18.04.2011 Mitten im Leben: der Tod

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen – daran muss ich in diesen Tagen oft denken, denn jemand, der mir nahestand, ist gestorben. „Wer tot ist, kann nicht mehr sprechen, oder?“, fragen die Kinder. Nein, und wer tot ist, kann auch nicht mehr hören, riechen, laufen, sich mal eine Suppe kochen oder sich hinter dem Ohr kratzen oder jemandem einen Vogel zeigen. Wer tot ist, fühlt nicht mehr, wie die Tage jetzt immer wärmer werden, sieht nicht mehr die Tulpen blühen und wird nie den Roman des Lieblingsschriftstellers lesen, der erst im Mai herauskommt. Wer tot ist, den kann man auch nicht mehr von Angesicht zu Angesicht um Rat fragen, nur noch in Gedanken – „Wie hättest du das gemacht?“
Und nun? Oft lese ich in Traueranzeigen, dass das Leben des Verstorbenen geprägt war von Arbeit und Fürsorge. Was würde über mich in der Zeitung stehen? Wie würde ich weiterleben in den Gedanken derer, die mich kannten? Wäre ich zufrieden – einmal vorausgesetzt, ich würde in einem Zustand weiterexistieren, der mir das Denken erlaubt?
„Bedenke, dass du sterblich bist“, flüstert es in diesen Tagen in meinem Kopf. Was aber soll ich mit dieser nicht gerade neuen Wahrheit anfangen, die sich durch den Tod eines geliebten Menschen nicht so leicht wie sonst aus meinen Gedanken vertreiben lässt? Mein Leben komplett umkrempeln? Das Abenteuer suchen, abseits von Redaktionsarbeit und Familie und den Freuden und Nöten eines durchschnittlichen Lebens? Soll ich, statt der Wäsche beim Schleudern zuzusehen, mich selbst radikal und um 180 Grad drehen?
Gibt es Menschen, die niemals solche Gedanken haben? Eher nicht, und ich stelle mir vor, dass Menschen mit Diabetes dieses Flüstern im Kopf noch etwas öfter und lauter hören. Schließlich geht es beim Arzt und auch hier im Diabetes-Journal immer wieder um Folgekrankheiten, die bei Diabetes auftreten können. Natürlich können Sie vorsorgen – aber was ist, wenn das nicht reicht? Was ist, wenn Träume nicht mehr Wirklichkeit werden könn(t)en, auch nicht mehr theoretisch?
„Hätte ich doch …“ ist ein Satz, der uns unser Leben lang begleitet und der unvermeidlich ist, wenn eine schwere Krankheit oder der Tod uns begegnen. Aber welchen Schluss ziehe ich, ziehen Sie daraus? Und was tun mit dem Flüstern im Kopf? Ignorieren? Handeln? Wie halten Sie es? Haben Sie eine Ahnung? Sogar ein gelingsicheres Rezept fürs Leben? Teilen Sie doch Ihre Gedanken mit mir – schreiben Sie mir.
Die Autorin: Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".