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19.06.2009 Familienalltag: Diabetes ist kein Störfaktor

"Ich bin damit aufgewachsen, dass jemand in meiner Nähe mit Spritzen hantiert."

Menschen mit Diabetes – wie sieht deren Alltag wohl aus? Welche Vorstellung haben Menschen davon, die nicht viel mit Diabetes zu tun haben? Dass alles anders ist? Dass Sport und normales Essen nicht möglich sind? Dass ein Diabetespatient den ganzen Tag damit beschäftigt ist, seinen Blutzucker zu messen?

Das würde bedeuten, dass mein Vater kein "normales" Leben führt. Er ist seit seinem dritten Lebensjahr Typ-1-Diabetiker, ist also mit allen Beeinträchtigungen vertraut, die diese Krankheit mit sich bringt. Er misst regelmäßig seinen Blutzuckerwert, spritzt Insulin, führt ein Diabetestagebuch und isst Traubenzucker, wenn sein Blutzuckerwert "zu tief ist".

Das klingt so, als wäre er tatsächlich dauernd damit beschäftigt, sich um seinen Diabetes zu kümmern. Selbstverständlich dauert es manchmal ein wenig länger als in anderen Familien, wenn wir zum Beispiel zu Verwandten fahren wollen und mein Vater vorher noch einmal seinen Blutzucker kontrollieren muss. Er muss das tun, damit er weiß, ob er in der Lage ist, Auto zu fahren.

Wenn wir in ein Restaurant gehen und mein Vater Insulin spritzt, gibt es einige Menschen, die ihn ansehen, als würde er etwas Verbotenes oder sogar Abartiges tun. Leider wird Diabetes oft als eine schwerwiegende Behinderung gesehen – als wäre ein Diabetiker jemand, der nicht an Veranstaltungen teilnehmen kann oder der nicht fähig ist, in der Öffentlichkeit aufzutreten.

Vielleicht ist das auch nur eine Sache des Blickwinkels. Ich bin damit aufgewachsen, bin daran gewöhnt, dass jemand in meiner unmittelbaren Nähe mit Spritzen hantiert. Der Diabetes prägt: Manchmal ertappe ich mich sogar dabei, zu überlegen, ob der Vater einer Freundin schon Insulin gespritzt hat – auch wenn er gar kein Diabetiker ist.

Auch wenn jemand in Zügen, Bussen oder Straßenbahnen Traubenzucker zu sich nimmt, frage ich mich sofort: Hat derjenige wohl Diabetes? Seit wann lebt er schon damit? Wie oft misst er Blutzucker, und wie geht er mit der Krankheit um? Bis mir irgendwann klar wird, dass auch oft Menschen, die sich zum Beispiel konzentrieren wollen, Traubenzucker essen.

Natürlich ist es nicht immer leicht. Vor allem für meinen Vater nicht. Manchmal muss er etwas essen, weil sein Blutzucker zu tief ist, obwohl er gar keinen Hunger hat. Oder das genaue Gegenteil ist der Fall: Er hat Hunger, und wir sind kurz davor, Kuchen zu essen – aber der Blutzucker ist zu hoch. Jetzt muss er entweder mehr Insulin spritzen, damit er ein Stück von dem Kuchen essen kann, oder er verzichtet darauf und spritzt nur die Korrektur.

Auch Ketoazidosen bringen (allerdings selten) den Alltag durcheinander. Zum Glück kennt mein Vater ja diese Stoffwechselentgleisungen und weiß, wie sie sich bemerkbar machen. Er hat Durst, seine Beine sind schwer, und er ist gereizt. Trotzdem: Diabetes ist für uns in der Familie kein Störfaktor. Wir wissen damit umzugehen und würden es vielleicht seltsam finden oder sogar vermissen, wenn mein Vater plötzlich seinen Blutzucker nicht mehr kontrollieren müsste. Schließlich ist er mein Papa – mit allem, was dazugehört.

Anne Berit Kraatz, 14 Jahre
(Praktikantin für zwei Wochen in der Diabetes-Journal-Redaktion)

Kommentar

Tilsner - 16.07.09 22:15

Moin Berit,

nachdem ich hier grad wieder einen völlig hohlen Gesundheitsfunktionärsartikel gelesen hab, möchte ich Dir nachträglich für Deinen erfrischenden Griff ins alltägliche Leben mit einem Betroffenen herzlich danken :-)

Mit sonnigen Grüßen aus Oelde
Hans-Jürgen Tilsner

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