10.02.2009 Man muss sich wehren können
Mir ist aufgefallen ...
... dass es nach dem Ende des 2. Weltkrieges auch in deutscher Sprache hieß: Nie wieder Krieg, die Waffen nieder! Es dauerte nur wenige Jahre, bis der erste deutsche Bundeskanzler, wie viele andere auch, meinte, Deutschland brauche wieder eine Armee. Erinnert an den Schwur von einst, antwortete er mit kölschem Humor: "Was schert mich mein dummes Geschwätz von gestern." Ein legendärer Satz. Er wird gelegentlich zitiert und er wird gelebt, nicht nur militärisch, auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen.
Ich bin im Grunde meines Herzens Pazifist und lehne Auseinandersetzungen mit Waffengewalt ab, sehe aber ein, dass man die Möglichkeit haben muss, sich wehren zu können. Der an sich friedliche Igel richtet sein Stachelkleid auf, macht seine Waffen scharf, wenn sich ihm jemand in feindseliger Absicht nähert. Er verteidigt sich, seine Familie, seinen Lebensraum – bewaffnet, doch als Friedensheld, wie die Fabel lehrt, in der die Tiere die allgemeine Abrüstung beschlossen hatten.
Allgemeine Abrüstung wäre im 21. Jahrhundert eine ABM in nie gekanntem Umfang: Vor mehr als 100 Jahren konnte man noch sagen, dass es am besten wäre, wenn alle Völker ihre Waffen in den Meeren versenken würden, wo sie am tiefsten sind. Das heutige ABC-Arsenal würde jedoch den unverzichtbaren Lebensraum Wasser atomar, biologisch und chemisch verseuchen. Und die Ozeane würden überschwappen; denn Berufskollegen der promovierten Physikerin Angela Merkel haben errechnet, dass das weltweit vorhandene Waffenpotenzial ausreichen würde, um unseren kleinen blauen Planeten einige Hundert Male in die Luft zu sprengen. Ich meine: einmal wäre schon ganze Arbeit – wenn auch keine Glanzleistung.
Haben wir uns inzwischen an die Auslandseinsätze der Bundeswehr gewöhnt, an die ständig neu entsendeten Truppenkontingente? Warum akzeptieren wir, dass es nicht brachliegt, nicht ausdörrt, das verfluchte "Feld der Ehre"? Warum dulden wir, dass junge Menschen als lebende Zielscheiben hingestellt werden an Enden der Welt, wo sie nichts zu suchen haben? Nur deshalb, weil die Entscheider ihr Gesicht – welches eigentlich? – wahren wollen! Warum lassen wir uns überhaupt so viel gefallen?
In diesem Winter zeigte ein großes deutsches Wochenmagazin die Bundeskanzlerin und die Ministerin für Gesundheit in wenig kleidsamer Schwesterntracht. Und sie verkörperten genau den Typ Krankenschwester, bei dem man sich als Patient am liebsten gleich die Decke über den Kopf zieht. Nützt aber nichts. Die schützende Hülle wird rüde zurückgezogen, denn die Schwester muss ihr Gesicht wahren. In der Titelgeschichte war dann zu lesen, dass außer den beiden Damen niemand den Gesundheitsfonds will, nicht einmal Ulla Schmidts Intimus, der Gesundheits-Experte Karl Lauterbach. Das gibt einem doch zu denken. Aber was haben wir? Auslandseinsätze dort, Gesundheitsfonds hier. Kaum jemand will dies, kaum jemand jenes, fast jeder schimpft. Wenn wir das alles letztendlich aber doch zulassen, uns nicht wehren, gilt dann nicht auch für uns: "Was schert mich ..."?
Richten wir sie also auf, unsere Stacheln, wenn sich uns jemand mit Absichten nähert, die sich – auf welchen Gebieten auch immer – gegen uns richten.