04.10.2011 Sieg der Stevia

Die Öko-Molkerei "Andechser" darf als erste in Deutschland ihren Joghurt mit Stevia süßen.

Es war ein harter Kampf. Aber die Öko-Molkerei "Andechser" hat ihn gewonnen. Sie darf als erste in Deutschland ihren Joghurt mit Stevia süßen. Aber ob´s auch schmeckt?

Rein ins Regal. Raus aus dem Regal. Kaum hatte "Andechser" im März diesen Jahres ihren Stevia gesüßten Joghurt in die Läden geliefert, musste er auch schon wieder entfernt werden. "Von Irritationen, vom Gang zum Verwaltungsgericht in München", sprach mir gegenüber die Ernährungswissenschaftlerin Melanie Herzog von der Molkerei.

Nun, nach einem runden halben Jahr ist der Joghurt wieder da, "mit unveränderter Rezeptur", wie die Andechser-Frau stolz betont. Inzwischen gibt es nämlich ein kluges Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts in München, dass das "Verbot des Inverkehrbringens" aufgehoben wird. Damit hat die Molkerei vom Ammersee etwas geschafft, woran viele Firmen am erbitterten Widerstand der Zuckerlobby gescheitert sind: Ein legal zugelassenes Stevia-Produkt auf den Markt zu bringen.

Sicher, die Sache war überfällig, süßen doch alle Südamerikaner und Japaner seit Jahrzehnten problemlos mit der "Stevia rebaudiana", deren Blättchen die 100-fache Süßkraft von Zucker haben - ohne dass es zu den vom Industriezucker bekannten dick machenden Insulinausschüttungen kommt. Gelungen ist den Andechsern der Coup, weil sie keine Auszüge aus der Pflanze verwenden, sondern aus den getrockneten Blättern einen Tee kochen und damit süßen.

Aber was ist mit den anti-diabetischen Effekten, die ich in meinem Buch "Schlemmen wie ein Diabetiker" beschrieben habe? Etwa, dass das Körper eigene Insulin besser wirkt? Darüber schweigen die Macher vom Starnberger See - und sie tun gut daran. Denn hätte das grüne Kraut tatsächlich medizinische Wirkungen, und würden diese gar beworben, dann würde es unter die "Novel-Food-Verordung" fallen - und hätte kaum die schnelle Zulassung bekommen.

Aber es juckt mich doch, einmal herauszufinden, ob nicht auch der Stevia-Tee ein natürlicher "Zucker-Zähmer" ist. Aber ich will nicht zu viel herumbohren. Nicht dass ich noch einen unterbeschäftigten, aber überbezahlten EU-Bürokraten auf dumme Gedanken bringe. Vorderhand möchte ich den Andechsern zu einem Erfolg gratulieren, der vielen Diabetikern eine notwendige Alternative zum Industriezucker eröffnet.

Aber schmeckt das Ganze auch? Nun, ja. Ich habe mir die Variante "Orange-Sanddorn" für 1,19 Euro im Doppelpack (nur so wird es angeboten) gekauft. Es schmeckt nicht schlecht, vor allem der Orangensaft verleiht ein feines Aroma. Vor allem ist es gelungen, die gerne bei Stevia auftretende metallische Note im Zaum zu halten. Dennoch, mir ist es zu süß, konnten die Bayern doch nicht der Versuchung widerstehen, Zucker reinzumogeln. Sicher, die "3 Prozent Rübenzucker" hören sich wenig an, aber auf den 125-Gramm-Becher runtergerechnet schlummert halt doch ein kleines Stück Würfelzucker im Joghurt. Da nützt es auch nichts, wenn es Bio-Zucker ist, denn Zucker ist Zucker. Es ist halt nicht alles automatisch gesünder, nur weil es bio ist.

Trotzdem, ein guter Anfang ist gemacht. Und vielleicht vertraut "Andechser" demnächst einmal allein der süßen Naturkraft der Stevia.

