Hallo sehr geehrte Frau Kraatz,
ich denke, mit dem Ergebnis des "Rapid Reports" will das IQWiG wieder einmal zu (Gesundheits-)Lasten der Patienten seiner Aufgabe gerecht werden und den GKV Ausgaben ersparen.
Wobei ich sicher bin, dass das - auch wieder einmal- ein Schuss nach hinten ist. Denn die Behandlung von (Spät-)Komplikationen durch nicht normnahe BZ-Einstellung, wird deutlich höher sein, als eine möglichst normnahe BZ-Einstellung zu unterstützen und zu finanzieren.
Mit besten Grüßen
Egon Manhold
Sehr geehrte Frau Dr. Kraatz,
die Bewertungen und Aussagen des IQWiG leiden aus meiner Sicht an einem absolut eklatanten Mangel: Sie schließen von vornherein jede individuelle Behandlung aus und berücksichtigen eben ausschließlich, was sich allein nach Aktenlage ohne Zutun des Behandlers oder des Behandelten umsetzen lässt. Einfache Beispiele wie das folgende sind damit von vornherein ausgeschlossen bzw. fallen unter die IQWiG Sammelabwertung: kein Zusatznutzen gegenüber Standard-Aktenlagen-Behandlung.
Hauptperson in dem Beispiel ist eine über 70 Jahre alte Dame, die ich vor einigen Jahren im Rahmen der Selbsthilfe betreut habe. Sie lebte allein in einem kleinen Häuschen mit ihrem Hund. Mit dem ging sie 3mal täglich ihre so genannte Hunde-Runde, ca 15-20 Minuten. Als sie infolge zunehmender Demenz ihre vielen Medikamente nicht mehr zuverlässig regelmäßig nahm, bekam sie die 3mal täglich von einem ambulanten Pflegedienst verabreicht, dazu Standard-Verpflegung von Essen-auf-Rädern. Einen ansteigenden BZ hatte ihr Hausarzt wohl schon über Jahre beobachtet. Bei HBA1c 7 hätte er gerne Metformin verordnet, aber die möglichen Verdauungsschwierigkeiten in den ersten Tagen und Wochen der Einnahme hätten eine durchgehende Betreuung der alten Dame erfordert, die niemand leisten konnte.
Die Herausforderung war also, eine Medikation zu finden, die den BZ nach Standard-Essen-auf-Rädern in der Spitze ausreichend senkte und mit der sie aber nie Gefahr lief zu unterzuckern. Um den möglichen Spielraum für Medis auszutesten, hab ich dann halt ihren BZ in ihrem normalen Alltag beobachtet mit dem Ziel zu schauen, wie tief der sinken konnte und wie viel Raum da dann noch für die Medikation blieb. Dabei hab ich zunächst einmal gefunden, dass ihr Blutzucker jeweils in der Stunde nach dem Essen, wenn sie die mit einem Nickerchen in ihrem Schaukelstuhl verbrachte, bis auf 250-300mg/dl anstieg und dann in weitem hohem Bogen bis kurz vor der nächsten Mahlzeit gegen 120-100 sank. Daran änderte sich auch nichts, wenn sie meistens irgendwann mitten zwischendrin ihre üblichen 15-20 Minuten mit dem Hund ging. Nur wenn sie diesen Gang kurz vor der nächsten Mahlzeit machte, stieg ihr Blutzucker dann schon wieder auf 140-160mg/dl an.
Aber noch viel interessanter war der Hundegang direkt nach dem Essen vor der Schaukelstuhl-Siesta. Damit kam sie nämlich mit 80-100mg/dl wieder, und ihr BZ stieg dann auch bis zur nächsten Mahlzeit nicht mehr nennenswert an. Ich habe ihr dann mit Erfolg verargumentieren können, dass der Hund genauso wie sie nach den Mahzeiten immer erst sein Geschäft verrichten musste - mit dem HBA1c-Ergebnis von knapp unter 7 auf absolut gesunde unter 5,5 völlig ohne Zuckermedis für die etwa 3 Jahre, die sie dann noch zuhause hat leben können. Also praktisch eine Intervention ohne Intervention, denn dazu musste ja die Bewegung, die sie ohnehin täglich hatte, lediglich zeitlich ein bisschen verlegt werden :-)
Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner