27.07.2012 Gesund durch Genuss!

Es fing alles so gut an: Eine renommierte Filmemacherin, die für das ZDF hervorragende Dokumentationen dreht, meldete sich bei mir. Sie hatte gehört, dass ich im „Krankenhaus Sachsenhausen“ in Frankfurt zusammen mit dem Chefarzt Diabetologie, Prof. Kristian Rett, ein Essen für Patienten und Pflegepersonal zubereite nach meinen Büchern „Schlemmen wie ein Diabetiker“ und „Schönkost“. Das fand die Frau prinzipiell hochspannend, passte es doch zu ihrem Thema, wo sie zwei stark übergewichtige Menschen zeigte, die einen massiven Typ-2-Diabetes hatten – und vom Insulinspritzen wegkommen wollten.
Allerdings merkte ich schon bald, dass die Fernsehfrau ein gewisses Grundproblem mit meinem Ansatz hatte, Gesundheit und Genuss zu verbinden. Meine „Hanswurst“ mit Zucker balancierendem Bockshornklee, die gefiel ihr überhaupt nicht. Also habe ich den Klassiker meiner Kochshow gestrichen, sehr zum Leid von Prof. Rett, der sich darauf gefreut hatte. Auch dass ich mit Brennesseln kochen wollte, einem unseren wichtigsten Heilkräuter, das fand sie völlig daneben, akzeptierte es aber, weil ich sagte, die müssen die Menschen schließlich selbst suchen, was die so dringend benötigte Bewegung automatisch erfordert. Schließlich einigten wir uns auf spezielle Rezepte, die von einer tollen Köchin zusammen mit mir zubereitet wurden – und der ganze Abend war ein großer Erfolg.
Um so überraschter war ich, als ich die fertige Sendung im Fernsehen sah: Sicher, es war eine glänzend gemachte Reportage. Die Diabetiker, ein Mann und eine Frau, beide noch keine 40, wurden glänzend porträtiert, es wurde sehr gefühlvoll herausgearbeitet, wie sie unter ihrer Krankheit leiden, wie sehr sie entschlossen sind, etwas gegen den Zucker zu unternehmen. Es wurde wirkungsvoll herausgearbeitet, wie schwer es ist, eingefahrene Ernährungs- und Nicht-Bewegungsabläufe zu ändern.
Gebührenverschwendung: 4 Stunden filmen, 40 Sekunden senden
Aber was war mit den fast vier! Stunden Filmmaterial, die während unserer Kochshow aufgenommen wurden? Was war mit all den wunderbaren Gesprächen, die ich mit der übergewichtigen Frau geführt habe, wo ich ihr erläuterte, wie kluges Essen und Gesundheit zusammen gehören können? Das alles schnurrte auf ein paar Sekunden zusammen. Gut, es wurde Schlemmen wie ein Diabetiker erwähnt, es wurde kurz auf gutes Essen hingewiesen, ich durfte ein paar allgemeine Sätze sagen zur Verantwortung der Gesellschaft.
Nur: Das, worauf es mir ankam; das, worauf es für die Diabetes-Prävention allgemein ankommt, das fiel unter den Tisch. Nichts wurde von unseren wunderbaren Gerichten gezeigt: Kein vitalisierender Brennessel-Cocktail, kein Wildkräutersalat, keine Gemüsebrühe mit Sauerampfer, keine mundwässernde Forelle mit Wildreis und Fenchel, keine butterzarte Hühnerbrust in Estragonsauce, kein verführerischer Schokokuchen mit Stevia. Auch der begeisternde Part, wo Prof. Rett mitreißend erläuterte, wie trockener Wein sich positiv auf den Diabetes-Stoffwechsel auswirkt, alles fiel unter den Tisch.
Als wenn es nur Supermärkte geben würde
Stattdessen wurden die beiden Protagonisten gezeigt, wie sie sich durch die in solchen Sendungen offenbar unvermeidlichen Supermärkte mit all ihren Verpackungsorgien quälen mussten, alleingelassen vom Kleingedruckten der tricksenden Ernährungsindustrie. Meine Anregung, doch mit den Diabetikern mal auf einen Bauernmarkt zu gehen, stieß auf taube Ohren. Gezeigt wurde, welch lebenslanges, asketisches, auf Entbehrung und Verzicht basierendes Leben diesen Diabetikern bevorsteht – und mit ihnen den Millionen Betroffenen.
Meiner Meinung nach hat das Methode, denn ich habe das schon oft erlebt: Viele Journalisten wollen einfach nicht glauben, dass es möglich ist, Gesundheit und Genuss zu verbinden; wollen oder können es nicht wahrhaben, dass langfristig die Menschen den Lifestyle-Diabetes im großen Stil nur überwinden können, wenn sie ihn akzeptieren – und wenn ihnen gezeigt wird, welche genussvollen Alternativen bestehen. Manchmal habe ich das Gefühl, es herrscht wieder ein mittelalterliches Denken, wo Krankheiten als Strafe Gottes für begangene Sünden begriffen wurden –und die Betroffenen ihre Schuld auch gefälligst im Schweiße ihres Angesichts auszubaden haben.
Das wäre dann allerdings vor allem eins: Sehr deutsch, sehr genussfeindlich, ja fast protestantisch-streng – und vor allem: Eine Sackgasse der so nötigen Diabetes-Prävention.
Fazit: Eine perfekt zu SAT1 passende Sendung. Dafür aber öffentlich-rechtliche Gebührengelder zu verschwenden, das ist überflüssig.
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