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08.09.2010 Ohne koordiniertes Vorgehen ist die Diabeteslawine nicht aufzuhalten

"Oh Herr, lass es Hirn regnen.“

So lautete der Standardspruch meines Lateinlehrers, wenn uns Schülern wieder einmal beim Übersetzen eines Textes grobe Schnitzer unterliefen. Wir Schüler hätten auch gar nichts dagegen gehabt, wenn uns vom Himmel plötzlich eine Eingebung offenbart worden wäre, wie die richtige Lösung auszusehen hat.
Vielleicht liegt es am Sommerloch, aber im letzten Monat ist mir mein alter Lateinlehrer öfters eingefallen. Ja – in der Gesundheitspolitik muss gespart werden. Richtig – Überflüssiges sollte auf den Prüfstand gestellt werden. Und was fällt den Gesundheitspolitikern dazu ein? Laut einem Bericht des „Kölner Stadtanzeigers“ vom 20.6.2010 wird von einer internen Arbeitsgruppe des Gesundheitsministeriums Herrn Rösler vorgeschlagen, die Kassen sollten Schulungen für chronisch kranke Patienten einstellen, um dadurch 300 Millionen Euro einzusparen. Warum, so fragt man sich, steht die Schulung als wichtigste Therapiemaßnahme in allen Diabetesleitlinien? Warum ist gerade in einer aufwendigen Studie bewiesen worden, dass die Schulung im Rahmen der Disease-Management-Programme sehr erfolgreich ist? Warum ist schon oft gezeigt worden, dass jeder Euro, der in die Schulung investiert wird, sich lohnt, weil dadurch Folgeerkrankungen und viel Leid für Betroffene vermieden werden können? Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind – mit Hirn hat das aber wenig zu tun.

Die Prävention des Typ-2-Diabetes ist eine der wichtigsten Maßnahmen zur Eindämmung der Diabetesepidemie. Und am besten fängt man im Kindergarten und in der Schule an. Das dachte sich auch der TV-Starkoch Jamie Oliver und startete die vielbeachtete Kampagne „Feed Me Better“ zur Förderung gesunden Essens an britischen Schulen. 10 Millionen britische Pfund kostet das 5-jährige Projekt, vorwiegend aus der Staatskasse finanziert. Und die sind dem neuen britischen Gesundheitsminister anscheinend zu viel. Deswegen meinte er in einem Interview, dass die Kampagne zur gesunden Ernährung auch dazu führen könne, dass Eltern und Kinder sich aus Trotz besonders schlecht ernähren würden und er deshalb die Förderung gern einstellen würde. Ein interessanter Blickwinkel – tun sie aber nicht, wie in einem aktuellen Bericht des renommierten Wissenschaftsmagazins „Lancet“ nachgewiesen wurde. Sollte sich dann doch der ganz normale Menschenverstand durchsetzen, dass die Prävention bei Kindern ansetzen sollte?

Anfang des Jahres trafen sich die weltweit führenden Präventionsforscher in Dresden, um zu beratschlagen, wie es gelingen könnte, die mittlerweile fundierten Strategien zur Verhinderung des Typ-2-Diabetes umzusetzen. Die klare Diagnose: Ohne ein koordiniertes Vorgehen ist die Diabeteslawine nicht aufzuhalten. Schon in 10 Jahren wird auch in Deutschland jede achte Person an Diabetes erkrankt sein. Der wichtigste Ratschlag: Ein koordinierter, nationaler Diabetesplan muss her – so wie es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das Europäische Parlament fordern. Und was ist die Antwort der Bundesregierung? Bei guter Vorbereitung könne eventuell, vielleicht, wenn möglicherweise Geld vorhanden sei und natürlich nur bei entsprechendem politischen Willen in der nächsten Legislaturperiode mit der Ausarbeitung eines nationalen Plans begonnen werden…
Obwohl ich nicht immer mit meinem Lateinlehrer einer Meinung war, muss ich ihm zustimmen: „Oh Herr, lass auf Politiker, die über Dinge entscheiden, die mit Diabetes zu tun haben, kräftig Hirn regnen. Und vermeide bitte, dass sie dabei einen Regenschirm aufspannen…“

PD Dr. Bernhard Kulzer
Diabetes Zentrum Mergentheim

Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 09.09.10 10:07

Sehr geehrter Herr Dr. Kulzer,

wenn in Dresden nennenswerte Erkenntnisse dazu zusammen gekommen wären,
+ wie ein steigender Anteil intakten Proinsulins im Blut von zukünftigen Typ2 lange vor Erreichen von Diagnosereife und Körperfülle zustande kommt und konkret verhindert werden kann,
+ wie der Inkretin-Defekt bei zukünftigen Typ2 lange vor Erreichen von Diagnosereife und Körperfülle entsteht und konkret verhindert werden kann,
+ wie das Betazell-Defizit bei zukünftigen Typ2 lange vor Erreichen von Diagnosereife und Körperfülle entsteht und konkret verhindert werden kann,
dann wäre die Bezeichnung Diabetes Prävention für die entsprechenden Maßnahmen gerechtfertigt.

Stattdessen ist in Dresden über Maßnahmen diskutiert worden, die die Diagnosereife bestenfalls um etwa 5 Jahre hinausschieben können, und wer das für Prävention hält, hält den gestreiften Bettvorleger noch im Käfig ;-)
Doch, 5 Jahre Aufschub sind auch schon ein Erfolg. Und wenn es die letzten 5 Jahre im Leben alter Betroffener sind, verhindern sie tatsächlich erfolgreich das Erreichen der Diagnosereife und sind damit dann de facto wirklich Prävention. Wenigstens ein Stück weit, denn 10-12 von 100 Betroffenen entwickeln ja auch schon wenigstens eine voll ausgebildete diabetische Folgekrankheit in dem weiten Bereich zwischen gesund und Diagnose Diabetes.
Aber das mittlere Eintrittsalter in den Typ2 ist bei den zeitnahen Diagnosen längst auf dem Weg in die Altersklasse unter 40! Und damit bewegen sich die präventiven bestenfalls 5 Jahre mit Riesenschritten in Richtung unter die 10%-Marke für gewonnene gesunde Restlebensjahre.

Was ich nicht verstehe: Warum werden teure Riesen-Präventions-Wellen um nationale Programme geschlagen, wo es längst viel einfacher geht? Warum nimmt die Medizin nicht einfach auf, was sich in der engagierten Selbsthilfe längst weltweit seit vielen Jahren bewährt hat? Dass nämlich die Betroffenen selbst ihren Blutzucker vor allem gezielt mit der Auswahl und Portionierung ihres Essens an der gesund kurzen Leine führen, unter 140mg/dl (7,8mmol/l) 1 Stunde nach jedem Essen? Das funktioniert natürlich umso einfacher, je früher mit dem immer höheren und längeren Überschreiten des gesunden Rahmens ein Betroffener auf seinen eben höheren Blutzucker aufmerksam wird, am besten noch deutlich vor Erreichen der Diagnosereife.

Hat nur den Haken, dass 999 von 1.000 Betroffenen nicht nur in D von ihren Ärzten in solchen Fällen erzählt bekommen, dass sie zwar einen erhöhten Blutzucker hätten, aber noch lange keinen Diabetes. Und bis dahin wird allenfalls zum Abnehmen angeregt - weit überwiegend mit Rezepten, die für Blutzuckerspitzen weit über 140mg/dl (7,8mmol/l) nach dem Essen und damit für eine muntere Verstärkung des o.g. wesentlichen Typ2-Defekt-Trios sorgen :-(

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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