27.10.2011 Skalpell statt Spritze - und Deutschland ignoriert es!?

Ein solch massiver Eingriff muss wohlüberlegt sein.

In Deutschland sind 960.000 Menschen krankhaft fettleibig mit einem Körper-Massen-Index (BMI) von über 40kg/m², schätzt die Expertengruppe Metabolische Chirurgie (Sitz: Frankfurt).

Beispiel: Ein Mann mit 180cm Körpergröße wiegt 128kg. Viele Betroffene haben Begleiterkrankungen, haben Typ-2-Diabetes. Bei ihnen greifen die altbekannten Diabetes-Therapie-Säulen Ernährungsumstellung und Bewegungstherapie nicht – wie bei so vielen. Und nun scheint es zu spät.

Die Expertengruppe Metabolische Chirurgie nun setzt sich ein, wie es heißt, für „den Diskurs über die Möglichkeiten und evidenzbasierten Erfolge der Adipositas-Chirurgie und ihre metabolischen Effekte“. Sie lehnt sich dabei weit aus dem Fenster – in der Presse-Einladung für eine Konferenz in Hamburg am 31. August hieß es: „Skalpell statt Spritze? Liegt das Heilmittel für die Volkskrankheiten Diabetes und morbide Adipositas bereits in Chirurgenhand? Und Deutschland igno­riert es?…“ Klare Kritik.

20.000 Menschen in Deutschland kämen in Frage
Denn am Rande des Hamburger Weltkongresses der Internationalen Vereinigung für Chirurgie der Adipositas und Stoffwechsel­erkrankungen gab es Zahlen: Bei uns werden 6.000 Patienten pro Jahr operiert – mindestens 20.000 kämen aber in Frage für Magenband, Magenbypass, Schlauchmagen etc. – weil sie, so hieß es, davon ungemein profitieren würden hinsichtlich des Gewichts, hinsichtlich der Lebensqualität und der Blutzuckereinstellung.

In der Expertengruppe zusammengeschlossen sind Chirurgen, Ernährungswissenschaftler, namhafte Diabetologen: Prof. Andreas F. H. Pfeiffer (Berlin), Prof. Andreas Hamann (Bad Nauheim), Prof. Christoph Rosak (Frankfurt) oder Dr. Jörg Simon (Fulda).

Deren Fachgesellschaft, die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG), zweifelt an den Therapie­methoden, mit denen der Magen verkleinert, ausgeschaltet oder Teile des Dünndarms stillgelegt werden. DDG-Pressesprecher Prof. Andreas Fritsche nennt das „eine wissenschaftlich nicht belegte Propagierung einer langfristig nicht geprüften Therapieoption“. Zeitlich begrenzt seien die Erfolge, groß die Nebenwirkungen.

Bislang hat noch kein Konzept flächendeckend geholfen  
Klar ist aus meinem Blickwinkel: Begrenzt sind vor allem die seit Jahrzehnten vorgewiesenen Erfolge in der Behandlung der Typ-2-Diabetiker hinsichtlich Ernährungsumstellung und Bewegungstherapie. Auf jedem Kongress und seit Jahrzehnten wird gepredigt von den beiden Therapiesäulen, die keiner richtig anzugehen weiß; hier hat noch kein medizinisch-verhaltenstherapeutisches Konzept flächendeckend geholfen.

Klar ist andererseits, dass kein Diabetiker sich leichtfertig einlassen sollte auf einen massiven Eingriff, dessen Ausgang unklar ist: Operationsrisiko? Nachoperation erforderlich? Vitaminmangel ein Leben lang? Muss ich essen und trinken neu lernen? Und kann ich das?

Bei der Konferenz in Hamburg wurden die Nebenwirkungen abgetan; die Vor- und Nachbetreuungen der Patienten seien schon gut organisiert, Risiken gering, Erfahrungen gut – auch auf Dauer. Lebensqualität durch Sport und Bewegung käme sogar zurück.

Zu Forsches Vorranschreiten?
Mein Eindruck: Die Diabetologie kann am Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Diabetiker nichts verändern. Die neuen Optionen könnten wohl vielen helfen – Strukturen fehlen aber noch für Vor- und Nachbetreuung. Natürlich steckt ein großer Markt dahinter – ein Eingriff schlägt bis in die Zehntausende zu Buche. Und deswegen ist im Moment forsches, womöglich zu forsches Voranschreiten zu sehen.


Günter Nuber, Chefredakteur

Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner - 06.11.11 20:48

Sehr geehrter Herr Nuber,

danke für Ihre vorsichtige Einschätzung. Der Typ2-Heilung per Skalpell wird zunehmend aus Fach- und auch Betroffenenkreisen erschreckend eifrig das Wort geschrieben und geredet. Zugegeben, wer sehr viel mehr Kilos mit sich rum schleppt, als er eigentlich tragen kann, neigt dazu, nach jedem Erleichterungs-Versprechen zu greifen, auch wenn es bei näherem Hinschauen noch so strohhalmig daher kommt.

Bei näherem Hinschauen stellt sich der erstaunlich gesündere Blutzucker nämlich nicht erst Wochen nach der OP ein, wenn das Gewicht entsprechend nennenswert reduziert ist. Sondern der erstaunlich gesündere Blutzucker stellt sich schon in den ersten Tagen nach der OP ein, wenn tatsächlich nur eines gegenüber dem Vorher grundsätzlich anders ist: das Essen!
Eine kleine britische Studie an der Universität von Newcastle hat genau diesen Zusammenhang kürzlich bestätigt. Denn darin wurden Typ2 ohne OP auf genau so eine reduzierte Diät gesetzt, wie sie nach der OP normal und gesund ist, und sie produzierten damit den nach der Operation so publikumswirksam gefeierten völlig vergleichbare Blutwerte.

Die einzigen und allerdings kapitalen Haken an der Sache:
1. Die Diät ist vor allem mit der Endlos-Perspektive um Welten einfacher einzuhalten, wenn nach der OP jeder Versuch, ihre Grenzen zu überschreiten, direkt rückwärts gegessen werden muss.
2. Die Ernährung, die mit OP als völlig normal und gesund gilt, gilt ohne OP nach DGE und DDG als absolut mangelhaft und schon allein deswegen als völlig falsch, weil es eine Diät ist.

Und schließlich ist die Heilung per Skalpell bei aller vorsichtigen Einschätzung aber doch um Welten lukrativer und gesamtgesellschaftlich akzeptabler, als wenn DGE und DDG plötzlich einknickten und auf die haarsträubend billige Idee kämen, die gesunde Nach-OP-Diät absolut diametral entgegengesetzt zu ihren bewährten gesunden Prinzipien auch für ohne OP gesund zu erklären, und das womöglich sogar schon für Betroffene, die noch gar nicht so schrecklich übergewichtig sind. Was so ein Einknicken wohl an zukünftigen hochqualifizierten Arbeitsplätzen kosten würde?

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

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