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02.03.2010 "Keine Stäbchen verschrieben": Schreckens-Szenario 2010

Was ihre Großmutter erlebte, schildert Diabetes-Journal-Leserin Nora Marie Höfler.

"Nora, bist du dran?" Die Stimme meiner Großmutter Gertrud klang am Telefon aufgeregt und ängstlich. "Oma, was ist los? Geht’s dir nicht gut?" Jetzt war ich auch beunruhigt; meine Großmutter lebte allein. Abgesehen von anderen Beschwerden, die mit dem Alter kamen, war sie kürzlich an Typ-2-Diabetes erkrankt. "Und das noch in meinem Alter", hatte sie damals zu mir gesagt.

Ich versicherte ihr jedoch, dass das alles weniger schlimm ist, als es zu sein scheint, und ich ihr ja jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stehen würde, denn damals hatte ich in meinen 17 Jahren als Typ-1-Diabetikerin schon so einige Erfahrungen gemacht.

"Ich fühle mich komisch, irgendwie schwach. Aber ich habe zwei Scheiben Brot gegessen. Was soll ich jetzt tun? Etwas stimmt nicht." Ich sagte ihr, dass sie sich hinsetzen und ihren Blutzucker messen soll. "Das geht nicht", sagte sie, „ich habe das Gerät hier, aber der Doktor hat mir keine Stäbchen verschrieben." Mein erster Gedanke war, dass das gar nicht sein könnte. Ich kannte ihren Hausarzt, seit 26 Jahren ging sie zu ihm. In all den Jahren bot er ihr Hilfe und Unterstützung, und so vertraute sie ihm.

Ich fuhr also zu ihr mit einer Extrapackung meiner Teststreifen. Wir maßen ihren Blutzucker – ich fiel fast vom Stuhl: "54". Ein Blutzucker von 54 mg/dl (oder 3 mmol/l), und das kurz vor dem Zubettgehen. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was in der Nacht hätte passieren können, wenn sie es vorher nicht bemerkt hätte.

Am nächsten Tag stapfte ich wütend zu ihrem Hausarzt. Er war schockiert ob meiner Information einer solch starken Hypoglykämie und sagte, dass meine Oma doch nur Tabletten bekäme – und da dürfte er seit neuem keine Teststreifen mehr verordnen.

Es gibt zum Glück viele Ärzte, die der Meinung sind, dass die Blutzuckerselbstkontrolle für alle Diabetiker sinnvoll und notwendig ist. Ein optimal eingestellter Blutzucker bedeutet Lebensqualität für den Patienten. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich weiß, wie sich Bläschen im Mund anfühlen, trockene Haut und geistige und körperliche Trägheit und Antriebslosigkeit, wenn man schlecht eingestellt ist. Ich verstehe, dass Ärzte, auch wenn sie wollten, dieses Problem allein nicht lösen können. Wir als Patienten aber können hier öffentlich darüber reden und versuchen, dem zuständigen Bundesausschuss unseren Blickwinkel als Betroffene zu vermitteln.

Wir wissen: Das Geld der Krankenkassen ist knapp, erst recht in Zeiten der Krise. Aber ich halte es für unmoralisch und falsch, wieder einmal Probleme auf dem Rücken der älteren Menschen unserer Gesellschaft auszutragen; Menschen, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, die jahrzehntelang ihren Beitrag dazu geleistet haben, eine intakte Gesellschaft zu unterstützen, in der jeder das Recht hat auf eine komplette medizinische Versorgung.

Lieber Bundesausschuss, wir wissen, Ihnen liegt bereits der Abschlussbericht des IQWiG vor, der besagt, dass kein Nutzen der Blutzuckerselbstmessung und der damit verbundenen Medikamente und Hilfsmittel besteht. Was ich hier schildere, wird sich im Laufe des Jahres vielfach wiederholen, wenn Sie dem Abschlussbericht des IQWiG folgen.

Bedenken Sie: Auch wenn ein Typ-2-Diabetiker bereits 80 Jahre alt ist, hat er das Recht, auch noch seine letzten Jahre in Gesundheit und Würde zu erleben. Bitte denken Sie darüber nach und versuchen Sie, Ihren Blickwinkel zu ändern!

