28.07.2011 Normnahe Blutzuckereinstellung: Sinnlose Quälerei mit der Therapie?

Es wäre fahrlässig, die bisher auch in Leitlinien festgelegten Therapieziele in den Wind zu schlagen.

Endlich wissen wir es: Blutzuckerwerte, die auf Dauer annähernd so sind wie bei gesunden Menschen, sprich „normnah“, bringen bei Diabetikern nichts!

Sind Sie jetzt sprachlos? Ich war es, als ich das Fazit eines „Rapid Reports“ des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in die Hand bekam. Dort heißt es: „Bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 ist für keinen der hier untersuchten patienten-relevanten Endpunkte ein Nutzen bzw. Schaden einer ‚normnahen‘ Blutzuckersenkung belegt (…).“ Die genannten Endpunkte sind die Gesamtmortalität und Folgekomplikationen des Diabetes wie tödliche oder nichttödliche Herzinfarkte, tödliche oder nichttödliche Schlaganfälle, Nierenversagen, Amputationen an den unteren Extremitäten und Erblindung. Auch für die gesundheitsbezogene Lebensqualität sieht das IQWiG keinen belegten Nutzen.

Und dann kommt die Warnung des IQWiG in die andere Richtung: Hypoglykämien sind gefährlich! Dem kann ich nicht widersprechen – Unterzuckerungen können tatsächlich gefährlich sein. Aber sind sie gefährlicher als ständig zu hohe Blutzuckerwerte?

Ich denke nicht. Denn hat nicht zum Beispiel die Follow-up-Untersuchung der großen United Kingdom Prospective Diabetes Study (UKPDS) mit über 4?000 Typ-2-Diabetikern gezeigt, dass eine bessere Einstellung während der eigentlichen Studiendauer nach 10 Jahren zu weniger Folgeerkrankungen des Dia­betes führte – und das, obwohl sich nach dieser Zeit die Einstellungsqualität der verschiedenen Studiengruppen einander angenähert hatte?

Normnahe Einstellung zu Beginn des Diabetes sinnvoll
Das mag ein Hinweis darauf sein, dass die Einstellungsqualität nicht in jeder Phase des Dia­betes eine entscheidende Rolle spielt. Aber es ist ebenso ein wichtiger Hinweis darauf, dass es offensichtlich sinnvoll ist, zu Beginn des Lebens mit Diabetes eine normnahe Einstellung anzustreben – damit das Gedächtnis des Körpers diesen guten Start in weniger Folgen ummünzen kann. Das nennt man Legacy-Effekt, wie er auch für Typ-1-Diabetiker in der Studie DCCT/EDIC gezeigt wurde.

Fatal wäre aus meinem Blickwinkel nun, aufgrund der Verlautbarung des IQWiG alle Typ-2-Diabetiker über einen Kamm zu scheren und den Versuch der normnahen Einstellung grundsätzlich zu unterlassen. Denn damit vergeben wir bei allen die ­Chance des „guten Starts“. Und bevor wir nicht wissen, ob der Legacy-Effekt nicht nach einer gewissen Zeit, möglicherweise nach einigen Jahren, doch nachlässt, wäre es fahrlässig, die bisher auch in Leitlinien festgelegten Therapieziele in den Wind zu schlagen.

Lebensqualität - Nicht beeinträchtigt?
Einen weiteren Aspekt, der gern vergessen wird, nennt das IQWiG sogar ausdrücklich: die Lebensqualität. Sie würde durch eine nicht normnahe Einstellung nicht beeinträchtigt. Tatsächlich? Wer hohe Blutzuckerwerte hat, spürt Durst, muss häufig Wasserlassen und kann sich schlecht konzentrieren. Ist das kein Argument für eine normnahe Einstellung?

Aus meiner Sicht muss nun die Wissenschaft sich intensiv den Aussagen des IQWiG widmen – um zu beweisen, welche Blutzuckerwerte langfristig und auch kurzfristig anzustreben sind. Wir werden sehen, wer recht hat.

Dr. Katrin Kraatz
Redaktion Diabetes-Journal

Kommentar

Egon Manhold aus Lemwerder - 01.08.11 16:00

Hallo sehr geehrte Frau Kraatz,

ich denke, mit dem Ergebnis des "Rapid Reports" will das IQWiG wieder einmal zu (Gesundheits-)Lasten der Patienten seiner Aufgabe gerecht werden und den GKV Ausgaben ersparen.

