29.04.10 Goethes Faust im Nacken

Der Diabetologe Dr. Karsten Milek zitiert zu den geplanten Sparmaßnahmen an Diabetikern aus dem Werk des großen deutschen Dichters.

Wie jedes Jahr wieder findet auch diesmal traditionell kurz nach dem Osterfest der nunmehr 12. Hohenmölsener Diabetestag statt: Über 500 Gäste besuchen die Veranstaltungen und durchströmen die Stände, so dass sich eigentlich die Zeilen des Osterspazierganges aufdrängen:

„Ich höre schon des Dorfs Getümmel, hier ist des Volkes wahrer Himmel, zufrieden jauchzet groß und klein. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein."

Doch irgendwie erscheint Fausts Vision … und so verbringt, umrungen von Gefahr, hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr … in diesem Jahre passender.

Wo umringen uns die Gefahren? Fangen wir bei der Kindheit an:

Da ist die 14-jährige Anna, die stolz ihren roten Pass präsentiert – im letzten Jahr lief alles super, kein HbA1c über 7,5 Prozent! Sie hat seit acht Jahren ihren Typ 1, seit vielen Jahren spritzt sie kurzwirkende Analoga und kommt damit wohl "cool" zurecht. Wie sagt das Kind so treffend: „Ich habe vielleicht nicht immer so die richtigen Werte, aber mit dem Insulin kann ich wenigstens mit meinen Freunden im Eiscafé den Eisbecher essen, ohne auf den Spritz-Ess-Abstand groß achten zu müssen, das ist ein gutes Gefühl." – Und nun muss sie sich ernsthaft Sorgen machen, dass ihr genau dieses Analoginsulin nicht mehr zur Verfügung stehen wird.

Wo umringen uns die Gefahren? Setzen wir beim Manne fort:

Der 53-jährige Bauarbeiter sieht sich fragend um. Ob es wirklich stimmt, dass "sein Insulin" für die Nacht in Frage gestellt wird? Ja, es stimmt, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die Vorlage gegeben, die womöglich sehr bald dazu führen wird, dass er wieder umgestellt wird – da das langwirkende Analogon dann von den Kassen nicht erstattet wird. „Soll es dann mit den Hypos wieder losgehen?", fragt er.

Wo umringen uns die Gefahren?

Eine Greisin ist sie nicht, die rüstige Rentnerin; mit ihren 74 Jahren ist sie noch sehr aktiv. Auch sie zeigt ihr „Zuckerheft", um sich Hilfe zu holen. Sie spritzt noch nicht, kontrolliert ihre Werte und hat schon so manche Lehre aus den Profilen ziehen können. Traurig berichtet sie nun davon, dass ihr Arzt die Streifen nicht mehr aufschreiben darf. Ihr Mann ist in Pflege, die Rente reicht ganz sicher nicht, um zusätzlich Blutzuckerteststreifen zu kaufen. Es tröstet sie auch nicht das Lob des Arztes, wie gut sie mit ihrer Erkrankung umgeht.

Im Blickwinkel des Diabetologen zeigen sich auf diesem Diabetestag also viele Sorgenfalten. Doch wie schreibt Goethe dann weiter: Ein Sumpf zieht am Gebirge hin, verpestet alles schon Errungene; den faulen Pfuhl auch abzuziehn, das letzte wäre das Höchsterrungene.

Also lassen Sie uns alle den faulen Pfuhl abziehen, lassen Sie uns gemeinsam eine Plattform betreten, damit die Stimmen der Betroffenen gehört werden! Die Anna, der Bauarbeiter und die rüstige Rentnerin sind nicht allein. Diese Plattform ist bereits entstanden, mit diabetesDE: Hier sind Ärzte, Diabetesberater, Patienten, Apotheker und Wissenschaftler vertreten – jeder mit seinen Kompetenzen. Nur so wird es möglich sein, politisch erhört zu werden, die richtigen Antworten und Ressourcen zu finden, um im nächsten Jahr auf dem Diabetestag sagen zu können:

Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke stehn!