Nora Marie Höfler
Diabetes-Journal-Leserin

Kommentar

Heinz Peter Kortmann aus Herne - 13.07.10 17:08

Ich war heute (13.07.2010) bei meinem Hausarzt. Dort wurde mir mitgeteilt, dass die bisherige kostenfreie Menge Teststreifen von vorher 350 Stck. pro Quartal neuerdings auf 200 Stück gekürzt wurde. Damt komme ich aber bei 3 Messungen, manchmal auch 4 pro Tag keineswegs aus. Was nun?

Werner Deichsel aus 32425 Mindem - 02.05.10 21:05

Ich hab Ihre ONLINE-FRAGE mit " ja " abgestimmt, weil ich selbst (in den ersten fünfziger Jahren) erlebt hab wie es ist, nur mit einer Blutzuckermessung im Monat vom Hausarzt aus zu kommen. Die Folgen waren unzählige Male eine schwere Unterzuckerung mit Bewußtlosigkeit in die nächste Diabetes-Klinik. Das soll auf keinen Fall wieder geschehen. Die Folgeschäden wären auf jeden Fall größer.

Leonhard Schmitz aus Bergheim - 10.03.10 17:51

Ob einer Teststreifen benötigt, als Typ 1 oder Typ 2 Diabetiker muss der Arzt entscheiden. Wenn die Voraussetzungen stimmen, das heißt, der Betroffene kann mit der Blutzuckermessung-Zahl etwas anfangen und dementsprechend reagiert, ist mir das als Typ 1 Diabetiker egal, welcher Typ von Mensch mit Diabetes er/sie ist. Auch das Alter dürfte hier keine Rolle spielen. Leider ist unser Gesundheitssystem so aufgebaut, das die Wirtschaftlichkeit vor dem Menschen geht. Dafür sorgen die Institute wie IfQW, B-AG oder gar KV !

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 07.03.10 14:02

Sehr geehrte Frau Bohnes,

im Zusammenhang mit unseren weiteren Aussichten, zu denen Sie sich Gedanken machen, denke ich automatisch z.B. an die USA, wo viele Betroffene selbst mit teuren und als gut bezeichneten Krankenversicherungen ihr Insulin und ihre Teststreifen und ihre Pens und Pumpen zu mehr oder weniger großen Teilen selbst zahlen müssen. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn Präsident Obama die Gesundheitsreform in vollem Umfange gelänge.
Und ich denke an GB, wo Typ1 Bekannte mit einer CT-ähnlichen Basis-Bolus-Einstellung 2 Teststreifen pro Tag erstattet bekommen. Was wir (einstweilen noch?) als ICT kennen, heißt dort DAFNE=Dose Adjustment For Normal Eating und wird zwar seit Jahren immer häufiger in Veröffentlichungen genannt, findet aber in der mir bekannten Praxis zumindest eben in GB kaum statt.

Hier in D wird übrigens längst eifrig gespart. So wird die Insulin-Pumpe immer restriktiver verordnet bzw. folgeverordnet. CT-ähnliche Möchtegern-ICT-Einstellungen nach Tabelle, die in der 2.Hälfte der 90ger Jahre weniger wurden, begegne ich wieder häufiger, und nicht nur bei Typ2. Und insgesamt und vor allem natürlich bei der Behandlung von Typ2 fällt mir nicht nur bei Betroffenen, sondern auch bei immer mehr Ärzten ein zunehmend großzügigerer Umgang mit höheren Blutzucker-Werten auf. Einstellungen auf Insulin erfolgen, so weit ich sehen kann, deutlich dienstälter und vereinfachter, und auch wenn schnelle Analoginsuline für Typ2 längst wieder zugelassen sind, scheint Human-Insulin bei Typ2 heute Standard.
Zudem lernen Insuliner aller Typen in vielen Schulungen schon lange nicht mehr, wie sie ihre Faktoren überprüfen und anpassen, und ein SEA (Spritz-Ess-Abstand) und seine Einrichtung ist vielen Userm völlig unbekannt, obwohl ein passender bei vielen von uns vor allem morgens geradezu Wunder wirken und den Tagesverlauf erheblich erleichtern kann, auch mit schnellem Analog-Insulin!

