25.07.2008 Gar nicht so einfach: Loslassen

Mir ist aufgefallen ...
... dass ich gern in Büchern blättere, wenn mich ein Problem umtreibt. So gehe ich auch jetzt zur Bücherwand. Da steht es nun, das dicke große Buch der Bücher, einst in hebräischer und griechischer Sprache verfasst, dank Martin Luther auch in Deutsch. Aber das wird mir heute nicht helfen, denn auf der Suche nach jenem, der mein Hirte ist, bin ich gerade nicht. Wesentlich kleiner und dünner – weil es sich um eine wertvolle Dünndruck-Ausgabe des Insel-Verlages Leipzig handelt – ein Opus, das ganze Pennälergenerationen an den Rand der Verzweiflung getrieben hat. Mich schlägt es immer wieder in Fesseln, wie sein Held, der genau dazu bereit ist in dem Augenblick, in dem er sagen wird: Verweile doch, du bist so schön. Im Pakt mit dem Teufel kamen Dr. Faust diese Worte nicht über die Lippen, viel später erst, in dem Augenblick, in dem er sagen konnte: Es wird die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn. Nun konnte er loslassen. Der Volksmund sagt das kürzer: Wenn es am schönsten ist, soll man gehen. Loslassen eben.
Einfach gesagt. Ich übe es immer mal: In vielen Zügen gibt es "Ruhezonen". Eintritt muss man nicht bezahlen, wohl aber einen deutlichen Druck ausüben: den des Fingers auf den Ausschalt-Knopf des Handys. Physisch kein Problem, psychisch für viele ein Kraftakt. Ich stemme ihn inzwischen ganz gut. Und nun kann ich eintauchen in die Stille, die aufhorchen lässt, schließe die Augen und lasse die großen Konzerte meines Lieblingskomponisten leise nur in meine Ohren fließen – schmunzelnd, denn an meinem Zielort wird es aus dem Bahnhofs-Lautsprecher schallen: Willkommen in der Händel-Stadt Halle.
Die Erde hat mich wieder. Sie hat sich weitergedreht, die Menschen lachen, manche streiten sich, einige sind traurig – aber verdammt noch mal, wieso ist niemand in Depressionen verfallen, weil ich jetzt fünf Stunden lang nicht online war? Braucht mich denn niemand? Pustekuchen. Der Taxifahrer zum Beispiel – schon viel zu lange hat er auf Kundschaft gewartet; mein Nachbar, der mich mit einem Schriftstück empfängt, von dem er dringend ein paar Kopien braucht. Und während ich die Technik einschalte, blättere ich die Post durch: eine Karte von einer lieben jungen Verwandten, die dringend meinen Rat braucht. Also jede Menge Bedarf nach mir. Dabei bin ich noch nicht einmal in jene Bereiche eingedrungen, in denen ich mir manchmal einbilde, unentbehrlich und unheimlich wichtig zu sein. Der Nachbar hat jetzt seine Kopien, und nun ist meine Tine-Trine die Nummer 1, sie braucht jetzt mich. Woanders muss es noch ohne mich gehen – geht es auch, wird auch irgendwann dauerhaft gehen. Für mich gibt es auch andere Möglichkeiten, neue Chancen. Meine Loslass-Phasen geben mir Kraft, zu neuen Ufern aufzubrechen, dem Ruf zu folgen: Leinen los – Carpe diem, nutze den Tag.
So, Schluss nun, Dr. Faustus, zurück ins Regal, in deine Lücke zwischen dem Buch schlechthin und einem noch viel kleineren Buch, dessen großer Inhalt im Grunde genommen die Botschaften seiner Nachbarn zusammenfasst. Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt den Augen unsichtbar – na, er nun wieder, unser kleiner Prinz. Er lässt sich nicht gehen, er lässt sich nicht treiben, er fühlt sich verantwortlich und hat doch eines lernen müssen: Loslassen.
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