Dr. Karsten Milek, Diabetologe
An der Pforte 5
06679 Hohenmölsen

Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 04.05.10 13:24

Sehr geehrter Herr Dr. Milek,

stimmt, was Sie schreiben, ABER...

ABER Sie wissen sehr gut, dass die Deutsche Diabetologie bis heute versäumt hat anzuerkennen und überzeugend darzustellen, wie viel mehr an Compliance vor allem unter jungen Menschen mit Diabetes erst mit schnell wirksamen Analog-Insulinen möglich geworden ist!
Das Anna-Eis-Beispiel ist für dieses Versäumnis bezeichnend, denn da wird der elementare Vorteil für die gesamte Therapie-Akzeptanz reduziert auf einen zwar sicher auch wichtigen, aber kleinen und für sich belächelbaren sozialen Vorteil am Nachmittag im Eis-Café.

ABER Sie wissen sehr gut, dass der Gebrauch des Langzeit-Analog-Insulins als reines Nacht-Insulin nur mit so kleinen Mengen funktioniert, mit denen auch mit Standard NPH keine Unterzuckerung bewirkt wird.
Größere Mengen vom Langzeit-Analog wirken länger und zumindest vom einen auch sehr gleichmäßig über 24 Stunden. Und auch diese Wirkung lässt sich mit der entsprechend passenden Gabe NPH alle 6-8 Stunden so nachbauen, dass keine einzelnen Wirkspitzen eintreten, die in eine Unterzuckerung ziehen könnten. Allerdings kann bezogen auf 24 Stunden für die selbe Wirkung bis zu 20% mehr NPH- als Analog-Insulin notwendig werden.

Aber Sie wissen sehr gut, dass auch heute noch 9 von 10 Diabetologen in Deutschland der rüstigen Rentnerin aus Überzeugung einreden, dass sie mit dem Essen nach dem Blutzucker-Messen gegenüber dem Essen nach Appetit und vor allem nach dem regelhaft dominierenden KH=Zucker-Anteil an jeder Mahzeit auch nicht den kleinsten Vorteil hätte. Sie würde sich damit nur unnötig verrückt machen. Wer dieser Lehre zu widersprechen wagt, gilt in weiten Fachkreisen als Glukozentriker.
Und so lässt die Deutsche Diabetologie ja auch praktisch systematisch das Messen aus dem Lauberschen Dreiklang von Messen-Essen-Laufen raus und propagiert ausschließlich (gerade wieder mit großem Trara in Dresden) das Laufen.

Zusammen genommen bedeutet das konkret: Sie jammern hier guten Möglichkeiten hinterher, die Ihre Kollegenschaft bisher mit ihren Patienten mehrheitlich weit unter ihren Werten mangelhaft bis gar nicht genutzt hat. Das macht auf der einen Seite das Jammern nicht überzeugender, auf der anderen aber auch die Einsparungserwartungen nicht nachvollziehbar, die allenthalben damit veröffentlichkeitet werden.
Natürlich drohen diese Einsparungen die wenigen Menschen mit Diabetes besonders zu treffen, die diese Möglichkeiten bisher bewusst gesund nutzen und dann nicht mehr nutzen können. Und da denke ich besonders auch an Ihre engagierte Kinder- und Jugendarbeit, die in unserem Staat auf der einen Seite mit dem Bundesverdienstkreuz als hervorragend ausgezeichnet werden kann, während unser selber Staat Ihnen anschließend einen guten Teil der Grundlage dafür entzieht. - Leider habe ich Grund zu der Annahme, dass die jeweiligen Entscheider sooo viele Schreibtische von einander entfernt sitzen, dass beide Entscheidungen offiziell nie so nahe zusammen betrachtet werden, dass ihre Widersinnigkeit offiziell auffallen könnte :-(

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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