Und über allem steht ein so irrsinniger verwissenschaftlicht methodischer Widerspruch, dass er eigentlich in jeder Ausgabe des Diabetes-Journals aufs neue vorrangig thematisiert werden müsste: Denn auf der einen Seite wird uns von überall und auch von allen Mitspielern im G-BA (Germeinsamer Bundesausschuss, der entscheidet, was die gesetzlichen Krankenkassen leisten) jeden Tag vorgehalten, dass wir mit Diabetes für unsere Behandlung selbst verantwortlich und unsere eigenen Ärzte sein müssen - und auf der anderen Seite werden unsere Behandlungsmöglichkeiten im Auftrag des selben G-BA ausschließlich doppelt blind beurteilt und bewertet, also mit voller Absicht ohne jede Chance für uns Betroffene, die von uns erwartete Behandlungsverantwortung damit auch nur im Ansatz einbringen zu können. Und alle Studien, denen auch nur der Geruch anhaftet, dass sich die User wie beim Insulin etwa nach dessen Wirkverlauf gerichtet hätten, womöglich noch nach dessen personalisiertem (normaler Alltag für alle Insuliner mit einigermaßen gesundem BZ-Verlauf und unregelmäßigerem Tagewerk und lebensnotwendig für Insuliner, die Sport treiben) werden vom so beauftragten IQWiG von vornherein als kasuistisch verfälscht abgelehnt. Sinnbefreiter kann man sich doch so eine Medikamenten- und Therapie-Bewertung kaum noch vorstellen, oder?

Schön wäre daher schon, wenn unser Diabetes-Journal sich ein bisschen mehr als Plattform für uns Betroffene verstehen und regelmäßiger konkrete und sorgfältig recherchierte Fälle darstellen würde, wie einzelne von uns wie z.B. Drucker Frank oder die Hunde-Oma oder auch ein Lada (vor der Diagnose wie nach der Diagnose) im voll aktiven Bundespolizeidienst oder ... ihre diabetische Blutzucker-Behinderung jeden Tag gesund ausgleichen. Solche und viele weitere Beispiele würden vielen Betroffenen Mut machen, das eigene Schicksal mit ihrem Diabetes aktiv(er) in ihre eigenen Hände zu nehmen und im Rahmen der jeweils persönlich verfügbaren Möglichkeiten gesund zu meistern. Mit der immer dünneren Finanzdecke im Gesundheitswesen und immer mehr (auch Typ1!) und immer jüngeren (Typ2) Betroffenen mit immer mehr Lebenszeit mit Diabetes werden wir zunehmend auf möglichst viele solche praktischen Beispiele angewiesen sein.

Mit freundlichen Grüßen aus Oelde
Hans-Jürgen Tilsner

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 04.03.10 19:35

Verehrte Redaktion,

zu Ihren Anmerkungen:

Wenn ein junger Mensch "kürzlich" schreibt, liegt das Ereignis eher kürzer als ein Jahr und selten mehr als 2 Jahre zurück. Und die Erwähnung weiterer schon vorher beklagter Beschwerden gibt Grund zur Annahme, dass der Typ2 der Oma nicht über Jahre verschleppt, sondern in sehr ordentlicher Medizinleistung im Rahmen der regelmäßigen Untersuchungen in den anderen Zusammenhängen recht zeitnah zur Diagnosereife diagnostiziert worden war, HBA1c-Wert wohl eher 7 als 8.

Allgemein üblich und entsprechend den DDG-Praxisleitlinien startet die Therapie dann mit Diät- und Bewegungsempfehlungen. Wenn der HBA1c-Wert in den folgenden 2 Quartalen nicht absinkt, wird als erste Medikation Metformin hinzu gegeben. Das Mittel behindert lediglich die zuviele Zuckerausgabe aus der Leber und hat absolut keine aktiv Blutzucker-senkende Wirkung. Wenn nach weiteren 2-4 Quartalen und den Erhöhungen der Metformindosen der HBA1c-Wert nicht weiter absinkt, wird traditionell ein erstes Mittel zum Antrieb der verbliebenen Insulinausgabe verordnet, und zwar in sehr niedriger Dosierung. In der Folge wird diese Dosierung in Halbjahresschritten erhöht, wenn der HBA1c-Wert nicht sinkt. Neuere alternativ mögliche Sekundärmedikationen haben erheblich weniger lang anhaltend Blutzucker-senkende Wirkung.

