Hallo Herr Lauber,
das dj lädt zwar immer dazu ein, aber Sie habe ich bisher als einzigen Autor wahrnehmen können, der tatsächlich mit diskutiert. Respekt :-)
Womit wir schon mitten im Thema sind: Lifestyle-Diabetes ist die passende Bezeichnung für eine Krankheit, vor der niemand Respekt hat, für eine Krankheit, die niemand wirklich ernst nimmt. Der damalige Präsident der ADA (American Diabetes Association) Dr. John Buse hat das als Gastredner hier in D auf einem Diabetikertag vor wenigen Jahren sinngemäß auf diesen einfachen Punkt gebracht:
"Vor 10 oder 15 Jahren haben wir uns bei der ADA überlegt, dass wir der Öffentlichkeit zu Diabetes sagen wollten, dass der nicht so schlimm ist. Denn die Ärzte konnten wenig zum Schutz vor Komplikationen tun. Das wäre ungefähr so gewesen, als hätte man jemandem gesagt, dass sein Haus brennt, dass aber meilenweit kein Wasser zu finden wäre. Schließlich war bis 1993 überhaupt nicht klar, dass das Senken des Blutzuckers Komplikationen verhinderte oder ihr Eintreten wenigstens verzögerte...
Doch ja, auch mich treibt die Vorstellung um, dass viele und am liebsten alle von den alljährlich etwa 300.000 Neuen in unserem Club zu verhindern gingen. Allerdings nicht erst mit ihrer Diagnosereife, weil dann organische Defekte schon unnötig weit fortgeschritten sind, sondern nach Möglichkeit schon dann, wenn der Blutzucker gerade erst anfängt, immer kurz nach dem Essen ungesund höher anzusteigen. Nur lässt sich daran überhaupt nichts für alle mit einer Ampel regeln, sondern in jedem einzelnen Fall nur mit völlig individuellem Austesten und Anpassen.
Nur müssten wir dafür den verharmlosenden Begriff Lifestyle streichen und dem Diabetes Typ2 schon in seinen Anfängen lange vor Erreichen der Diagnosereife mit Respekt begegnen. Schließlich ist heute in der Medizin allgemein bekannt, dass den zeitnah neu diagnostizierten Typ2(!) dann schon 50-80% der Insulin produzierenden Beta-Zellen eines nach Geschlecht und Alter und Statur vergleichbaren gesunden Menschen fehlen.
Mit freundlichen Grüßen aus Oelde
Hans-Jürgen Tilsner
Hallo Herr Tilsner,
natürlich wird sich der Ausbruch des Typ-2-Diabetes niemals kausal auf den Verzehr bestimmter Lebensmittel zurückführen lassen – zu unterschiedlich tickt gottseidank der Stoffwechsel der einzelnen Menschen. Aber: Fast die Hälfte der Bevölkerung hat die genetische Disposition zum Typ-2-Diabetes. Wenn dann noch eine süß-fette Ernährung und keine Bewegung dazu kommen, wenn also der Lebensstil nicht stimmt, dann tritt gehäuft der Lifestyle-Diabetes auf – und inzwischen sind es laut Professor Rüdiger Landgraf, Vorsitzender der DiabetesStiftung, „bis zu zwölf Millionen Menschen in Deutschland, die Typ-2-Diabetes haben“.
Zur Ampel: Ob die Ampel mit all ihren Vereinfachungen allein diesen verheerenden Trend hätte umkehren können, glaube ich auch nicht. Nur: Es wäre das erste deutliche Signal an die Industrie gewesen, dass auch sie eine Verantwortung, eine Mitschuld bezüglich dieser alle Kostenrahmen sprengenden Diabetes-Epidemie hat. Und es wäre ein „Geldzeichen“ gewesen, die einzige Währung, die in der Industrie ernst genommen wird. Gerade deshalb hätte ich mir ein gemeinsames Signal der großen Diabetes-Verbände gewünscht, dass so nicht mehr weitergeht – oder dann statt der Ampel bessere Vorschläge (aber keine Appelle!) erwartet.
Das Ganze erinnert mich an die Debatten um die Finanzmarktregulierungen. Auch da wird mit dem Hinweis auf die Mängel jeder einzelnen Maßnahme dann „beschlossen“, gar nichts zu beschließen – was auf den Diabetes übertragen heißt:
Auch in 2010 werden wieder 300 000 neue Typ-2-Diabetiker dazukommen – mindestens!
Hans Lauber, 23. Juni 2010
Sehr geehrter Herr Lauber,
eine Typ2 Diagnose sagt immer,
1. dass der Betroffene 50-80% weniger Insulin produzierende Beta-Zellen hat als ein gesunder Mensch gleichen Geschlechts und Alters UND GLEICHER STATUR! Sie können also nicht so viele Kohlenhydrate auf einmal verstoffwechseln, wie gesunde Menschen.
2. dass bei dem Betroffenen die gezielte Insulin-Bestellung aus dem Darm (Inkretin-Effekt) für neu gegessene Glukose defekt ist. Nach dem Essen von Brot und allem mit Mehl und Kartoffeln und Reis steigt ihr Blutzucker zunächst einmal auch dann ungesund hoch an, wenn die Insulinproduktion noch zum gesunden Ausgleich reicht.
3. dass bei dem Betroffenen die interne/endogene Glukose-Ausgabe wegen defekter Regelung stark erhöht ist. Sie brauchen für ihre ausreichende Glukose-Versorgung eigentlich gar keine Kohlenhydrate zu essen.
Ohne diese 3 grundlegenden Defekte überschreitet niemand die Diagnose-Schwelle zum Typ2, den Sie auch hier wieder so locker als Lifestyle-Diabetes bezeichnen.
Keiner dieser 3 grundlegenden Defekte ist bislang überhaupt ursächlich erklärt oder gar auf einen bestimmten Lebensstil zurück geführt worden.
In einem Punkt kann ich Ihnen allerdings nur voll zustimmen: Die Betroffenen können ihren Blutzucker statt mit Medikamenten über einen weiten Bereich mit Lifestyle-Mitteln im gesunden Rahmen halten, also mit ihrer Essen-Auswahl und mit ihrer Bewegung.
Dabei erzielen alle diese Betroffenen die größte Wirkung, indem sie auf den Nahrungsanteil verzichten, der ihren Blutzucker besonders antreibt, nämlich auf Kohlenhydrate. Aber würden die bei der Ampel wirklich ROT gekennzeichnet?
Und eine weitere große Wirkung erzielen die Betroffenen, wenn sie ihre Bewegung direkt nach dem Essen in die Zeit ihres maximalen Insulinumsatzes legen.
Meinen Sie wirklich, dass die Ampel dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet hätte?
Mit freundlichen Grüßen aus Oelde
Hans-Jürgen Tilsner