25.06.2007 Doch die Verhältnisse - die sind nicht so

Mir ist aufgefallen ...
... daß die deutsche Regierung keine besonders guten PR-Berater hat. Nein, das sind nicht diejenigen, die für die meist zu kurzen und zu engen Jäckchen mit den großen Knöpfen verantwortlich sind, an denen immerzu herumgezupft werden muß; die heißen vermutlich Politikerinnen-Designer.
PR-Berater hauen solche Slogans raus wie "Fit statt fett". Und die wiederum befinden sich in guter, weil akademischer Gesellschaft. Da stellt sich doch im schönen Hamburg der Kongreßpräsident der 42. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft hin und fordert, daß man sich auch um Bildungspolitik kümmern müsse, wenn es um die Diabetiker gehe und wörtlich: "Übergewicht beginnt zu Hause. Auch Diabetes hat etwas mit Bildung und Familie zu tun. Es ist eine Erkrankung der sozial Benachteiligten."
Diese Brocken muß man erst einmal schlucken und verdauen. Zum Glück machen Wörter ja nicht fett. Ich gehe einmal davon aus, daß der Herr Professor die Typ-2-Diabetiker meint. Der geneigte Leser weiß schon, das sind die, wir also, von denen man sagt: dick, doof, selbst schuld. Die Frau Bundesgesundheitsministerin hat während einer Sendung im Öffentlich-Rechtlichen mit ihrem stets umwerfenden Lächeln gemeint, daß die eben nicht jeden Tag ein Stück Sahnetorte essen dürften. So einfach ist das.
Fit, fett, Bildung, soziale Benachteiligung – ich bin kein Fußballexperte; aber sehe ich da nicht irgendwo ein Eigentor? Wann und vor allem durch wen ist jemand sozial benachteiligt? In Sachsen-Anhalt lebt jedes dritte Kind in Armut, in Deutschland jedes vierte. Warum? Weil es so böse Eltern hat? Wohl kaum. Von traurigen Ausnahmen abgesehen ist es doch so: Wer Kinder in die Welt setzt, möchte, daß es ihnen gutgeht, daß sie gesund aufwachsen, viel lernen, einen Beruf ergreifen und ausüben können. Doch die Verhältnisse, die sind nicht so. Ein Tag in Halles Spaßbad kostet um die 20 Euro pro Person, die sehr viel billigeren Freibäder und Schwimmhallen werden so nach und nach geschlossen. Böse Eltern, die ihren Kindern und sich selbst nicht einmal das bißchen Spaß gönnen – das müssen Stütze, 1-Euro-Job und Arm-durch-Arbeit-Vertrag doch hergeben. Aber natürlich, ihnen fehlt die Bildung. So können sie nicht wissen, daß Bewegung guttut.
Ohne Zweifel ist richtig: Falsche Ernährung und zu wenig Bewegung sind die Nährböden für Erkrankungen, auch für Diabetes. Das weiß mittlerweile jeder, das hat nicht direkt etwas mit Bildung zu tun. Dagegen muß und kann jeder etwas unternehmen.
Etwas wissen, etwas akzeptieren und etwas umsetzen sind drei Stufen eines Prozesses. Den Slogan aus Regierungskreisen kann ich nicht akzeptieren, und die professoralen Äußerungen in Hamburg finde ich unverschämt. Ich fühle mich ziemlich fit und finde mich nicht direkt ungebildet. Bildung definiert sich auch über Höflichkeit und Taktgefühl – doch wie sagen manche Berliner in ihrer unnachahmlichen Art: Die Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommste ohne ihr …
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