29.09.2011 Hürden für Medikamente: „…sonst wäre ich längst tot“
Medikamente wachsen auf Bäumen. Ich kann sie jederzeit in großer Zahl pflücken, und die geernteten Früchte wirken immer zuverlässig und vergleichbar. Dessen bin ich mir sicher!
Sicher fragen Sie sich jetzt, ob ich noch normal bin?… Ich hoffe es. Doch wenn ich beobachte, wie mit der Forschung in Deutschland umgegangen wird, kommt mir allmählich der Verdacht, dass Entscheidungsträger manchmal das denken, was ich eingangs beschrieben habe. Wie anders soll ich mir erklären, dass Medikamenten, die neu entwickelt und lange in vielen Studienphasen mit Tausenden von Studienteilnehmern untersucht worden sind, nicht ihr belegter Zusatznutzen zuerkannt wird – und die pharmazeutische Industrie ihre Forschung reduzieren muss, weil auch sonst keiner bereit ist, sie mit Geldern in größerer Menge zu unterstützen.
Ich will damit nicht sagen, dass Arzneimittelforschung immer zuverlässig durchgeführt und dass immer alle Ergebnisse von Studien publiziert werden. Vieles bleibt wahrscheinlich auch unausgesprochen – was bedenklich wird, wenn es um gefährliche Nebenwirkungen geht. Da viele der Pharmaunternehmen an der Börse sind – und damit den Anlegern verpflichtet, kommt in diesen Bereich natürlich auch etwas hinein, was aus meinem Blickwinkel im Gesundheitssektor nichts zu suchen hat: die Gewinnmaximimierung wegen des Drucks der Aktieninhaber.
Trotzdem hege ich immer noch die Hoffnung, dass Pharmaunternehmen auch ein Interesse an der Gesundheit der Menschen haben, für die sie forschen und Medikamente auf den Markt bringen wollen. Und die Präparate, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten den Arzneimittelmarkt betreten haben, brachten und bringen – von Ausnahmen abgesehen – der Menschheit großen Nutzen. Keiner wird die Steinzeit oder das Mittelalter zurückhaben wollen, wenn es um die medizinische Versorgung geht. Aber die Fortschritte müssen auch seitens der Politik und der Geldgeber honoriert werden. Wenn ein Medikament in Studien einen Zusatznutzen gezeigt hat, sollte das Medikament auch angemessen honoriert werden.
Wie ich darauf komme? Aktuell können wir am Beispiel des Wirkstoffs Linagliptin (Handelsname: Trajenta) beobachten, welche Befürchtungen die Pharmaindustrie haben muss, wenn es um die Einführung eines solchen Medikaments im Markt geht: „Der AMNOG-Prozess könnte dazu führen, dass der therapeutische Nutzen und die positiven Eigenschaften von Trajenta nicht ausreichend berücksichtigt werden. Dadurch droht ein Erstattungsbetrag für Trajenta, der dem Innovationscharakter des Medikaments nicht angemessen ist. Dies ließe es aus Unternehmenssicht am Ende nicht zu, das Medikament überhaupt in Deutschland zur Verfügung zu stellen“, schreiben Boehringer Ingelheim und Lilly, die gemeinsam das Präparat vermarkten, in einer Presseinformation.
Was ist das Ergebnis? Da der Wirkstoff von der europäischen Arzneimittelzulassungsbehörde (EMA) zugelassen ist, wird es das Medikament im europäischen Ausland wahrscheinlich demnächst geben – in Deutschland nicht. Bin ich froh, dass es bei Einführung des Insulins zur Behandlung der Diabetiker diese politischen und finanziellen Hürden nicht gab, sonst hätten wir es sicher nie bekommen – und ich wäre, wie viele andere auch, längst tot.
Dr. Katrin Kraatz
Redaktion Diabetes-Journal
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