29.06.2011 Leistungssport mit Diabetes: Mut zu Herausforderungen

Nach meinem ersten Marathon, den ich spontan mit einem Freund 2009 in Hamburg lief, erntete ich mehr besorgte Gesichter und Kopfschütteln als Mitfreude: „Aber dein Diabetes … was da alles passieren kann.“ Die Sorge meines Umfeldes schien größer zu sein als die Freude über die Leistung, die ich ablieferte. Inzwischen haben sie sich daran gewöhnt. Meine Mutter begleitet mich zu Wettkämpfen, fiebert via Facebook mit meinen Freunden mit und wartet gespannt vor Ort oder vor dem Computer sitzend auf meine Zwischenzeiten des Marathons oder Triathlons. Meine Freunde, Vereinskollegen oder Trainingspartner kennen mich nicht anders als die gummibärchengedopte Verrückte. Die meisten vergessen, dass ich Diabetikerin bin. Sie erinnern sich daran, wenn ich mal an einem Anstieg rechts rausfahre, kurz Blutzucker messe, mir ein paar Gummibärchen einwerfe, aufs Rad steige und wieder zu meiner Trainingsgruppe aufschließe. Dann kommt im Vorbeifahren ein „Geht’s?“, „Pause oder weiter?“ und „Wie tief?“.
Klar, dass es einige Regeln mehr zu berücksichtigen gibt als für Sportler ohne Diabetes, aber das sollte kein Hindernis sein. Aus meinem Blickwinkel sind regelmäßiges Blutzuckermessen und die Versorgung mit Gels oder Traubenzucker gerade bei langen Einheiten unabdingbar. So ist es für mich Pflicht, bei einem langen Lauf mit Messgerät und Gels ausgestattet zu sein und auch während des Laufens zu messen.
Mit zunehmender Erfahrung entwickelt man ein Gefühl dafür, wie hoch die Basalrate sein muss für die jeweilige Einheit, was gegessen werden sollte und ab wann man gegensteuern muss. Jeder für sich hat seine Routinen und Rituale auch beim Wettkampf. So startete ich bei meinem ersten Marathon mit einem Messgerät, bei dem man die Teststeifen manuell ins Gerät stecken musste, einem Rucksack gefüllt mit einer Banane, zwei Päckchen Limonade und vier Gels. Dass das Blutzuckermessen alle 5 Kilometer bzw. alle 30 Minuten während des Laufens einer wahren Herausforderung glich, muss ich keinem erzählen.
Inzwischen habe ich einen Laufgurt für die Insulinpumpe, ein Blutzuckermessgerät mit integrierten Teststreifen, vier Gels und weiß mich an den Versorgungsständen ausreichend zu versorgen. Gemessen wird immer noch alle 5 Kilometer bei längeren Distanzen. Im Triathlon messe ich nach dem Schwimmen, stündlich auf dem Rad und beim Laufen am bewährten Ritual festhaltend alle 5 Kilometer.
Klar, dass es auch mal nicht so gut läuft. Kein Tag ist wie der andere. Misserfolge und Fehltritte gehören dazu. Aber das geht allen Sportlern so.
In den Internetportalen findet man viele Gleichgesinnte, die man um Rat fragen kann. Auf Wettkämpfen sieht man immer mehr Diabetiker. So wurde ich bei meiner ersten Mitteldistanz im Kraichgau auf dem Rad angesprochen mit „Hey, du bist ja auch vom Verein“. Beim Vorbeifahren sah ich, dass er eine Insulinpumpe am Körper trug.
Sport ist für mich ein wichtiger Teil meines Lebens geworden! Ich liebe die Herausforderung, liebe es, an meine Grenzen zu stoßen, mich mit mir und anderen zu messen und Wettkämpfe zu bestreiten. Die heutige Technik schenkt uns Diabetikern so viele Freiheiten, so viele Möglichkeiten und Wege. Man benötigt nur den Mut, sie wahrzunehmen und die Wege zu gehen.
Melanie Schipfer (Halle/Saale)
Ökotrophologin, Studentin der angewandten Sportpsychologie