Facit: in den ersten 2 Jahren nach einer zeitnahen Typ2-Diagnose wäre eine Medikation, die zur Unterzuckerung führen könnte, abgesehen von einer einzigen Ausnahmesituation, völlig unüblich. Noch dazu bei einem älteren Menschen, bei dem eh von äußerst seltenen Ausnahmen abgesehen großzügigere Behandlungsziele gelten. Die Oma konnte mithin nach der von ihrer Enkelin skizzierten Gesamtsituation überhaupt nicht auch nur in die Nähe der genannten 54mg/dl kommen - mit einer einzigen Ausnahme, die Drucker Frank (hier noch mal der Link http://www.onmeda.de/foren/forum-diabetes/bz-messen-als-schluesselwerkzeug/1662710/read.html ) konsequent für seine gesunde BZ-Steuerung ausnutzt: Er legt größere Teile seines alltäglichen Bewegungspensums auf die Zeiten direkt nach seinen Mahlzeiten. In der ersten Stunde nach einer Mahlzeit (höchst selten kurz vor dem Schlafengehen!) ist nämlich das meiste Insulin in Umlauf, womit sich die Wirkverstärkung durch Bewegung besonders deutlich bemerkbar macht. Damit und ausschließlich damit schaffen Menschen um die Typ2 Diagnosereife herum, wenn dafür noch ausreichend eigenes Insulin ausgegeben wird, nach dem Essen einer besonders KH-reichen Mahlzeit und einer zunächst besonders hohen Blutzuckerspitze noch völlig ohne Medis häufig Blutzucker-Höhen um die Unertzuckerungs-Schwelle und sogar noch deutlich darunter.

Wenn die Oma also z.B. um 12 Uhr gegessen und dann einen kleinen Spaziergang mit dem Hund gemacht und dann gegen 13 Uhr 54mg/dl gemessen hätte, hätte ich diesen Messwert für sehr normal gehalten. Und auch wenn es nur 44 gewesen wären, hätte mich das nicht überrascht. Denn solche Größen sind mir in diesem Situations-Zusammenhang aus meiner langjährigen Selbsthilfe-Tätigkeit völlig geläufig. Und ich weiß von vielen älteren Menschen, die mit dem Start ihrer medikamentösen Typ2-Behandlung ihren Mittagsspaziergang aufgegeben haben, weil sie sich schon auf dem halben Weg immer so komisch gefühlt haben. Kein Wunder, wenn Sie sich die Daten aus diesem Beispiel http://www.onmeda.de/foren/forum-diabetes/bz-%26-bewegung/1619276/read.html um die Wirkung einer Medikation verstärkt vorstellen. Und da reicht ausnahmsweise auch schon Metformin, denn für die nach den Hundegängen gemessenen um 80mg/dl hat die Leber der alten Dame mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon wieder erheblich an Zucker ausgegeben, um ein weiteres Absinken des Blutzuckers zu verhindern. Und mit dem medikamentösen Bremsen dieser Ausgabe wären dann 50-40mg/dl völlig normal gewesen - eine alimentäre/reaktive Hypoglykäme, aber auch damit ist noch niemand bewusstlos umgefallen.

Es gibt übrigens keine einzige Studie, die bei älteren Menschen in der Nähe der Typ2 Diagnosereife Unterzuckerungsempfindungen schon in eigentlich gesunder Blutzuckerhöhe wie hier http://www.phlaunt.com/diabetes/16422495.php ausweisen würde. Sondern ausnahmslos alle Studien, die solche Empfindungen schon bei gesundem und sogar höherem Blutzucker ausweisen, beziehen sich auf TeilnehmerInnen, die mit z.B. in USA üblichen Behandlungen über Jahre bis Jahrzehnte mit HBA1c-Werten um 10 (steht natürlich nicht in den Pressetexten, sondern nur in den Original-Veröffentlichungen) und darüber gelebt haben, also 24/7/52 mit deutlich mehr als 200mg/dl. Absolut nicht zu vergleichen mit Frau Höflers Großmutter, die erst kürzlich mit dem Erreichen ihrer Typ2 Diagnosereife überrascht worden ist.

Und selbst wenn die Großmutter im Protest-Artikel Teststreifen zur Verfügung gehabt hätte, hätte sie ja die geschilderte Unterzuckerung nicht rechtzeitig abgewendet, denn auch dann hätte sie ja nach den üblichen Anleitungen nicht in den Verlauf nach dem Essen, sondern erst dann gemessen, als sie sich wegen der schon eingetretenen Unterzuckerung komisch gefühlt und eben auch ohne zu messen (wäre mit Messen nicht richtiger gegangen) ganz richtig reagiert und Brot gegessen hat. Und auch wenn die angegebenen 2 Scheiben zusammen nur 2 BE gewesen wären, hätten sie bei weitem ausgereicht haben müssen. Denn absolut keine orale Typ2-Medikation senkt den Blutzucker in gebräuchlicher Dosierung so stark ab, das da mehr als 3 Stunden nach der Einnahme (so lange liegt bei den meisten Menschen kurz vor dem Schlafengehen das Abendessen mit den entsprechenden Medi-Einnahmen zurück) allein für den Ausgleich zum gesunden Verlauf um 80mg/dl pro Stunde mehr als 2 BE dagegen gegessen werden müssten. -

Sorry, aber der dj-Artikel/Blog-Beitrag ist zwar emotional ergreifend geschrieben, nur sachlich in keiner Weise stimmig.

