25.06.2008 Mobbing
Mir ist aufgefallen...
... dass ich sehr vereinfachte Vorstellungen von „Mobbing“ hatte: Irgendwer, einer oder mehrere, übt auf irgendwen schikanösen Druck aus, mit dem Ziel, ihn von seinem Arbeitsplatz zu entfernen. Liebe Güte, dachte ich immer: So was merkt man doch, dagegen kann man sich wehren.
Nun schildert mir ein Freund eine Vorgehensweise, die gar nicht so einfach zu merken ist, gegen die man sich auch nicht so richtig wehren kann. Also, erzählt er mir, für einen wichtigen Terminauftrag brauchte er Zuarbeiten und Informationen von seinen Kollegen – bekommt sie auch. „Wo ist das Problem?“ sage ich. Er erledigt nun seine Arbeit, möchte sie jedoch nicht weitergeben, ohne die Kollegen noch einmal dazu zu befragen, und bittet sie darum, vertrauensvoll und zuversichtlich, dass sie schnell reagieren. Denn er weiß, dass sie wissen: Der Termin drängt. Nun wartet er: zunächst geduldig, dann erinnernd, flehentlich schließlich – aber es kommt nichts. Kein „Ist gut so“, kein „Das müssten wir ändern“ nicht einmal eine Ablehnung oder ein totaler Verriss. So sitzt er wie das Kaninchen vor der Schlange und gerät in Terminnot. Seine doch eigentlich netten Kollegen möchte er aber an höherer Stelle nicht hinhängen, sie haben ihm schließlich „geholfen“.
Die höhere Stelle jedoch legt ob seines nun eintretenden Terminverzuges berechtigt die Stirn in Falten: Nun ist er nicht nur in Terminnot, sondern auch in der Situation, dass sein Ruf als zuverlässiger Mitarbeiter angekratzt ist. Er könnte es nun zwar erklären, aber so richtig beweisen? Eher nicht. Die netten Kollegen haben ihm zufällig oder absichtlich einen Arbeitsstau verursacht, der ihn nun in ein schlechtes Licht rückt. Dumm gelaufen.
„Ja, aber“, wende ich ein, „keiner von denen ist doch auf deinen Job scharf. Das kannst du doch absolut ausschließen.“ „Auf den Job nicht“, meint er. „Es ist wohl mehr Verdruss darüber, dass meine Arbeit eigentlich ganz gut anerkannt wird.“ „Und was haben die davon?“ „Keine Ahnung, klar ist: Sie wissen, dass sie mir damit Ärger bereitet haben – und Schadenfreude soll ja gar nicht so selten vorkommen.“
Ich kann ihm ansehen, dass er sehr deprimiert ist und habe nicht einmal wie sonst einen flotten Spruch zur Hand à la: „Ist der Ruf erst ruiniert...“ Nein, das fände ich nicht passend. Einen guten Rat habe ich leider auch nicht, das Ganze ist so schwer greifbar, so gar nicht zu verstehen. Die ganze Truppe, in der mein Freund tätig ist, müsste ja am guten Ruf aller interessiert sein, letztendlich fällt die Kritik ja auch mit auf sie zurück.
Was das nun alles mit Diabetes zu hat? Viel! Die Bundesregierung schenkt den Menschen mit Diabetes große Aufmerksamkeit, dafür gibt es viele Beispiele. Die Realität – und dafür gibt es eben auch viele Beispiele – sieht in Menschen mit Diabetes oft Menschen zweiter Klasse, nicht nur im Rahmen der 2-Klassen-Medizin. Wie gesagt: Meine Vorstellungen von Mobbing waren ziemlich vereinfacht.
Auch die deutsche Regierung wird sich daran messen lassen müssen, wie ernst sie die Probleme der Menschen mit Diabetes wirklich nimmt: Denn wer möchte schon in den Verdacht geraten, einen großen Teil seiner Wähler zu mobben? Zumal die nächsten Wahlen ja bestimmt kommen.