22.06.2012 „Gut geht’s!“ – Aber frag’ nicht weiter…

„Gut geht’s“, heißt oft: „Wie’s mir wirklich geht, geht Dich nix an. Halt Abstand!" Und das ist gut so.

„Wie geht’s?“ – Wann ist diese Frage schon einmal ernst gemeint? Oder sind Sie nicht auch irritiert, wenn Ihr Gegenüber auf diese Phrase hin ausführlich berichtet? „Gut“, sagen die meisten, nichts weiter. Aus dieser Routineantwort können wir nicht herauslesen, ob das stimmt, und das ist gut so. Floskeln wie diese haben nämlich durchaus ihren Sinn: Sie ermöglichen uns, Distanz zu wahren, wenn wir das möchten.

Letztens habe ich die Mutter einer Freundin aus Schultagen getroffen. Obwohl wir uns lange nicht gesehen hatten, wusste ich doch einiges über sie – was der Dorfklatsch eben so hergibt: „Hat ganz schwer Zucker.“ „Soll ja mit dem Essen aufpassen, aber am Sonntag beim Landfrauenkaffee…“„War letztens wieder im Krankenhaus, wegen der Nieren.“ Was würden Sie denken?

Wahrscheinlich dasselbe wie ich: Die Frau hat Typ-2-Diabetes, ihre Nieren sind vermutlich durch zu hohe Blutzuckerwerte geschädigt, und bestimmt macht sie sich um ihre Gesundheit große Sorgen. Was aber antwortet sie auf mein „Wie geht’s?“? „Gut“, sagt sie. „Und wie geht’s dir?“ „Auch gut“, sage ich, ohne auch nur kurz zu überlegen. Wir plaudern noch einen Moment über das Wetter, dann geht jede ihrer Wege.
Wir waren höflich zueinander, freundlich – und jede konnte die Distanz einhalten, die ihr in diesem Moment angemessen schien. Oder mögen Sie es, wenn Menschen Ihnen ungewollt zu nahe kommen? Nahe an uns heran lassen wir nur wenige, auch körperlich: Kommen uns weniger vertraute Menschen zu nah, fühlen wir uns bedrängt und unwohl und versuchen auszuweichen, um die gewünschte Distanz wiederherzustellen.

Auch mit Worten können wir Distanz wahren, zum Beispiel mit „Wie geht’s?“/„Gut.“ Oberflächlichkeit ist hier erwünscht. Die Engländer haben das perfektioniert und sparen sich die Antwort: Auf „How do you do?“ kommt ein „How do you do?“ zurück. Ich finde unsere Lösung besser, denn auch ein seufzendes „Ach, es geht so…“ ist möglich und lässt Raum für Nachfragen – und die sind dann auch erwünscht.

Wenn es um so etwas Intimes wie die Gesundheit geht, ist es wichtig, selbst entscheiden zu können: Will ich Distanz wahren oder Nähe zulassen? Soll über die schlechten Blutzuckerwerte morgen schon die ganze Nachbarschaft Bescheid wissen? Die Mutter meiner Freundin hat hoffentlich Menschen um sich, die sie nahe an sich heranlassen möchte, denen sie von ihren Problemen erzählen und mit denen sie nach Lösungen suchen kann. Ich gehöre nicht dazu, und sie konnte höflich Distanz waren – mit einem simplen „Gut“.


Die Autorin: Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".

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