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

Gisela Bohnes aus 58675 Hemer - 04.03.10 12:01

Zuerst einmal muß man sagen, daß das Engagement der Enkelin für ihre Oma gar nicht hoch genug angerechnet werden kann. Ich finde jedoch die Kritik des Herrn Tilsner als zu scharf formuliert. Wenn ein Mensch diesen Alters über unklares Unwohlsein klagt, ist Hilfe immer angezeigt. Natürlich klingeln bei einem Typ 1 die Alarmglocken, aber bei einem Typ 2 hätte in diesem Fall auch ein Glas Apfelsaft genügt. Vielleicht könnte die Enkelin für einen Vorrat sorgen? - Was den Sparwillen der Krankenkassen auf Kosten der Diabetiker angeht, halte ich dieses Beispiel erst für die Spitze des Eisberges. Ich bin gespannt, wann die Typ 1 Leute dran sind.

Mit freundlichen Grüßen
Gisela Bohnes

Redaktion Diabetes Journal - 03.03.10 17:49

Anmerkung der Redaktion:

Typ-2-Diabetiker sind von der Therapie her eine heterogene Gruppe. Die Behandlung kann erfolgen ausschließlich mit Ernährung oder mit Tabletten, die entweder keine oder aber durchaus schwere und langwährende Unterzuckerungen hervorrufen können, oder mit GLP-1-Analoga oder mit Insulin. Natürlich gibt es Empfehlungen, wann welche Therapieform passend erscheint, aber im Einzelfall kann das durchaus anders sein. Auch ein erst kürzlich erkannter Typ-2-Diabetiker kann Tabletten bekommen, die schwere und langanhaltende Unterzuckerungen hervorrufen können – bei denen dann auch zwei Scheiben Brot nicht reichen müssen, um den Blutzucker ausreichend zu heben. Außerdem ist die Annahme, daß eine Scheibe Brot immer 2 BE entsprechen muß, nicht richtig; dies hängt von der Brotsorte, der Größe des Brots und der Dicke der Scheibe ab.

Hinzu kommt, daß es zwar die Definition des Unterzuckers für den Gesunden gibt, aber Experten der Meinung sind, daß diese Definition für Diabetiker nicht anzuwenden ist. Denn Hypoglykämien machen sich durchaus auch bei höheren gemessenen Werten durch Symptome bemerkbar, weil viele Faktoren beim Entstehen einer Hypoglykämie eine Rolle spielen. Und die Bewertung von Hypoglykämien gerade für ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes hat sich durch neue Studienergebnisse in jüngster Zeit verändert, der Vermeidung von Hypoglykämien wird ein hoher Stellenwert eingeräumt.

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 03.03.10 07:39

Sehr geehrte Frau Höfler,

sorry, aber Ihre Geschichte lese ich als rührend aus Typ1-Sicht konstruiert.

Da passen schon die einfachen Typ2-Rahmen-Fakten nicht zusammen. So liegt die Diagnose Typ2 darin mit "kürzlich" allenfalls wenige Jahre zurück. Daher ist davon auszugehen, dass nur eine sehr milde orale Medikation erfolgt. Die senkt den Blutzucker aber nur moderat und zeitlich mehrere Stunden entfernt von jeder Medi-Einnahme und von jeder größeren körperlichen Belastung kurz vor dem Zubettgehen bestimmt nicht auf 54mg/dl.

Und schon 1 Stunde nach dem Essen von 2 Scheiben Brot=4BE zwischendurch lässt sich bei jedem oral behandelten Typ2 ein Blutzucker-Anstieg in einer Größenordnung von um 80-160mg/dl messen. Wenn Sie da also etwa 1 Stunde nach der Unterzuckerung, die hier wohl angedeutet werden soll, 54 gemessen haben, dann müssten Sie Ihre Oma schweißgebadet und völlig aufgelöst angetroffen haben. Denn extremes Schwitzen ist die normale Begleitung vom Blutzucker deutlich unter 50mg/dl, und da hätte er vor den 2 Scheiben Brot unbedingt gewesen sein müssen, wenn Sie deutlich nach dem Essen gerade mal 54 gemessen haben.

