02.06.10 Moderne Therapien: Unvorhersehbares meistern

Wenn es um moderne Therapieoptionen geht, ist oft von Lebensqualität die Rede. Dr. Katrin Kraatz schildert ein Erlebnis aus ihrem Blickwinkel.

Diabetiker können leben wie jeder andere ohne Diabetes auch. Diese These vertrete ich auch gern – mit einem kleinen „fast" vor dem „leben". Manchmal allerdings gibt es Tücken …

An einem sonnigen Frühlingstag, den Tag hatten wir gerade mit einem gemütlichen Frühstück begonnen, entschieden wir kurzfristig, einen Spaziergang zu machen. Etwa eineinhalb Stunden würde er dauern, das wusste ich aufgrund der gewählten Strecke.

Aus dem Blickwinkel des Nicht-Diabetikers konnte sich jetzt uneingeschränkte Vorfreude auf den herrlichen Weg durch die Sonne breitmachen. Aus meinem Blickwinkel als Typ-1-Diabetikerin bedeutete die gemeinsame Entscheidung jedoch schnelle Überlegung und Planung. Für den Hinweg würde ich, da ich für das Frühstück die vollständige Insulindosis gegeben hatte, Extra-Kohlenhydrate brauchen: Zwei Doppelkekse halfen hier. Weil ich kurzwirksame Insulinanaloga in der Insulinpumpe verwende, konnte ich für die zweite Hälfte des Wegs noch eine Reduktion der Basalrate nutzen. Überlegt, getan: Ich reduzierte sie, entsprechend meinen Erfahrungen, um die Hälfte.

Es war herrlich, flott durch die Sonne zu gehen, bergauf, bergab, Treppen und Steigungen im Wechsel. Was ich nicht ahnen konnte: Unterwegs trafen wir einen guten Bekannten. Er hat ein umfangreiches Wissen, das er gern mit anderen teilt – das „kurze Schwätzchen" dauerte eine halbe Stunde. Das Gespräch war hochinteressant, Tipps für einen Ausflug am nächsten Tag gab es gleich dazu. Aber es war eine halbe Stunde, in der ich mich natürlich nicht bewegte. Die Kekse aber hatten ihre Wirkung getan, und die Basalratenreduzierung lief weiter. Das Ergebnis ist leicht auszurechnen: Der Blutzucker war durch die vorbeugenden Maßnahmen ohne die Bewegung nach oben gestiegen; der Rückweg tat nicht gleich seine Wirkung. Beim Nachhausekommen lag der Blutzucker deutlich zu hoch – ließ sich aber recht schnell durch Korrekturinsulin senken.

Natürlich war dieser Blutzuckerverlauf nicht ideal, und manch einer wird denken: Die müsste doch wissen, wie es geht, wenn sie sich jeden Tag mit dem Thema beschäftigt! Stimmt, kann ich da nur erwidern – in der Theorie ist das immer ganz einfach. Aber soll ich wegen der Theorie auf das nette Gespräch verzichten und den alten Herrn mit dem Hinweis auf meine reduzierte Basalrate einfach stehenlassen? Sicher nicht! Unvorhersehbares gehört nun einmal zum Leben und bereichert es unermesslich. Umso wichtiger ist es, dass auch Menschen mit einer gesundheitlichen Einschränkung wie zum Beispiel dem Diabetes Mittel an die Hand bekommen, um solche Dinge möglichst schnell und unkompliziert lösen zu können. Durch die kurzwirksamen Insulin-Analoga konnte ich noch die Basalratenreduzierung nutzen und dann, nachdem Unvorhergesehenes Nummer zwei eingetreten war, damit schnell wieder in normale Werte zurückkehren. Und so geht es sicher vielen Diabetikern – die dankbar für moderne Therapieoptionen sind.

Dr. Katrin Kraatz
Redakteurin
Diabetes-Journal

Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 02.06.10 18:09

Sehr geehrte Frau Dr. Kraatz,

Sie schreiben mir aus der Seele: Den Blutzucker ereignisbezogen gesund steuern geht nur mit schnellem Analog-Insulin. Und wenn dazu standard-schulungsmäßig angeleitet würde, hätten wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überhaupt kein Problem mit der Anerkennung durch G-BA und Politik und Krankenkassen. Und wir hätten längst eine so überwältigende Menge guter und sehr guter Therapie-Ergebnisse und eine so immense Abnahme an Folgekrankheiten, dass das IQWiG nicht einmal im Ansatz auf die Idee käme, am schnellen Analog-Insulin sparen zu wollen.

Leider wird aber nicht einmal in der Hälfte aller Pumpen-Schulungen zum ereignisbezogenen gesunden Steuern des Blutzuckers angeleitet. Und von wenigen Ausnahmen abgesehen wird davon in normalen ICT-Schulungen eher negativ im Sinne von Nachspritzen gesprochen, mit dem man nur jede ordentliche ärztliche Einstellung hypogefährlich durcheinander bringen könne)* Schließlich, so heißt es immer wieder, hätten auch völlig gesunde Menschen öfter mal Blutzucker-Spitzen an 200mg/dl und auch darüber. Und obwohl das Gegenteil längst bis in die letzte Hausarzt-Praxis bekannt sein sollte, wird auch in der Mehrzahl der diabetologischen Schwerpunktpraxen noch immer geschult, dass der morgendliche Nüchternwert den HBA1c-Wert mache und dass es allein auf den ankomme und dass der Blutzucker-Verlauf zwischen den Mahlzeiten Nebensache sei, so lange nur jeweils vor dem Essen wieder der Zielbereich erreicht wird.

Fazit: In der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle wird mit schnellem Analog-Insulin genau so eingestellt, wie mit Human-Insulin. So wie das ja auch in den in Fachwelt und IQWiG so geschätzten doppelt verblindeten Studien geschehen muss, in denen jedes aktive ereignisbezogene Patienten-Verhalten nur stören würde. Und wo weit überwiegend anleitungsmäßig von ärztlicher Seite so willig auf den Vorteil der gesund ereignisbezogenen Blutzucker-Steuerung verzichtet und mit schnellem Analog-Insulin lediglich wie mit Human-Insulin eingestellt wird, spricht JEDE VERNÜNFTIGE RECHNUNG leider eindeutig für das kostengünstigere Human-Insulin.

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

)* WICHTIG: Wer Ihr Beispiel nachbauen will, sollte systematisch austesten, was bei ihm als Steuer-Faktor funktioniert. Der kann nur zufällig mit dem zusammen fallen, den wir als Korrektur-Faktor kennen!

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