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30.07.2010 Die Tage mit schönem Leben füllen

Oft sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die den Tagen Leben nehmen, zum Beispiel: Therapieeinschränkungen.

„Schenk dem Tag Leben, nicht dem Leben Tage.“ Diesen Spruch las ich vor kurzem in einer Todesanzeige. Mein erster Gedanke war: Stimmt, genauso sollte es sein! Denn wer weiß schon, wann das eigene Leben zu Ende ist? Die in der Todesanzeige Betrauerte war im Alter von 50 Jahren gestorben, wahrlich kein hohes Alter. Hoffentlich hatte sie das Motto, das ihr die Hinterbliebenen in der Todesanzeige zugedacht haben, verinnerlicht – und so ein erfülltes Leben gehabt.

Natürlich waren hier meine Gedanken nicht vorbei. Sie streiften weiter – zu meinem eigenen Leben, zu dem, wie andere das Leben von einem selbst oder auch einer großen Zahl von Menschen beeinflussen. Und ein Bedauern über die Entwicklung des Lebens machte sich bei mir breit: Alles geht immer schneller, vieles muss unter hohem Druck und dadurch ohne Vergnügen erledigt werden. Zeit füreinander haben viele auch nicht mehr. Aber all das, was so fehlt, macht doch ein Leben aus – ein Leben im Gesunden, ein Leben mit Diabetes, eben jedes Leben.

Oft sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die den Tagen Leben nehmen. Ich denke da zum Beispiel an das Problem, dass Diabetiker immer mehr Einschränkungen ihrer Therapie erleben, denen sie, wie man leider ständig erlebt, ziemlich machtlos gegenüberstehen. Auch wenn Betroffene und Experten sich mit ihrer Expertise einmischen: Wie das tägliche Leben ob dieser Einschränkungen aussieht, ist Gesundheitsökonomen und Politikern offensichtlich ziemlich egal. Für sie scheint der umgekehrte Spruch zu gelten: „Schenk dem Leben Tage, nicht dem Tag Leben.“

Hieran müssen wir als Betroffene noch arbeiten: dass die Tage mit Leben für viele Menschen das Entscheidende sind – nicht die durch Therapie gewonnenen Tage, die dann aber womöglich geringere oder gar keine Lebensqualität haben. Denn wenn die Rahmenbedingungen stimmen, kann jeder Tag schön sein?…?naja, fast jeder Tag. Denn über die Jahrzehnte haben Forscher und Ärzte, die täglich Diabetiker in der Sprechstunde haben, so viele Entdeckungen gemacht, so viele Therapien und Behandlungsprinzipien entwickelt, dass ein Diabetes kaum noch zu Einschränkungen führt – wenn man uns auch weiterhin an allen Fortschritten teilhaben lässt.

Wir können nur hoffen, dass auch diejenigen, die mit über unsere Tage bestimmen, das irgendwann auch so sehen, damit unser Bangen um unsere Therapie aufhören kann. Denn: Wer möchte nicht gern den Tagen Leben schenken?


Die Autorin: Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".

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