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Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 12.10.11 09:06

Sehr geehrter Herr Lauber,

Sie schreiben:
„Das Urteil des erfahrenen Praktikers bestätigt in einem Artikel für „Der Diabetologe“ Dr. med. Michael Jecht, Diabetologe an der Klinik „Havelhöhe“ in Berlin: „Wie stark die Bedeutung des Insulins für das Körpergewicht des Patienten ist, zeigt der folgende Aspekt: Patienten verringern die eigentlich notwendige Insulindosis, um dadurch eine Gewichtsabnahme hervorzurufen. Das Problem der absichtlich verringerten Insulindosis wurde in einer britischen Studie an 65 jungen Patienten mit Typ-1-Diabetes bestätigt. Insgesamt gaben 30 Prozent der Frauen zu, Insulin zu niedrig zu dosieren, um ihr Gewicht zu manipulieren“. Wie gesagt, Herr Tilsner, das sind nicht meine Aussagen, sondern die Aussagen erfahrener Experten.“

Die Frauen, auf die Sie sich hier beziehen, leiden unter ernsthaften Persönlichkeitsstörungen. Sie wollen mit aller Gewalt ihren krankhaften Gewichtsvorstellungen entsprechen. Dafür provozieren sie mit der niedrigeren Dosierung ihres Insulins und deswegen erheblich überhöhtem Blutzucker eine gewissermaßen kontrollierte Ketoazidose. Sie bauen also auf diese Weise praktisch das fortgeschrittene Stadium des unbehandelten Typ1 nach, in dem mit erheblichem Wasserdurchsatz große Mengen Glukose und und zu Ketonen aufbereitetes Fett ausgeschieden werden. Die auf diese Weise entsorgte Glukose wird übrigens zu einem erheblichen Anteil per Glukoneogenese aus dem Eiweiß abgebauter Muskelsubstanz gewonnen.

Mit diesem Beispiel als Beleg für ihre These, dass weniger Insulin schlank mache, haben Sie selbst Ihren Sachverstand in Bezug auf Diabetes mellitus überzeugend vorgeführt.

Mit freundlichen Grüßen,
Hans-Jürgen Tilsner

Hans Lauber - 11.10.11 09:51

Sehr geehrter Herr Tilsner,

Lauber schreibt, Tilsner reagiert – fast schon reflexhaft, wenn in meinen Artikeln folgende zwei Begriffe vorkommen: „Insulin“ und „Lifestyle-Diabetes“.

„Macht Küssen schwanger?“, pflegte Prof. Rüdiger Petzoldt gerne zu antworten, wenn er gefragt wurde: „Macht Diabetes dick?“ Aber im Ernst, natürlich besteht eine dick machende Tendenz. Das bestätigt Dr. Meinolf Behrens, renommierter Diabetologe aus Minden, der übrigens aus Clarholz stammt, zehn Kilometer von Ihnen entfernt: „Insulin ist ein anaboles Hormon, es macht nicht primär dick, aber es begünstigt eine Gewichtszunahme. Die Insulinfalle greift täglich. Fast alle!!!!!! Patienten nehmen unter einer Insulintherapie kontinuierlich zu“.

Das Urteil des erfahrenen Praktikers bestätigt in einem Artikel für „Der Diabetologe“ Dr. med. Michael Jecht, Diabetologe an der Klinik „Havelhöhe“ in Berlin: „Wie stark die Bedeutung des Insulins für das Körpergewicht des Patienten ist, zeigt der folgende Aspekt: Patienten verringern die eigentlich notwendige Insulindosis, um dadurch eine Gewichtsabnahme hervorzurufen. Das Problem der absichtlich verringerten Insulindosis wurde in einer britischen Studie an 65 jungen Patienten mit Typ-1-Diabetes bestätigt. Insgesamt gaben 30 Prozent der Frauen zu, Insulin zu niedrig zu dosieren, um ihr Gewicht zu manipulieren“. Wie gesagt, Herr Tilsner, das sind nicht meine Aussagen, sondern die Aussagen erfahrener Experten.

