film den passenden Bolus spritzen, wenn im Restaurant das Essen serviert wird?
Sorry, aber wann immer ich (zugegeben, nicht besonders häufig) im Restaurant esse, schau ich nach Mit-Insulinern aus und kann aus mehr als 10 Penjahren aufmerksamer Umschau von keinem Mahl berichten, bei dem ich an irgend einem anderen Tisch jemanden spritzen gesehen hätte. Könnte natürlich sein, dass ich nur immer mit Nichtdiabetikern zusammen gegessen hab oder mit Pumpis. Aber aus der aktiven Selbsthilfe weiß ich, dass viele Insuliner sich nicht einmal offen vor ihrem Lebenspartner spritzen mögen.

Warum sollten die Medien uns also vormachen, was wir selbst mehrheitlich nicht machen mögen? Obwohl ich nicht nachvollziehen kann, warum nicht. Denn mit dem Spritzen und Messen in aller Öffentlichkeit hab ich noch nie die geringsten negativen Zuschauer-Reaktionen erfahren.
Aber wie oft setzt sich die junge, sympathische Tatortkommissarin im Tatort zu einem Essen, zu dem sie als Typ1 spritzen müsste? Ob Sie wohl in 100 Stunden Film 1 Situation finden könnten, in der Sie beim Typ1 Darsteller den Pen erwarten würden? Oder würden Sie erwarten, dass die Tatortmacher dafür gewissermaßen quotenmäßig extra Situationen konstruieren sollten? Aber Vorsicht:

Tatsächlich ist die Wirklichkeit ja völlig anders, und Sie wissen das, und deswegen bewegen Sie sich ja mit Ihrer Medien-Kritik auch direkt auf dem selben medienmäßig wirklichkeitsfernen Niveau, das Sie kritisieren. Denn die sympatische junge Dame wird als Typ1 nie Kommissarin im Außendienst. Sie bekommt dafür wegen ihres Typ1 gar nicht erst die Anstellung. Und die sympatische junge Kommissarin im Außendienst, die ihren insulinpflichtigen Diabetes erst nach ihrer Anstellung auf Lebenszeit entwickelt, wird umgehend an den Schreibtisch versetzt - nicht zuletzt mit Hilfe der fachoffiziellen Diabetologie. Denn mit der fachoffiziellen Einstellung müsste die sympatische junge Dame im aktiven Verbrecherjagd-Job recht regelmäßig Mess-Spritz-Ess-Pausen einlegen und die gejagten Verbrecher halt so lange vertrösten. Oder eine Verfolgung müsste unterbrochen oder gar eingestellt werden, weil die junge Kommissarin gerade eine Hypo hat und die nächten 30 Minuten voll ausfällt.

Denn mit der fachoffizell normalen Einstellung ist völlig unmöglich, als unabdingbare Voraussetzung für so einen Job gleichzeitig und beständig u.a. folgende 3 Bedingungen zu erfüllen:
1. HBA1c diabetologisch gesund unter 6,5
2. absolute Hypofreiheit bei mindestens 12 Stunden ununterbrochen 100% Einsatz mit hohem mentalem und physischem Anforderungsprofil
3. absolut keine regelmäßigen Mess-Spritz-Ess-Zeiten während der Dienstzeit

Doch, es gibt Insuliner, die das schaffen, auch im aktiven Polizeidienst. Aber eben nicht mit der fachoffiziell normalen Einstellung. Und in aller Regel haben sie sich ihre alltäglich zuverlässig gesunde Blutzucker-Steuerung nicht nur selbst erarbeitet, sondern praktisch sogar gegen die Mehrheit der dafür konsultierten Fachärzte regelrecht erkämpft. Und statt nun solche Beispiele als Anstoß für die Weiterentwicklung der normalen Einstellungs-Anleitung zu nehmen und jungen Menschen als attraktive Beispiele für die aktive eigene Lebensplanung nahe zu bringen und z.B. auch ausführlich im dj darzustellen, schweigt die Fachärzteschaft solche Beispiele schlicht tot oder behandelt sie ohne jede Info zur jeweiligen BZ-Steuerung als exotische Ausnahmen, die halt die normale Regel bestätigen.

In dieser illustren Runde schießen Sie freilich mit Ihrer Forderung nach der lebensechten Darstellung der jungen, sympathischen Typ1-Tatortkommissarin beim offenen Hantieren mit Messgerät und Pen oder Pumpe im Einsatz voll den Vogel ab, Herr Chefredakteur ;-)

Zu diesem Volltreffer meinen herzlichem Glückwunsch!
Hans-Jürgen Tilsner

Kommentar abgeben

* Pflichtfelder

Kommentare werden nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Beiträge, die persönliche Beleidigungen, Diffamierungen, rechtswidrige Inhalte oder Werbung beinhalten, werden nicht veröffentlicht, ebenso Beiträge, die nicht zum Thema gehören, und Spams.

Jetzt bookmarken:del.icio.usMister Wongoneviewgoogle.comYahooMyWebWebnewsYiggItLinkaARENAlive.comMa.gnolia
Bookmark and Share

Aktuelle Ausgabe

  • Themen im Mai:
    • Diabetes-Hilfsmittel
    • Bluthochdruck
    • Abnehmen
    • Thailändisch Kochen

Diabetes-Lexikon

Das Diabetes-Journal auf Facebook & Twitter

Die Online-Frage

Achten Sie darauf, nicht zu viel Salz zu sich zu nehmen, um das Risiko für Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu reduzieren? Hintergrund

Ja

Nein

Das „Echt Essen"-Gasthaus des Monats

Ausprobiert: Geräte im Anwender-Test

Dr. med. Katrin Kraatz, selbst Typ-1-Diabetikerin, testet für Sie Geräte des Diabetikerbedarfs!

diabetestour – Ihr Gesundheitstag vor Ort

Diabetes-Bücher im Kirchheim-Shop

Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7

Das Diabetes-Journal ist Medienpartner der Diabetes-Aufklärungskampagne.