05.08.08 Maßgeschneiderte Therapie als Ziel!
Vieles in der Diabetologie ist in den letzten 10 Jahren besser geworden: Man denke an das fast flächendeckende Netz von Diabetesschwerpunktpraxen; die Basisversorgung auf hausärztlicher Ebene wird stetig effektiver; die Betroffenen kennen sich immer besser mit Diabetes aus.
Die technischen Möglichkeiten werden kontinuierlich weiterentwickelt: Es gibt gute Messgeräte, die in kürzester Zeit und bei einfacher Handhabung den Blutzucker bestimmen können. Pens und Pumpen für die Insulinapplikation werden moderner, den Wünschen der Betroffenen wird immer mehr entsprochen. Wir haben gute Schulungsprogramme und qualifiziertes Schulungspersonal. Mit Blick auf die blutzuckersenkenden Medikamente bieten sich viele Möglichkeiten, um für jeden Patienten die für ihn maßgeschneiderte Therapie zu finden. Also: Wir sind auf einem guten Weg und können international gut mithalten.
Alles dient letztendlich nur dem einen Ziel: möglichst lange, möglichst gut mit Diabetes leben. Eine gute Lebensqualität wird gerade dadurch erreicht, dass Sie als Betroffene mit der Therapie zufrieden sind und Ihre Stoffwechseleinstellung so ist, dass keine Folgeerkrankungen entstehen. Wer Typ-1-Diabetes hat, für den ist ein normaler Blutzucker Garant für ein langes und gesundes Leben mit Diabetes ohne hohes Risiko für Erkrankungen am Herz-Kreislauf-System, an Nieren, Augen, Nerven. Ähnlich gilt das auch für Typ-2-Diabetes.
Doch hat sich daran etwas geändert? Vor Wochen kam die Frage auf, ob "niedriger Blutzucker gleich niedrige Komplikationsrate" für den Typ-2-Diabetes auch wirklich gilt? In Amerika wurde die große Studie ACCORD vorzeitig abgebrochen, nachdem es bei Patienten, bei denen man versucht hatte, den HbA1c unter einen Wert von 6 Prozent zu senken, mehr Todesfälle gegeben hat als in der Gruppe, bei denen der HbA1c-Wert großzügiger bei Werten über 7 Prozent lag.
Kaum, dass die Daten veröffentlicht wurden, gab es viele aus meinem Blickwinkel voreilige Folgerungen: Man müsse nun beispielsweise beim Typ-2-Diabetes den Blutzucker nicht mehr gut einstellen, da dies ja für Patienten gefährlich sei. Zeitgleich wurde allerdings eine andere Studie veröffentlicht, die ADVANCE-Studie, bei der man diese Befunde nicht nachvollziehen konnte. Widersprüchliche Ergebnisse also.
Nun ist es Aufgabe der internationalen Wissenschaftsgesellschaften, für Deutschland ist es die Deutsche Diabetes-Gesellschaft, die Ergebnisse zu interpretieren: Worin unterschieden sich die Studien? Lag es an der unterschiedlichen Therapieform? Waren die Patienten in der ein oder anderen Studie kränker? Falsch ist es, wenn Studienergebnisse ohne Hinterfragen sofort dazu hergenommen werden, um Therapieentscheidungen, die sich über viele Jahre an Tausenden von Menschen bewährt haben, auf den Kopf zu stellen.
Ich glaube, Sie fahren als Typ-1- und Typ-2-Diabetiker gut damit, wenn Sie versuchen, Ihren HbA1c-Wert unter 7 Prozent zu halten. Werte unter 6 Prozent sind oft auch mit einem höheren Unterzuckerungsrisiko verbunden. Und sie bergen gerade für ältere Typ-2-Diabetiker möglicherweise ein Risiko, wenn bereits Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorliegen oder die Blutzuckerwerte über eine längere Zeit stark erhöht waren.
Aber: Das Therapieziel eines jeden Betroffenen ist individuell gemeinsam mit Arzt und Diabetesberaterin zu besprechen! Denn das verstehe ich unter maßgeschneiderter Therapie: nämlich dass Therapieziel, Therapieform und individuelle Therapiezufriedenheit in Einklang gebracht werden.
Prof. Dr. med. Thomas Haak
Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG)
Wirklich stoffwechselgesunde Menschen stehen mit max um 80 mg/dl auf, messen 30-60 Minuten nach größerem Stärke=Zucker-Input um 120 oder knapp darüber, kaum je über 140, und sind nach 2 Stunden längst wieder zurück bei um 80. HBA1c 4,5 bis max 5,5.
Warum muss der BZ zur Diagnose von Diabetes mellitus erst in die Region um HBA1c 7 ansteigen, nüchtern bis über 125 mg/dl und 2 Stunden nach dem OGTT über 200 (reine Definitionsgrößen! Nichts, was die Krankheit irgendwie vorgeben würde), um anschließend so behandelt zu werden, dass nach IDF-Empfehlung 2 Stunden nach dem Input 140 nicht überschritten werden?
Zumal etwa die Hälfte der zeitnahen Diagnosen schon voll entwickelte diabetische Folgekrankheiten mitbringen!
Was spricht dagegen, die Behandlung logisch wenigstens schon dann zu beginnen, wenn 2 Stunden nach dem OGTT die 140 überschritten werden, die mit der guten Therapie nach Überschreiten der viel höheren Diagnose-Schwelle nach Möglichkeit unterschritten bleiben sollten?
Und was spricht überhaupt dagegen, neu diagnostizierte Betroffene im ersten Jahr dazu anzuleiten (nicht mit Einstellen verwechseln!), wie sie sich zuverlässig alltäglich wirklich gesunde BZ-Verläufe (s.o.) ohne nennenswerte Hypogefahr machen können, statt an HBA1c unter 6,5 als gesund zu glauben und unter 6 gar als gefährlich?
Natürlich würden das lange nicht alle nutzen. Schließlich nutzen ja auch nicht alle Raucher die Möglichkeit, sich zu Nichtrauchern zu entwickeln.
Dumm eigentlich, dass die Tabakindustrie diesen Diabetes-Trick noch nicht raus hat. Denn was meinen Sie, wie viele lukrative Nichtraucher mehr wären, wenn schon mit 15 Zigaretten am Tag das Nichtrauchen beginnen und unter 10 als gefährlich (s. ACCORD) wenig gelten würde?
Und dann wäre doch auch sehr viel einfacher zu belegen (wieder ACCORD), dass Nichtrauchen nicht wirklich sooo viele Vorteile gegenüber dem Rauchen bringt, oder?
Maßgeschneiderte Therapie hört sich gut an, ist aber unrealistisch. Man wird bei Ärzten in weniger als 5 Minuten abgefertigt. Und Standard ist mehr Insulin, mehr Tabletten. Maßgeschneiderte Therapie kostet Zeit.
Mein Therapieziel wird von Ärzten utopisch gehalten.
Therapiezufriedenheit: Ich bin zufrieden, wenn es klappt.
Therapieform: Übersteigt den Wissenschatz der Ärzte.
Ergo, ich werde von den Ärzten nicht therapiert!
mfg dipa
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