02.09.2011 Qualität in der Medizin

"Lästige Pflicht oder Lebenseinstellung?" fragt Dr. med. Bernhard Lippmann-Grob

Vor einigen Jahren ist der Begriff der Qualität in die Medizin eingeführt worden. Dabei ist schon die Frage nicht so ganz einfach zu beantworten, was in der Medizin unter Qualität verstanden werden soll. Bei einer chronischen Erkrankung kann z.B. der Qualitätsbegriff nicht auf die Frage der Heilung angewendet werden.

Strukturelle Voraussetzungen schaffen
Im Diabetesbereich hat die Behandlung das Ziel, bei möglichst uneingeschränkter Lebensqualität zu hohe und zu niedrige Blutzuckerwerte zu vermeiden und durch die gute Einstellung langfristig das Auftreten von Folgeerkrankungen zu verhindern. Qualitätsmanagement bedeutet vor diesem Hintergrund, die strukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass auch der Betreuungsprozess den Qualitätsanforderungen genügt und sich die Ergebnisse verbessern (z.B. weniger schwere Unterzuckerungen, weniger Erblindungen, weniger Zugänge an die Dialyse etc.).

Positive Einstellung zu Veränderungen entwickeln
Aber oft erlebt man auf ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen bei Erwähnung des Begriffs Qualitätsmanagement zumindest ein Stöhnen im Saal, meist erntet man Widerspruch. Denn es bedeutet zusätzlichen Arbeitsaufwand, während unser aller Arbeitszeit durch die direkte Versorgung der Menschen mit Diabetes mehr als ausgefüllt ist. Qualitätsmanagement beinhaltet beispielsweise, dass bestimmte Untersuchungsstandards definiert und beschrieben werden; aber im Alltag geht es weit darüber hin­aus. Konkret bedeutet Qualitätsmanagement, mögliche Schwachstellen im eigenen Handeln zu erkennen (was auch weh tun kann!). Danach ist zu überprüfen, ob mit der Neuausrichtung und Anpassung des Betreuungsprozesses bisherige Schwachstellen verbessert werden können. Damit dies möglich ist, muss ich aus meinem Blickwinkel eine positive Einstellung zu Veränderungen entwickeln, muss sie wollen, kreativ danach suchen und sie dann umsetzen.

Politik versteckt sich hinter Datenschutz
Dabei stellen wir Ärzte fest, dass in vielen Fällen unsere Arbeit durch verschiedene Eingriffe von Krankenkassen, Behörden oder auch den Gesetzgeber immer weiter strukturiert und reglementiert wird – zur kreativen Anpassung von Strukturen und Prozessen bleiben so immer weniger Freiräume. Ich vermisse eine Mitwirkung der Politik noch an einer anderen Stelle: Sie ist oft (meist?) nicht bereit, uns konkrete Daten zur Ergebnisqualität zu liefern (selbst wenn sie vorliegen), sondern versteckt sich hinter dem Begriff des Datenschutzes.

Mitwirkung der "Kunden" ist nicht immer gegeben
Und wie sieht es mit denen aus, die von den Politikern neuerdings als „unsere Kunden“, und nicht mehr als „Patienten“ bezeichnet werden? Unterstützen sie uns immer bei unserem Bemühen, Qualität zu sichern? Nicht immer, denn wir stellen fest, dass der Begriff „Kunden“ nicht die Wirklichkeit trifft – z.B. wenn es um die Blutzuckertagebücher geht. Ein Tagebuch wird ja nicht deshalb nicht geführt, weil „der Betroffene den strukturierten Betreuungsprozess“ (Zitat aus den DMP-Verträgen) nicht unterstützen will. Nein, es gibt eigenständige Hinderungsgründe, die womöglich auf eine Begleiterkrankung hindeuten und sogar eine zusätzliche Behandlung erforderlich machen können.

Umfassende Kultur der Qualitätsbewusstseins
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ärztliche Tätigkeit muss nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt werden und unterliegt notwendigerweise einem Qualitätsmanagement. Was ich mir aber wünsche, ist eine umfassende Kultur des Qualitätsbewusstseins im Gesundheitswesen, mit der sich auch Akteure aus dem Bereich der „Nicht-Leistungserbringer“ identifizieren.

Der Autor: Dr. med. Bernhard Lippmann-Grob ist leitender Oberarzt am Diabetes Zentrum Mergentheim

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