14.09.07 Klartext statt Compliance

Sie hielt sich die Nase zu, sie verzog das Gesicht, sie sah mich streng an. Dann sprach sie das vernichtende Urteil: "Hier müffelt's".
Ich verstand endlich, was die erfahrene Zahnarzt-Assistentin meinte, als sie mich zum wiederholten Male auf einen Mangel meiner Zahnpflege aufmerksam machte – aber diesmal in deutlicher Sprache. Sofort kaufte ich mir das Curaprox-System aus der Schweiz zur Reinigung der Zahnzwischenräume. Und was noch wichtiger ist: Ich benutze es auch. Seitdem müffelt's nicht mehr.
Wie sag ich´s meinem Patienten, dass er's begreift – und vor allem, dass er handelt? Das ist die zentrale Frage auf jedem Ärztekongress, wenn es um Prävention geht. Dann kommt immer das vermeintliche Zauberwort Compliance ins Spiel, was so viel heißt, wie binde ich den Patienten sanft ein und motiviere ihn. Da ist dann viel von Empowerment die Rede, von Selbstmanagement.
In der ärztlichen Praxis führt das zu Sätzen wie etwa: "Sie sollten vielleicht einmal stärker auf Ihre schlanke Linie achten". Beim Patienten kommt dann folgendes an: "Sollten": Hat noch Zeit. "Vielleicht": Vielleicht auch nicht. "Schlanke Linie": Gut, dass er nicht von meinem Übergewicht gesprochen hat. "Achten": Gut, dass er nicht gesagt hat, ich muss was machen.
Würde der Arzt weniger an Compliance denken, sondern Klartext reden wie die Zahnarzt-Fachfrau, dann würde der Satz so lauten: "Sie verfetten".
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