25.05.07 Dichtung und Wahrheit

Mir ist aufgefallen...

... oder besser gesagt: es ist mir wieder eingefallen, daß mir diverse Horoskopdichter für Mitte des Jahres unerwarteten Geldsegen versprochen hatten. Als notorische Skeptikerin hatte ich das sowieso nicht geglaubt und schnell vergessen. Doch dann kam die Ankündigung: Rentenerhöhung! Also doch, unverhofft kommt oft. Der Taschenrechner fühlte sich allerdings etwas veralbert und grinste mich mit einer einstelligen Zahl an. Von wegen "Segen". Da langte meine Krankenkasse schon anders zu, und ich sah auch ohne rechnerische Hilfe, daß die Erhöhung des Kassenbeitrages exakt das Doppelte der zu erwartenden Erhöhung der Rente beträgt. Ganz zu schweigen vom Datum: April hier, Juli da.
In der sonntagabendlichen Talkrunde hörte sich das aus Politikermunde ganz anders an: Nun ginge es aufwärts, alle würden etwas davon haben, nachdem sich zuvor alle in Verzicht geübt hätten.

Zum Beispiel die Rentner hätten doch jahrelang verzichtet und müßten nun endlich etwas oben drauf bekommen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – mir jedenfalls ist nicht bewußt, daß ich etwas unterschrieben oder erklärt hätte, was auch nur im Entferntesten nach Verzicht klingt. Verzichten ist sprachlich gesehen ein Aktivum, es hat keine Passivform. Und doch müßte es nicht heißen: Ich habe verzichtet; nein: Ich wurde verzichtet. Das ist nicht nur schlechtes Deutsch, das ist vor allem schlechte Realität. Und die obliegt politischer Verantwortlichkeit. Ob die Politik für das gegenwärtige Wachstum "verantwortlich" ist, muß bezweifelt werden. Die Politiker behaupten das vollmundig, andere sagen es anders, beschreiben immer wieder auftretende konjunkturelle Tiefs und Hochs. Solche Tiefs und Hochs haben jedoch nicht nur konjunkturellen Bezug, sie spielen sich auch im Realeinkommen ab – und da kommt Tief zu Tief und Hoch zu Hoch. Wer schon wenig hat, tief liegt, hat real immer weniger und umgekehrt ebenso. Es war immerhin eine Rundfunknachricht wert, daß sich das gewiß nicht niedrige Einkommen von Bahnchef Mehdorn im letzten Jahr deutlich erhöht hat. Kein Wunder. Die Bahnpreise steigen auch boshaft kontinuierlich und deutlich, die Leistungen sinken. Mit einer Bahncard 50 konnte man bis Ende 2005 noch jemanden mitnehmen – gestrichen. Frühjahrs-Tickets quer durch Deutschland für 29 Euro – fett in der Werbung, gestrichen in der Realität. "Solange der Vorrat reicht" – er wird nicht allzu groß sein, deshalb reicht er nicht einmal so lange, wie die Werbespots geschaltet sind.

So fühlt man sich auf die eine oder andere Weise veralbert in der bunten Republik Deutschland. Die Decke ist eben zu kurz für gesellschaftlichen Reichtum, man bräuchte gesellschaftliche Gerechtigkeit. Aber dafür reicht der Vorrat nicht. Deshalb bekommen die "da unten" von denen "da oben" generös "etwas oben drauf". Auf den Deckel natürlich, wohin sonst? Die Schreiber von Horoskopen und Politikerstatements haben etwas gemeinsam: Das Primat der Dichtung über Wahrheit. Wer’s glaubt, wird selig. Wer’s nicht glaubt, ist selbst schuld.

Kommentar

Keine Einträge im Gästebuch gefunden.

Kommentar abgeben

* Pflichfelder

Wir freuen uns über jeden Kommentar. Freigeschaltet wird jeder Kommentar nach kurzer Zeit. Beiträge, die persönliche Beleidigungen, Diffamierungen, rechtswidrige Inhalte oder Werbung beinhalten, werden nicht veröffentlicht, ebenso Beiträge, die nicht zum Thema gehören, und Spams.


Jetzt bookmarken:del.icio.usMister Wongoneviewgoogle.comYahooMyWebWebnewsYiggItLinkaARENAlive.comMa.gnolia

Aktuelle Ausgabe

• Messgeräte heute
 Gichtanfall
• Analoga für Typ 2
• Sauer macht lustig

 

Diabetes-Lexikon

Die Online-Frage

Befürworten Sie ein bundesweit einheitliches Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden, Gaststätten etc.?"

Ja

Nein

Das „Echt-Essen-Gasthaus” des Monats

Ausprobiert: Geräte im Anwender-Test

Dr. med. Katrin Kraatz, selbst Typ-1-Diabetikern, testet für Sie Geräte des Diabetikerbedarfs!

diabetestour – Ihr Gesundheitstag vor Ort

Diabetes-Bücher im Kirchheim-Buchshop

Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7

Das Diabetes-Journal ist Medienpartner der Diabetes-Aufklärungskampagne.

Das Diabetes-Journal auf Facebook