15.06.2011 Ein jeder kehre vor der eigenen Türe...

„Der Schuster hat oft die löchrigsten Schuhe“, pflegte meine Mutter zu sagen – und da ist was dran, auch wenn es paradox klingt. Denn was für ein Vorbild gibt ein Schuster ab, der mit löchrigen Schuhen herumläuft, statt sie zu reparieren, auf Hochglanz zu polieren und als Aushängeschild für sich zu nutzen?
Der Spruch kam mir in den Sinn, als ich unlängst unseren Pausenraum in der Klinik betrat. Der Tisch war voll mit leeren Verpackungen einer weltweit operierenden Fast-Food-Kette. In der Mitte stand eine 2-Liter-Flasche mit einem Rest brauner, koffeinhaltiger Limonade – natürlich nicht in der Light-Version. Drumherum saßen einige Kolleginnen aus der Diabetesberatung und lächelten satt und zufrieden. „Na super“, dachte ich mir, „genau, wie wir es in den Schulungen lehren – tolles Vorbild!“
Aber es gibt noch einen wahren Spruch: Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Als Arzt habe ich natürlich eine Vorbildfunktion. „Aber was hast du, lieber Herr Doktor Langer, gerade in den letzten tristen Wintermonaten gemacht?“, habe ich mich gefragt und mir gleich selbst die Antwort gegeben: „Richtig, vor dem Fernseher oder dem PC gesessen, anstatt zum Sport zu gehen. Und Kekse und Plätzchen verdrückt statt gesunder Gemüsesticks.“ Nur der Arztkittel schützte noch vor kritischen Blicken auf die sich deutlich vorwölbende Wampe. Ist das der wahre Grund, in der Diabetesklinik den weißen Kittel zu tragen? Schließlich rate ich meinen Patienten dauernd, sich mehr zu bewegen und weniger zu essen – ein gut erkennbares Bäuchlein würde meine Autorität in diesen Dingen nicht nur untergraben, sondern geradezu aushöhlen! „Langer, deine guten Ratschläge befolge mal schön selbst“, könnten die Patienten mit Recht denken.
Ich wollte unbedingt wieder zum guten Vorbild werden. Na ja, und dann habe ich einfach mal das gemacht, was ich den Patienten immer empfehle: Kalorien gezählt, energiedichte Lebensmittel gemieden, täglich 30 Minuten auf dem Ergometer gestrampelt und dreimal die Woche im Fitness-Studio geschwitzt. Ach ja, und der Aufzug in der Klinik ist jetzt auch tabu. Langsam, wirklich sehr langsam, hat sich der Erfolg eingestellt: Minus drei Kilo in vier Wochen, drei Zentimeter weniger Bauchumfang und das gute Gefühl, endlich fitter zu sein. So gesehen ein schöner Erfolg, der auch ein bisschen stolz macht. Aber der Weg dahin war hart – und wird mit jedem Lebensjahr härter. Dennoch lohnt er sich, denn ich habe jetzt nicht nur ein besseres Köpergefühl, sondern fülle statt meines Arztkittels meine Vorbildfunktion wieder etwas besser aus. Jetzt gilt es, das Gewicht zu halten. Und ich sollte auch mal mit unseren Diabetesberatern reden…
Der Autor: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".
Kommentar
Kommentar abgeben
* Pflichtfelder
Kommentare werden nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Beiträge, die persönliche Beleidigungen, Diffamierungen, rechtswidrige Inhalte oder Werbung beinhalten, werden nicht veröffentlicht, ebenso Beiträge, die nicht zum Thema gehören, und Spams.
Aktuelle Ausgabe
- Themen im Mai:
• Diabetes-Hilfsmittel
• Bluthochdruck
• Abnehmen
• Thailändisch Kochen
Diabetes-Lexikon
Das Diabetes-Journal auf Facebook & Twitter
Blogs & Meinungen
Die Online-Frage
Das „Echt Essen"-Gasthaus des Monats
Ausprobiert: Geräte im Anwender-Test
Dr. med. Katrin Kraatz, selbst Typ-1-Diabetikerin, testet für Sie Geräte des Diabetikerbedarfs!
diabetestour – Ihr Gesundheitstag vor Ort
Diabetes-Bücher im Kirchheim-Shop
Weitere Zeitschriften
Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7
Das Diabetes-Journal ist Medienpartner der Diabetes-Aufklärungskampagne.









