06.04.2011 Im Jenseits ist es nicht schlecht!

„Print ist tot“, sagen die Internet-Jünger seit Jahren. Demnach befinden wir uns im Jenseits. Oder etwa doch nicht?

Diese Stelle ist normalerweise nicht der Platz, um über verlagsinterne Angelegenheiten zu schrei­ben. Ungewöhnliche Ereignisse erfordern aber ungewöhnliche Reaktionen. Es geht um das Diabetes-Journal-Jubiläumsheft des letzten Monats: um Heft 3/2011, genannt Open Journal, weil es offen war für 15 Leser, die das Heft gestaltet hatten. Nun:

Zunächst Szeneblatt für Typ-1-Diabetiker
Als das Diabetes-Journal anfing im Jahr 1951, da war es ein Szene-Blatt vor allem für Typ-1-Diabetiker. Zumindest für Diabetiker, die Insulin spritzten. „Der Diabetiker“ hieß die Zeitschrift damals noch. Und kaum verwunderlich: Die meisten Ärzte, die sich damals intensiv um Diabetiker kümmerten, lasen das Blatt ebenso. Denn viele Informationen für den Alltag der Betroffenen waren auch vielen Ärzten nicht geläufig; das Diabetes-Journal bot also viel Dia­beteswissen sogar für Ärzte.

Magazin für alle Menschen, die Diabetes haben
Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich die Zeitschrift mehr und mehr zu einem Magazin für alle Menschen, die Diabetes haben: für Junge, für Ältere, für Typ-1- wie für Typ-2-Diabetiker – mit vielen Tipps auch für Betroffene, die kein Insulin spritzen. Irgendwann gegen Ende der 1990er Jahre war das Verhältnis Abonnenten mit Typ-1- oder mit Typ-2-Diabetes in etwa 50 : 50. Das Durchschnittsalter der Leser lag jenseits der 50 Jahre. So ähnlich liegen die Verhältnisse auch heute noch und über 10 Prozent der Leser spritzen kein Insulin.

Insofern war es aus meinem Blickwinkel ein Wagnis, zum Jubiläum ein Heft machen zu lassen von 15 Menschen, die Typ-1-Diabetes haben. Und was sollen wir sagen? Das Echo ist einmütig: „sehr schönes Projekt“ – „interessantes Konzept“ – „ich gratuliere, eine kreative Revolution“, „superklasse, sehr innovativ!“ – „top, frisch und ansprechend“ hieß es landauf, landab von Abonnenten, Dia­beteszentren, Instituten, Pharmaunternehmen, Agenturen.

Wer wagt, gewinnt...
Begeistert sind nicht nur die Genannten:Die 15 Blattmacher, wir nennen sie Leser-Redakteure, sind ebenso völlig aus dem Häuschen über das Projekt und letztlich über das Produkt. Das ist insofern verwunderlich, als dass alle 15 deutlich jünger sind als der Durchschnittsleser – und allesamt sind sie überdurchschnittlich aktiv im Internet: Sie haben eigene Homepages, führen Internet-Tagebücher (Blogs), chatten. Eine von ihnen schreibt (in netzunverkennbarem Stil):

Ich kann mich vor E-Mails, Nachrichten über Facebook und Kommentaren in meinem Blog kaum noch retten ;). Das Feedback auf unser Journal ist jetzt schon (nach ein paar Tagen) riesig und ich freue mich natürlich ganz doll darüber! Bisher auch nur positiv mit Anfragen nach weiteren OJ-Ausgaben ;). Versuche, auf alle Kommentare, Mails, Nachrichten einzugehen, aber das ist gar nicht mehr so einfach ;). Man kommt ja kaum hinterher ;).

Medienlandschaft hat sich rigoros verändert
Das Ganze ist auch verwunderlich vor dem Hintergrund, dass sich die Medienlandschaft rigoros verändert hat, dass der Bundesbürger (ab 14 Jahren) heute 83 Minuten täglich fürs Internet verwendet – das ist deutlich mehr als für Tageszeitungen, Bücher und Zeitschriften zusammen. Das Internet erreicht 43 Prozent der Bevölkerung, Zeitschriften nur noch 11 Prozent (ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2010).

„Print ist tot“, sagen die Internet-Jünger seit Jahren. Demnach befinden wir uns im Jenseits. Vor dem aktuellen Hintergrund muss ich sagen: Ist gar nicht so schlecht hier.

Günter Nuber
Chefredakteur Diabetes-Journal


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