17.12.2010 Onkel Rolf gibt sich die Extra-Kugel

Adventskaffee. Um den Tisch sitzt die Familie, darunter mein Onkel Rolf mit Typ-2-Diabetes und Übergewicht. Auf dem Tisch: mehrere Kuchen, kein Rezept wurde für ihn abgewandelt. Außerdem liegen auf einer Etagere und in bunten Papiermanschetten „Dattel-Nuss-Trüffeln mit Rosenblütenaroma“, derzeit eines meiner Lieblingsrezepte. Dafür werden Datteln, Walnüsse und Schokolade fein gehackt, mit Rosenblütenwasser (aus der Apotheke) gemischt und zu kleinen Kugeln gerollt. Gehen schnell, schmecken toll und sind mal ein bisschen was anderes. Sie sind nicht: extra für meinen Onkel gemacht, weil er Diabetiker ist und ich ihn von „gesunden Leckereien“ überzeugen will – und so gesund sind diese Trüffel ja nun auch nicht. Dass ich fürs Diabetes-Journal schreibe, weiß er; ich habe ihm auch schon Hefte angeboten.
Die Etagere mit den Nusskugeln steht also vor seiner Nase. Er nimmt eine Kugel, steckt sie in den Mund. Für ihn schmeckt sie irgendwie verdächtig gesund – vielleicht nicht so süß, wie er erwartet hatte, vielleicht etwas exotisch durch das Rosenblütenwasser. Oder: Seine Meinung steht schon fest, bevor die Geschmacksknospen aktiv werden. „Die hast du wohl extra für mich gemacht, ohne Zucker?“ fragt er. Der Tonfall verrät, dass die Frage nicht wohlwollend gemeint ist. Vielmehr argwöhnt er, dass ich ihm eine unerwünschte Extrakugel gerollt habe. Noch dazu, denkt er, habe ich ihn die Diabetikerkugel essen lassen, ohne ihn vorzuwarnen. Ihm, dem dicken Diabetiker, wollte ich wohl keinen normalen, „ungesunden“ Kuchen zugestehen? Außerdem: Hätte er den Betrug nicht rechtzeitig bemerkt, hätte ich am Schluss triumphiert: „Siehste, so gut kann Gesundes schmecken!“ Davon ist er überzeugt, egal, was ich sage.
Die meisten Diabetiker wollen weder eine Extrakugel gerollt noch eine Extrawurst gebraten haben. Dass es immer wieder passiert, zeigt Onkel Rolfs Reaktion: Er ist misstrauisch, weil er schon öfter bevormundet wurde und wohlmeinend und hintenherum bekehrt werden sollte. Dass ein paar Kilo weniger gut wären, weiß er selbst, er ist ja nicht doof, und geschult ist er außerdem. Deshalb hatten die süßen Kugeln für ihn einen bitteren Nachgeschmack.
Blöd für mich: Ich habe sein Misstrauen zu spüren bekommen, und er hat dabei vergessen: Nicht jeder will ihn bekehren oder bevormunden. Sich in freundlichem Ton zu erkundigen, was das für Kugeln sind, wäre doch auch eine Möglichkeit gewesen, oder? Im Grunde hat er sich mit seiner Reaktion erst selbst in eine Sonderstellung hineinmanövriert – und sich die unerwünschte Extrawurst selbst gebraten.
Die Autorin: Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".
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