Deswegen noch einmal: Diese Geschichte lese ich gnadenlos reißerisch an Typ1-Haaren (Insuliner-typisch zu viel Bolus-Wirkung von der letzten Mahzeit mit Hypo und dagegen Nachessen + Angst vor zu viel Basal-Wirkung) herbeigezogen. Sie hat so wie dargestellt mit der oral behandelten Typ2-Wirklichkeit nicht das geringste zu tun!

Und reißerisch bedrohlich haben Sie auch die 54mg/dl dargestellt. Denn die Obergrenze einer Unterzuckerung ist mit 50mg/dl (2,8mmol/l) definiert. Und es gibt in der zeitgemäßen oralen Typ2 Medikation nichts, womit einige Stunden nach der Einnahme und schon gar nicht nach zwischenzeitlichem Essen von 2 Scheiben Brot eine so tiefe und gar weitere Absenkung des Blutzuckers verursacht würde. Also selbst wenn die Oma mit 54mg/dl schlafen gegangen wäre, hätte sie gar keine weitere Absenkung erfahren können. Einmal wegen der absolut fehlenden Senkwirkung und dann wegen der verstärkten Zuckerausgabe aus der Leber. Denn den meisten Blutzucker liefert bei Nichtdiabetikern und Typ2-Diabetikern die Leber, bei Typ2 sogar eben Typ2-typisch bis zu wenigstens 3mal so viel wie bei gesunden Menschen (s. z.B. hier http://www.dlife.com/dLife/do/ShowContent/inspiration_expert_advice/expert_columns/garnero_0608.html[..] Und wir Typ2 messen ja gerade deswegen vornehmlich in der 2.Nachthälfte einen bis in den Vormittag hinein ansteigenden Blutzucker, ohne dass wir dafür überhaupt etwas essen müssten.

Und selbst wenn Ihre Oma mit ihrer doppelten Dosis Tabletten und ohne die 2 Scheiben Brot zu essen im Bett eine Untezuckerung erfahren hätte, dann wäre ihr Blutzucker wegen der Zyp2-bedingt erheblich erhöhten Ausgleichswirkung der Leber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht unter 30mg/dl (1,7mmol/l) angesunken. Und damit hätte sie zwar stark geschwitzt (s.o.) und am Morgen vielleicht Kopfschmerzen gehabt, aber um 2 oder 3 Uhr ohne jedes Essen schon wieder 90mg/dl (5mmol/l).

Geschichten wie Ihre machen Typ2 Angst vor gesundem Blutzucker. Der spielt gesund nämlich ohne Essen zwischen um 60 bis um 80mg/dl http://www.phlaunt.com/diabetes/16422495.php . D.h. spätestens bei deutlich über 80 fängt die noch verbliebene eigene Insulinausgabe so gut an, wie sie kann, den Blutzucker eben um 80mg/dl oder darunter zu halten, und damit wird aller Zucker darüber in der Form von Fett gespeichert, wenn die Betroffenen die zuviele Energie nicht direkt ablaufen können. Und Ich kenne viele Typ2, die nach so wissendem Rat aus der Typ1-Perspektive (ist auch die übliche Diabetologie-Perspektive) immer essen, wenn ihr BZ unter 100mg/dl absinkt, vor allem auch vor dem Schlafengehen. Und da haben sie nun mal die wenigsten Möglichkeiten zum Ablaufen. Und das Speicherfett, das sie auf diese Weise dann ansetzen, wird ihnen anschließend ebenso einfältig als Grund für ihren Typ2 und dessen Verschlimmerung zum Vorwurf gemacht :-(

Sicher haben Sie Ihre Geschichte nur gut gemeint. Und mir ist bewusst, dass medizinisch leider sehr fragwürdig als einziger Grund für die Verordnung von Teststreifen für Typ2 die unmittelbar abzuwendende Unterzuckerungsgefahr gilt. Sehr viel sinnhafter wären sie in die systematisch gezielte Steuerung eines alltäglich gesunden Blutzucker-Verlaufs investiert, der Folgekrankheiten ebenso wie dann auch Unterzuckerungen per se ausschließt, wie sie in diesem Thread hier sehr schön erkennen können http://www.onmeda.de/foren/forum-diabetes/bz-messen-als-schluesselwerkzeug/1662710/read.html

Mit besten Wünschen für Sie und Ihre Oma,
Hans-Jürgen Tilsner

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