Bleibt der „Lifestyle-Diabetes“, der Sie regelmäßig erzürnt, weil Sie im beschaulichen Westfalen nicht glauben mögen, dass der Lebensstil etwas mit der grassierenden Diabetes-Epidemie zu tun, die uns auch dieses Jahr wieder über 300 000 neue Typ-2-Diabetiker „bescheren“ wird. Dazu Dr. Behrens: „Der Lebensstil ist mit Einschränkungen für 90 Prozent der Typ-2-Patienten das Kernproblem“. Ergänzt wird diese Aussage durch Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes-Gesellschaft: „Die Mehrzahl der modernen Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf und Krebs wird durch unseren heutigen Lebensstil verursacht“.

Bleiben Ihre despektierlichen Bemerkungen zu Stevia mit meinen „angedichteten Wirkungen“. Dazu schreibt der Düsseldorfer Immunbiologe Prof. Dr. Hubert Kolb in meinem Buch „Schlemmen wie ein Diabetiker“: „Ein empfehlenswerter Süßstoff und ein interessanter Ansatz zur Verbesserung der Stoffwechselsituation“. Völlig unpassend finde ich allerdings Ihre Unterstellung, ich schreibe einen „Werbebeitrag“ für die Molkerei Andechser. Die Firma ist alles andere als begeistert über meine Aktivitäten, hat mich auch nicht unterstützt.

Trotzdem finde ich es toll, dass das Unternehmen diesen Erfolg erzielt hat, der vielen Diabetikern eine Alternative zum Industriezucker eröffnet.

Zum Schluss etwas Grundsätzliches: Mein früherer Chef, der Capital-Herausgeber Johannes Gross, sagte immer: „Wir Publizisten sind dazu verpflichtet, nicht nur die Wahrheit zu verkünden, sondern unser Publikum auch zu unterhalten“. Mag es am Anfang noch unterhaltsam gewesen sein, wie Sie auf meine Argumente reagieren, so hat es jetzt etwas langweilend Zwanghaftes – weshalb es aus meiner Sicht nicht mehr erforderlich ist, dass Sie jedes Mal zu meinen „Stichworten“ Stellung nehmen.

Beste Grüße Hans Lauber

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 05.10.11 13:11

Sehr geehrter Herr Lauber,

Ihre Freude über den Stevia-Erfolg kann ich nur begrenzt nachvollziehen. Denn der Zucker-Anteil in einer normal gesüßten Joghurt-Portion ist ja keineswegs gewaltig. Und wenn Stevia sogar eine antidiabetische Wirkung hätte, die Sie ihm so gerne andichten wollen, müsste sich die doch recht einfach mit Statistiken aus Südamerika und Japan belegen lassen, wo das Süßen damit Tradition hat, oder?

Ganz schlimm finde ich allerdings die de facto Verteufelung vom Insulin, die Sie auch in diesem Werbe-Beitrag für die Öko-Molkerei "Andechser" wieder bringen. Sie schreiben: "...ohne dass es zu den vom Industriezucker bekannten dick machenden Insulinausschüttungen kommt."

Bitte, bleiben Sie bei den Tatsachen. Insulin enthält absolut nichts, was dick machen könnte. Insulin leistet lediglich - natürlich ausgegeben oder ordentlich gespritzt - seinen ordentlichen Beitrag zum Verstoffwechseln der jeweils einverleibten Glukose. Und diese Glukose wird, so weit sie nicht sofort verbraucht wird, also praktisch zu viel=überflüssig ist, gespeichert. ZUM GLÜCK zum größten Teil in Form von Fett. Denn in der Form von Fett bringen die überschüssigen Kalorien nur einen Bruchteil des Zuwachses an Volumen und Gewicht, den ihre Speicherung in der Form von Glukose erfordern würde.

Wer mit Insulin zunimmt, isst mehr Kohlenhydrate=Glukose, als er verbraucht.

Das war bei der landwirtschaftlichen Fehlanwendung in der Tiermast das System, dem das Insulin seinen unsachlichen Verruf als Masthormon verdankt: Es wurde den Tieren zusätzlich zu ihrem völlig gesund eigenen verabreicht, damit sie sich regelmäßig überfraßen und schneller zunahmen.

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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