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12.12.2008 Nun stellen Sie doch endlich mal Ihr Leben um!

Diabetes-Journal Chefredakteur Günter Nuber über Sattel, Laufschuh, Quark.

Eine britische Studie habe gezeigt, heißt es in der vor mir liegenden Pressemitteilung, dass es sich lohnt, den Blutzuckerspiegel von Diabetikern rechtzeitig zu senken; Folgeerkrankungen könnten so verhindert werden. Weiter steht da, "dass bereits durch eine Umstellung des Lebenswandels der Blutzuckerspiegel gesenkt werden kann, so dass Medikamente überflüssig werden."

Dieses "bereits durch" (abgewandelt auch "schon durch" oder "allein schon mit!") begegnet mir auf Pressekonferenzen, in Interviews, auf Tagungen: "Typ-2-Diabetes? Alles kein Problem!"  sagen die medizinischen Experten, sagen die Psychotherapeuten, sagen die Gesundheitspolitiker – allein schon mit mehr Bewegung im Alltag und Ernährungsumstellung werden die Werte wieder normal. In den allermeisten Fällen benötige man gar keine Medikamente ...

Seit über 15 Jahren schreibe ich fürs Diabetes-Journal, genauso lange höre ich die Sätze, sie kommen wie aus Gebetsmühlen: Man muss es sagen, weil es dazugehört. Weil es die Einleitung ins Referat ist. Oder weil es halt wünschenswert wäre, wenn alles so einfach ginge: Diabetiker schwingen ihre 20 Kilo Übergewicht, angesammelt über 35 Jahre, drei- oder viermal wöchentlich abends (statt ins weiche Sofa) in den harten Sattel, in die Adidas-Laufschuhe oder auf die Hantelbank im Fitness-Studio.

Warum eigentlich nicht? Zur Stärkung danach werden die gefüllten Lendchen mit Soße und Spätzle, werden die Spaghetti bolognese ersetzt durch Magerquark mit Fenchel und Möhren, wahlweise Vollkornbrot und Harzer Käse. Na?

Ich frage mich, wie man es anstellen soll, als Übergewichtiger (und das sind die allermeisten Deutschen) mit zu hohen Blutzuckerwerten seine jahrelangen Ernährungsgewohnheiten und jahrzehntelangen Bewegungsgepflogenheiten so nebenbei zu ändern? Durch immer wieder bemühte Hinweise seitens der Experten etwa? Die Wiederholung dessen, was wünschenswert wäre, bewegt nichts; sie führt auch nicht zu mehr Bewegung der Menschen im Alltag.

Man sollte nicht vergessen: Über zwei Drittel der Deutschen sind übergewichtig oder gar fettleibig. Darunter Ärzte, Therapeuten, Typ-1-Diabetiker. Wenn es so einfach wäre, dies zu ändern, würden es die Menschen tun; denn Übergewicht ist für viele unschön, unbequem, ungesund.

Sein Gewicht zu halten, Gewicht abzunehmen, sportlicher zu werden oder nun weniger Fleisch und viel mehr Gemüse zu essen – das alles erfordert große Eingriffe im Alltag. Und es geht nur, wenn man diese Lebensumstellung regelrecht trainiert, an Umstellungsprogrammen teilnimmt, sich in einer Gruppe zusammentut. Denn wir reden über das mitunter schwierigste Unterfangen, an das sich ein Betroffener, ein Zuckerkranker heranwagen kann.

Anders essen, weniger essen, sich deutlich mehr bewegen! – Gleichzeitig ist es das mitunter schwierigste Unterfangen der Diabetes-Experten: sich gemeinsam mit einem Betroffenen heranzuwagen an eine Änderung des Blickwinkels, an Gewichtsabnahme – und an gute Blutzuckereinstellung ohne Medikamente? Himmel! Beidseitige Frustration ist programmiert.

Dann doch lieber der Griff des Arztes zum Verschreibungsblock. Und der Verweis auf uneinsichtige Patienten. Und der strenge Hinweis: "Bereits durch eine Umstellung Ihres Lebenswandels kann der Blutzuckerspiegel gesenkt werden, so dass Medikamente für Sie überflüssig würden."


Günter Nuber
Chefredakteur Diabetes-Journal

Kommentar

Wahl - 16.12.08 17:18

Typ 2 seit 7 Jahren mit ICT: Umstellung seit etwa 6 Monaten auf 90% Rohkost, fast kein tierisches Eiweiß, fast keine großen Kohlenhydrate (Stärke), keine schnellen Kohlenhydrate (Zucker), Verzicht auf mineralarme Hybridfrüchte, außerdem viel Bewegung hat zwar das Gewicht auf BMI 23 sowie die Insulinresistenz auf Null reduziert, aber jede nicht vollständig kontrollierbare Zufuhr von Kohlenhydraten (Restaurant, Einladung, Heißhunger nach Hybridfrüchten) erzeugt postprandiale Spitzen über 160 mg/dL, die erst nach mehreren Stunden auf Werte unter 100 abgebaut werden (außer bei zusätzlicher sportlicher Bewegung). Basalinsulin (NPH) nur schwer dosierbar, ergibt sehr oft nächtliche Hypos (schweißgebadetes Erwachen um 3 Uhr). Quo vadis? Mal sehen, welche Ideen diabetologischerseits kommen.

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