17.07.2008 "Ich will dürfen!"

Es fing harmlos an: „Darf ich abends ein Gläschen Bier trinken?“ fragte die Dame freundlich nach meinem Vortrag. „Ein Gläschen geht schon“, meinte ich. Erfreut fragte Sie weiter: „Darf ich auch morgens ein Marmeladebrot essen?“ Je mehr ich Bedenken äußerte, desto intensiver „darfte“ sie nach. Nach Dessert, nach Kuchen, nach Leberkäse.
Wie ich sie hasse, diese „Du darfst-Fragen“. Sie alle münden in die eine, die natürlich so nie gestellte Frage: „Darf ich nicht trotz meines Diabetes so weiterleben wie bislang?“ Es sind in den Vorträgen immer rund ein Drittel der Leute, denen ich diese Frage ansehe. Sie zucken förmlich zusammen, wenn ich von Gemüse erzähle, erbleichen, wenn ich die Vorzüge von Vollkornbrot erläutere.
Gott sei Dank gab es nach meinem Vortrag in der Klinik endlich was zu essen. Jetzt kam die große Stunde der Zusammenzucker, der Erbleicher. Nach dem Motto „Ich bin rund, na und“ schlugen sie gnadenlos zu, häuften sich Schnitzel, Kartoffeln auf die Teller, griffen gleich zu zwei Desserts. Nur eines wurde kaum gegessen, Salat. Den hatte die Küche der Klinik wohlweislich auch an den Schluß des Buffets gestellt. Ich nahm davon – und erntete mitleidige Blicke und den Kommentar „kein Wunder, daß Sie so schlank sind“.
Es klang weniger nach Kompliment, eher nach Vorwurf. Also, nichts wie weg. Raus zu anderen, die es natürlich auch gibt, die wissen, daß sie etwas tun können, daß ein intelligenter Umgang mit dem Lebensstil-Diabetes wahre Wunder bewirken kann. „Ich habe es geschafft, daß ich keine Tabletten mehr nehmen muß“, berichtete mir eine Frau. Beifälliges Nicken der Gruppe. Weitere Berichte vom aktiven Umgang mit dem Diabetes. „Daß Sie den Diabetes als Chance sehen“, das gefällt mir, pflichtete mir ein rüstiger Rentner bei.
Diese Menschen haben auch ein Motto: Es heißt nicht „Ich will dürfen“, sondern es heißt „Ich will wollen!“.
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