Wobei ich sicher bin, dass das - auch wieder einmal- ein Schuss nach hinten ist. Denn die Behandlung von (Spät-)Komplikationen durch nicht normnahe BZ-Einstellung, wird deutlich höher sein, als eine möglichst normnahe BZ-Einstellung zu unterstützen und zu finanzieren.

Mit besten Grüßen
Egon Manhold

Hans-Jürgen Tilsner aus O>elde - 29.07.11 10:05

Sehr geehrte Frau Dr. Kraatz,

die Bewertungen und Aussagen des IQWiG leiden aus meiner Sicht an einem absolut eklatanten Mangel: Sie schließen von vornherein jede individuelle Behandlung aus und berücksichtigen eben ausschließlich, was sich allein nach Aktenlage ohne Zutun des Behandlers oder des Behandelten umsetzen lässt. Einfache Beispiele wie das folgende sind damit von vornherein ausgeschlossen bzw. fallen unter die IQWiG Sammelabwertung: kein Zusatznutzen gegenüber Standard-Aktenlagen-Behandlung.

Hauptperson in dem Beispiel ist eine über 70 Jahre alte Dame, die ich vor einigen Jahren im Rahmen der Selbsthilfe betreut habe. Sie lebte allein in einem kleinen Häuschen mit ihrem Hund. Mit dem ging sie 3mal täglich ihre so genannte Hunde-Runde, ca 15-20 Minuten. Als sie infolge zunehmender Demenz ihre vielen Medikamente nicht mehr zuverlässig regelmäßig nahm, bekam sie die 3mal täglich von einem ambulanten Pflegedienst verabreicht, dazu Standard-Verpflegung von Essen-auf-Rädern. Einen ansteigenden BZ hatte ihr Hausarzt wohl schon über Jahre beobachtet. Bei HBA1c 7 hätte er gerne Metformin verordnet, aber die möglichen Verdauungsschwierigkeiten in den ersten Tagen und Wochen der Einnahme hätten eine durchgehende Betreuung der alten Dame erfordert, die niemand leisten konnte.

Die Herausforderung war also, eine Medikation zu finden, die den BZ nach Standard-Essen-auf-Rädern in der Spitze ausreichend senkte und mit der sie aber nie Gefahr lief zu unterzuckern. Um den möglichen Spielraum für Medis auszutesten, hab ich dann halt ihren BZ in ihrem normalen Alltag beobachtet mit dem Ziel zu schauen, wie tief der sinken konnte und wie viel Raum da dann noch für die Medikation blieb. Dabei hab ich zunächst einmal gefunden, dass ihr Blutzucker jeweils in der Stunde nach dem Essen, wenn sie die mit einem Nickerchen in ihrem Schaukelstuhl verbrachte, bis auf 250-300mg/dl anstieg und dann in weitem hohem Bogen bis kurz vor der nächsten Mahlzeit gegen 120-100 sank. Daran änderte sich auch nichts, wenn sie meistens irgendwann mitten zwischendrin ihre üblichen 15-20 Minuten mit dem Hund ging. Nur wenn sie diesen Gang kurz vor der nächsten Mahlzeit machte, stieg ihr Blutzucker dann schon wieder auf 140-160mg/dl an.

Aber noch viel interessanter war der Hundegang direkt nach dem Essen vor der Schaukelstuhl-Siesta. Damit kam sie nämlich mit 80-100mg/dl wieder, und ihr BZ stieg dann auch bis zur nächsten Mahlzeit nicht mehr nennenswert an. Ich habe ihr dann mit Erfolg verargumentieren können, dass der Hund genauso wie sie nach den Mahzeiten immer erst sein Geschäft verrichten musste - mit dem HBA1c-Ergebnis von knapp unter 7 auf absolut gesunde unter 5,5 völlig ohne Zuckermedis für die etwa 3 Jahre, die sie dann noch zuhause hat leben können. Also praktisch eine Intervention ohne Intervention, denn dazu musste ja die Bewegung, die sie ohnehin täglich hatte, lediglich zeitlich ein bisschen verlegt werden :-)

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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