15.09.2008 Geprägt, schön und intensiv
Heute gehe ich auf den Flohmarkt und biete meinen Diabetes zum Verkauf an! Denn der Blutzucker ist mal wieder abgerutscht – der Blutzuckertest, den ich gleich durchgeführt habe, hat es mir bestätigt –, ich fühle mich mies.
Eine halbe Stunde später geht es mir wieder besser – und mir geht durch den Kopf: Was wäre denn aus meinem Leben ohne nun mehr als 38 Jahre Diabetes geworden? Sicher ein anderes, aber vielleicht nicht so schön und intensiv?
Denn der Diabetes, so störend er sich auch immer wieder im alltäglichen Leben bemerkbar macht, prägt ein Leben, verändert den Blickwinkel. Denn welches gesunde Kind musste sich schon Gedanken machen, ob es jetzt einen Apfel essen durfte – so wie es damals nötig war, weil die Diabetesbehandlung nur eine geringe Flexibilität zuließ?
Kinder mit Diabetes und auch Erwachsene lernen schnell, müssen schnell lernen, wie eine gesunde Ernährung aussieht. Wie der Körper funktioniert, die Verdauung, das Zusammenspiel von Zucker und Insulin. Das Wissen darum macht das Leben interessant, beeinflusst die Berufswahl – wie in meinem Fall auch – und reizt auch zum Ausprobieren.
Ausprobieren zum Beispiel von sportlicher Aktivität: Wie ließ sich unter damaligen Bedingungen die körperliche Aktivität mit dem Diabetes vereinbaren? Auch heute stellt sich die Frage immer wieder. Andere Kinder und Erwachsene gingen und gehen einfach zum Fußballspielen, zum Radfahren, zum Schwimmen – ohne lange über die Auswirkungen auf den Körper nachzudenken. Der Diabetes verlangt dagegen, zuerst nachzudenken, zu planen, zu handeln – und dann loszuziehen. Aber mit dem Wissen über Diabetes, das man sich eben über die Jahre erarbeitet hat, ging und geht auch das.
Oder Restaurantbesuche: Klappt das Abschätzen der Kohlenhydrate? Gibt es versteckte? Das galt früher und gilt auch heute. Aber: So wie früher die kleine Waage der regelmäßige Begleiter war, sind es heute zur feinen Steuerung der Einstellung das Blutzuckermessgerät und die Insulinpumpe.
Experimente sind im Diabetesleben weiterhin nötig. Heute aber kann ich viel stärker beeinflussen, wie sie ausgehen. Denn die Therapie hat enorme Fortschritte gemacht. Voraussetzung für den direkten Einfluss ist aber – und das zeigt mir die Entwicklung der Diabetesversorgung in meiner "Diabeteskarriere" –, dass flexible Therapien möglich sind und ihre Kontrolle durch Blutzuckerkontrollen. Nur mit Harnzuckerkontrollen – über viele Jahre praktiziert, denn es gab keine andere Möglichkeit – ist das Ganze ein Blindflug.
Spontanes Reagieren war schwierig, das Erkennen von Unter- oder Überzuckerungen ein Ratespiel. Ich möchte nicht wissen, wie oft ich eine Unterzuckerung behandelt habe, obwohl keine vorlag, oder einen vermeintlich noch zu hohen Blutzucker mit intensiver Bewegung senken wollte, der aber bereits wieder im Normbereich lag.
Heute sieht es ganz anders aus: Moderne Therapien, physiologisch wirkende Insulinpräparate, punktgenaue Kontrollmöglichkeiten des Blutzuckers, zunehmend auch die kontinuierliche Glukosemessung erleichtern das Leben mit Diabetes, lassen einen ein Leben fast wie ein Gesunder führen. Aber nur fast, denn die Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit lässt einen weiterhin intensiv und schön leben. Ich werde also doch lieber nicht zum Flohmarkt gehen, um meinen Diabetes zu verkaufen.
Dr. Katrin Kraatz
Redaktion Diabetes-Journal
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