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05.09.2007 Die Stunde der Genetik

Machen neue Erkentnisse über Diabetes-Gene eine Änderung des Lebensstils überflüssig?

Manche werden sagen „Ich habe es gewusst: Die Gene müssen schuld sein an meinem Übergewicht, an meinem Typ-2-Diabetes.“ Die Genetiker, die noch vor kurzem den Typ-2-Diabetes als ihren Albtraum bezeichnet haben, träumen nun davon, die mit Typ-2-Diabetes assoziierten Gene binnen des nächsten Jahres alle zu kennen und damit den erblichen Hintergrund viel besser zu verstehen. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten ist es innerhalb von wenigen Wochen machbar, eine "genomweite Suche" nach Genverbindungen mit bestimmten Krankheiten durchzuführen. Vorausgesetzt, man hat gespeicherte Genproben von genau charakterisierten Personen zur Verfügung, die an den Krankheiten leiden. Solche Untersuchungen sind auch für den Typ-1-Diabetes auf dem Weg, aber die Kenntnisse scheinen derzeit besonders hinsichtlich des Typ-2-Diabetes rasant zu wachsen.

Mittlerweile hat man mit dieser Suchstrategie bereits acht verschiedene Gene im Erbgut gefunden, die mit Formen des Typ-2-Diabetes assoziiert sind. Dazu bedarf es immer auch der Bestätigung in verschiedenen Patientengruppen und Bevölkerungen. Sicher kennen wir die Funktion dieser Gene bisher nur unvollkommen, aber sie scheinen fast alle etwas mit einer Störung der Insulinsekretion zu tun zu haben. Vor allem die bislang am stärksten assoziierte Genvariante TCF7L2 führt zu einer abgeschwächten Wirkung des in der letzten Zeit in der Diabetologie bekannt gewordenen Hormons „GLP-1“ (s. Titelthema), was eine verminderte Abgabe von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse bedingt und womöglich auch ein verringertes Sättigungsgefühl. Nachdem seit kurzem Analoge des GLP-1 für die Diabetesbehandlung zur Verfügung stehen bzw. Tabletten, die zu einem erhöhten Wirkspiegel dieses Hormons führen, rückt erstmals eine auf die individuelle Genetik abgestellte Therapie bei Typ-2-Diabetes in den Bereich des Möglichen.

Man hat auch ein Fettsuchtgen namens „FTO“ entdeckt und in verschiedenen Bevölkerungen bestätigt. Es kommt bei ca. 16 Prozent der untersuchten Personen "reinerbig" vor und scheint nicht unmittelbar mit dem Typ-2-Diabetes verknüpft  zu sein. Es ist aber wohl besonders ungünstig  in Kombination mit den schon kurz dargestellten, nachteiligen Genvarianten für die Insulinfreisetzung. Mangelnde Bewegung oder vermehrte Kalorienzufuhr scheinen für die durchschnittlich 3 bis 4 kg mehr Körpergewicht bei den Menschen mit dem ungünstigen FTO-Gen nicht verantwortlich zu sein. Die Größe des "genetisch" bedingten Gewichtseffekts zeigt aber auch, dass offenbar viel Raum für Verhaltensänderungen bleibt, wenn man erfolgreich Gewicht abnehmen will. Noch ist die Genetik des Typ-2-Diabetes nicht enträtselt, es wird aber mit Sicherheit bei dem Wechselspiel zwischen Erbanlagen und Faktoren aus der Umwelt bleiben. Man wird auch künftig einen gesünderen Lebensstil brauchen:  zur Vorbeugung des Typ-2-Diabetes und als Grundlage jeder effektiven Diabetesbehandlung.
Umgekehrt belegt der starke genetische Einfluss bei Typ-2-Diabetes, dass man gut beraten ist, mit Schuldzuweisungen an die Adresse der Typ-2-Diabetiker zurückhaltend zu sein. Zum Glück kann man durch Lebensstiländerung sehr viel erreichen, aber die Genetik spielt eine wichtige Rolle. Die Kultur eines gesunden Lebensstils als Chance, z. B. für ein gesünderes Deutschland, muss daher als allgemeine gesellschaftliche Aufgabe gesehen werden. Wenn die Stunde der Genetik das die Politik lehrt, müsste man schnell zu geeigneten allgemeinen Präventionsmaßnahmen kommen: in Kindergärten, Schulen, Universitäten, bei der Städteplanung, Lebensmittelgesetzgebung und vielem mehr.

Prof. Dr. Eberhard Standl
Chefredakteur

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