01.06.2012 „Die optimale Lösung?“

Haben Sie selbst einen Typ-2-Diabetes, spritzen aber kein Insulin? Und Ihre Blutzuckerwerte liegen nüchtern unter 110 mg/dl oder unter 6,1 mmol/l – sowie nach dem Essen unter 140 mg/dl (bzw. 7,8 mmol/l)? Dann scheinen Sie alles richtig zu machen. Vor allem dann, wenn auch Ihr Langzeitwert (HbA1c) in Ordnung ist und gut unter 7 Prozent liegt.
Ständig erhöhter Blutzucker setzt den Gefäßen zu
Viele Typ-2-Diabetiker erreichen solche Werte nicht – nicht einmal annähernd. Nicht ohne Medikamente, nicht mit täglicher Tabletteneinnahme; auch nicht, wenn dann nach vielen Jahren Insulin in die Therapie einbezogen wird. So kommt es, dass „mehr als 75 Prozent aller Diabetiker an akuten Gefäßverschlüssen sterben, vor allem am Herzinfarkt“, schreibt Experte Prof. Diethelm Tschöpe (Bad Oeynhausen) im Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2012. Der ständig erhöhte Blutzucker setzt unseren Gefäßen zu, Arterien verkalken, letztlich lösen Gefäßverschlüsse den eigentlichen Infarkt aus.
Insulinbehandlung gleich nach der Diagnose
Expertin Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger (München) fragte Ende April auf einer Pressekonferenz des Unternehmens Sanofi in Berlin: Könnte eine Insulinbehandlung, gleich nach der Diagnose des Typ-2-Diabetes, „ein guter Weg sein, vielleicht sogar eine optimale Lösung“? Sprich, für eine extreme Verbesserung sorgen und Infarkte sowie Tod verhindern – bei Menschen, die ohne Insulin keine guten Werte erreichen?
Studienergebnisse in Kürze erwartet
Genau dieses untersuchten Wissenschaftler seit 2003 in der globalen ORIGIN-Studie. Teilnehmer bekamen entweder eine Standardtherapie je nach nationalen Leitlinien – oder aber Insulin glargin (sprich Lantus). Die Ergebnisse werden am 12. Juni in Philadelphia präsentiert, auf dem Kongress der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft (ADA): 12.500 Patienten weltweit wurden über Jahre beobachtet; durchschnittlich hatten die Personen bei Studienbeginn seit 5 Jahren Typ-2-Diabetes, der Langzeitwert HbA1c lag im Schnitt bei 6,5 Prozent. Zwei Drittel hatten schon Gefäßprobleme (hohes Risiko!), 19 Prozent der Probanden waren in einem Diabetes-Vorstadium (Glukose wurde nicht mehr richtig verwertet).
Viele Vorurteile - wenige Daten
Nun, Vorbehalte sowie Vorurteile gegen einen frühen Einsatz des Insulins bei Typ-2-Diabetikern gibt es genügend: „Insulin macht dick“ – „Unterzuckerungen drohen“ – „Insulin erhöht das Krebsrisiko“ – „Messen und Spritzen machen mein Leben schlechter“. Aus meinem Blickwinkel sollten aber Betroffene im Juni genau hinsehen, wenn ORIGIN vorgestellt wird. Denn „erstmalig“, so schreibt der Dresdner Experte Prof. Markolf Hanefeld im Diabetes-Forum, „wird in einem Megatrial die frühe Insulintherapie auf den Prüfstand gestellt“.
Gibt es ein Blutzucker-Gedächtnis?
Kann ich durch frühe Insulingabe dafür sorgen, dass sich mein Diabetes nicht verschlechtert? Gibt es ein Gedächtnis des Körpers, das sich an die guten Werte zu Diabetes-Beginn erinnert – und den Diabetes in weniger drastische Bahnen lenkt (Legacy-Effekt)? Bleiben meine Werte durch das Insulin sehr lange gut? Nehme ich wirklich nicht zu, wenn ich statt später hohe Insulindosen schon früher mit geringen Dosen die Insulintherapie starte?
Tatsächlich erwartet man von ORIGIN passende Antworten. Diabetes-Journal-Leser finden sie demnächst auf www.diabetes-journal.de oder in den nächsten Ausgaben.
Günter Nuber
Chefredakteur
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