29.09.2010 Sind Diabetiker krank?

Wer Krankheit als Teil des Lebens akzeptiert, kann sie auch gut im Alltag umsetzen.

Was ist Krankheit? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Gesundheit „der Status vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht bloß die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechlichkeit“. Oberflächlich betrachtet mag diese Definition ausreichen. Aber gehört nicht mehr dazu, um zu definieren, ob ich mich krank fühle oder nicht? Ich finde schon.

Sieht man sich aufmerksam um in einer Gruppe Kranker, zu denen nach WHO-Definition zum Beispiel Diabetiker gehören, und hört bei deren Gesprächen zu, fällt schnell auf, dass offenbar das Empfinden gegenüber der Krankheit sehr unterschiedlich ist.
Für die einen ist der Diabetes eine Katastrophe, die das gesamte Leben auf den Kopf gestellt hat und das Leben ständig massiv beeinträchtigt; am liebsten wollen sie sofort als schwerbehindert anerkannt werden. Für die anderen ist der Diabetes zwar vorhanden und sie müssen ein paar Dinge im täglichen Umgang damit beachten, aber sonst lassen sie sich davon nicht bremsen: Sie haben ihr Leben weiter voll im Griff, sind leistungsfähig und auch bereit dazu, Leistung zu bringen. Besondere Beispiele dafür sind zum Beispiel Leistungssportler mit Diabetes, von denen es einige gibt. Wie aber kommt es zu diesen Unterschieden in der Wahrnehmung und Akzeptanz des Diabetes?

„Eine richtig verstandene Selbstsorge meint (…) nicht Krankheit zu verdrängen, sondern diese in das Leben zu integrieren“, schreibt Dr. Siegfried Reusch, Chefredakteur der Zeitschrift „der blaue reiter – Journal für Philosophie“ in der Zeitschrift „Reflex“. Und er zitiert den Philosophen Martin Heidegger: „Gesundheit (kann) auch nur dann gelingen, wenn man Krankheit als unvermeidlichen Bestandteil des Lebens bejaht.“ Genau das ist es, glaube ich, was die Unterschiede bedingt. Wer Krankheit als Teil des Lebens akzeptiert, kann sie auch gut im Alltag umsetzen und sie möglicherweise im Hinblick auf Lebensentscheidungen sogar als gewinnbringend empfinden.


Aber nicht nur die eigene, sondern auch die Sicht der anderen auf Kranke spielt eine Rolle. Auch deren Sicht wird beeinflusst durch ihre Lebenseinstellung – aber auch durch das Verhalten der nach WHO-Definition Kranken selbst. Wer wiederholt erlebt, dass zum Beispiel Diabetiker sich in der Schule, bei Bewerbungen um einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz oder beim Antrag auf Anerkennung einer Schwerbehinderung als krank darstellen und als jemand, der einer besonderen Behandlung bedarf, erlebt dann Diabetiker wahrscheinlich grundsätzlich als Kranke – denen man ob ihrer Leistungsfähigkeit mit Vorbehalten begegnen muss. Schade!


Die Autorin: Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".

Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 03.10.10 17:20

Sehr geehrte Frau Einser,

lassen Sie's mich noch ein Stückchen verlängern: Ich würde ja gern, aber mit 1 Bein, mit 1 Auge, mit 1 Niere, mit..., mit Diabetes geht das doch nicht, sagen die einen.
Wie kann ich das auch mit 1 Bein, mit 1 Auge, mit 1 Niere, mit..., mit Diabetes schaffen? Fragen die anderen und machen sich gegen alle Widerstände unaufhaltsam und beharrlich auf den Weg zu ihrem Ziel - und erreichen es offenbar erstaunlich oft tatsächlich.

Doch ja, es gibt bestimmte Ziele, die sich mit bestimmten Defekten absolut nicht erreichen lassen, wie etwa ohne Stimme Opernsänger werden. Und man kann sich in der Art gezielt zusammensuchen, was man alles mit seinen jeweiligen Defekten wirklich nicht machen kann. Davon kann man dann eine beliebig große Sammlung zum eigentlichen persönlichen Lebens-Sinn erklären, der mit den Defekten eben futsch ist. Fazit: Leben sinnlos.

Rein sachlich gibt der Diabetes längst keinen einzigen Grund mehr für solche Sinnlosigkeit her. Denn es gibt nichts, was ein Diabetiker nicht genauso tun könnte, wie ein Nichtdiabetiker. Jeder Diabetiker, der sich noch selbst voll versorgen kann, kann seinen Blutzucker zuverlässig gesund führen und damit für alle Tätigkeiten genau so gesund und belastbar sein, wie ein Nichtdiabetiker gleichen Geschlechts und Alters und gleicher Statur.

Einziges Problem: zu solch zuverlässig gesunder Blutzucker-Führung wird nicht ausreichend angeleitet. Die übliche ärztliche Einstellung mit Messen-Spritzen-Essen und den mehr oder weniger passenden Faktoren taugt dafür nicht. Keiner der Leistungssportler, die Sie angesprochen haben, würde damit auch nur im Traum erbringen können, was er tatsächlich leistet.
Wie es diese Sportler tatsächlich mit ihrer Blutzucker-Führung machen, wird höchst selten öffentlich zugänglich dargestellt. Und ebenso bleiben noch erstaunlich viel mehr Beispiele erfolgreicher Betroffener in allen Lebensbereichen für die breite Masse der Menschen mit Diabetes völlig unbekannt.

Was machen diese Menschen anders, als die Standard-Einstellung und als man selbst? Wie machen die sich jeden Tag zuverlässig ihren gesunden Blutzucker-Verlauf, und das ohne ernsthafte Unterzuckerungen und auch unter wechselnden und hohen Belastungen? Wäre es nicht toll, wenn wir genauso wie "zum guten Schluss" auch darüber regelmäßig etwas in unserem dj lesen könnten, etwa in der Art von ausführlichen persönlichem best-practice-Beispielen?

Schließlich ist absolut notwendig zu wissen, welche Möglichkeiten es tatsächlich gibt, und davon nicht nur zufällig zu erfahren, wenn man der Diabetes-Klagemauer wirklich den Rücken kehren oder sich dort gar nicht erst anstellen will. Nur mit solchen ermutigenden praktischen Beispielen kann man sich doch trotz aller veröffentlich(keite)ten Vorbehalte auf den Weg zum eigenen konkreten Ziel machen, der mit Diabetes halt etwas beschwerlicher ist. - Noch einmal: Wäre das dj für solch konstruktive Beispiel-Info nicht die "geborene" Plattform?

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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