16.02.10 Sparen? Der Königsweg!

Was ist der Unterschied zwischen Griechenland und dem deutschen Gesundheitssystem? Beide sind pleite. Nur, die Griechen wissen es bereits.
Ein Scherz, sicher, aber einer mit einem sehr harten Kern. Denn mit atemberaubender Geschwindigkeit rast unser Gesundheitswesen in den Abgrund. Auf breiter Front steigen die Kosten, vor allem für die Kliniken, für die Medikamente. Dagegen stagnieren die Einnahmen, krampfhaft wird herumgedoktert, um Geld in das marode System zu pumpen, sei es als Steuerzuschuss, sei es als Zusatzbeiträge, die auch ein Einstieg in so genannte Kopfpauschalen sein sollen – was mich immer an Kopfgeld und Kopfgeldjäger erinnert.
Nur, auf das Naheliegendste kommt niemand: Die Ausgaben zu senken! Nehmen wir das Beispiel Typ-2-Diabetes, den ich Lifestyle-Diabetes nenne. Den haben in Deutschland über sechs Millionen Menschen – und mindestens einige Hunderttausend, vielleicht gar Millionen von ihnen könnten diese Stoffwechselstörung durch einen einfachen „Trick“ in den Griff bekommen, ohne dass sie Medikamente bräuchten: Durch eine Änderung des Lebensstils, durch bewussteres Essen, durch mehr regelmäßige Bewegung. Essen, sage ich, nicht Diät. Bewegung, sage ich, nicht Sport.
„Die Lebensstil-Änderung ist der Königsweg in der Diabetes-Prävention“, sagt der Düsseldorfer Diabetologe und Chefarzt Prof. Dr. Stephan Martin. Er sagt das seit Jahren, er kann es anhand nachprüfbarer Studien beweisen, er kann auf mich mit meiner Methode verweisen, der über 50 000 Bücher verkauft hat, die zeigen, wie der als Chance begriffene „Zucker“ zu zähmen ist. Er kann vorrechnen, wie sich durch die Lebensstil-Änderung Milliarden Euro sparen ließen.
Jedes Jahr über 300 000 neue Lebensstil-Diabetiker
„Ja, sagen dann die Ärzte, die Kassen, die Politik, ist ja schon richtig, aber“. Und dann passiert nichts. Und jedes Jahr kommen 300 000 neue Lebensstil-Diabetiker dazu – als wäre das ein unabwendbares Naturereignis. Das ist es nicht! Es muss endlich Schluß sein mit dem Kuschel-Kurs in der Diabetes-Prophylaxe, im Umgang mit bereits „entdecktem“ Diabetes. Wer etwas tun kann, muss es tun. Nicht, könnte, sollte, wäre schön. Sondern die Devise wird heißen: „Es ist machbar, Herr Nachbar!“
Tja, heißt es dann, aber dann sagen die Betroffenen, „so schlimm kann es doch nicht sein, wenn ich das Ganze ohne Medikamente schaffe, also mache ich nichts“. Sicher, diese Haltung gibt es – weshalb es auch steigende Zahlen von Amputationen, von Erblindungen, von Nierenschäden gibt.
Allerdings darf das alles keine Ausrede sein, die längst überfällige Trendwende einzuläuten. Über Appelle wird das erfahrungsgemäß nicht funktionieren. Es funktioniert wirksam und schnell nur über einen Weg: den Geldbeutel. Erst wenn massiver Druck von den Kassen, von der Politik auf unwillige Diabetiker ausgeübt wird, wenn die Folgen von Lifestyle-Schlendrian nicht mehr übernommen werden, wird sich etwas ändern.
Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Ich weiß auch, dass es viele Typ-2er gibt, die es auch beim besten Willen aus eigener Kraft nicht schaffen können. Und natürlich gilt das alles nicht für den Typ 1, wo nur eine optimale medikamentöse Versorgung eine gute Lebensqualität sichert.
Aber es ist nicht einzusehen, dass gerade Typ-1-Diabetiker zunehmend Restriktionen ausgesetzt werden (Stichworte Analoginsuline, Pumpen), weil übergewichtige 40-Jährige sich am liebsten von Cola und Pommes ernähren – und für die Bewegung einen ganz besonderen „Sportplatz“ gefunden haben: Den Fernsehsessel.
Hans Lauber
Diabetes-Journal-Kolumnist und Buchautor
Sehr geehrter Herr Lauber,
ich bin Nierentransplantiert und bisher läuft alles ganz gut! Meine gesamten Blutwerte werden jeden Monat bestimmt. Nierenwerte, Blutzucker usw. alles gut! Nun hat man bei meinem Vater Diabetes festgestellt. Vor lauter Sorge um ihn habe ich zwei Kilo abgenommen. Seit dem messe ich gelegentlich meinen Blutzucker nüchtern und/oder zwei Stunden nach dem Essen. Nüchtern ist er so bei ca. 100. Und zwei Stunden nach dem Essen gelegentlich bei ca. 170 (vor allem, wenn ich mich richtig kohlenhydratreich und sehr satt gegessen habe). Bei den letzten Untersuchungen war mein Blutzucker nüchtern aber immer zwischen 70 und 90. Kann es sein, dass der Blutzucker aufgrund der Sorgen künstlich erhöht worden ist? Denn komischerweise ist der Blutzucker erst jetzt etwas hochgegangen, wo ich mit Sorgen um meinen Vater mache. Mein HbA1c ist aktuell 4,8. In den letzten Monaten war er im 5er-Bereich. Ist es wahrscheinlicher, dass ich dennoch Diabetes-Gefährdet bin, da der HbA1c ein Langzeitwert ist? Oder ist der Wert tatsächlich aufgrund der Sorgen künstlich erhöht und erholt sich wieder?
Wie schätzen Sie meine Situation ein? Ist es der Stress oder muss ich mich auf Diabetes einstellen?
Viele Grüße, S. T.
Sehr geehrter Herr Tilsner,
besten Dank für Ihre ausführliche Kommentierung. Gestatten Sie mir zwei Anmerkungen:
So ein bewusst kurz gehaltener Kommentar hat die Funktion, ein Problem auf den Punkt zu bringen. In diesem Fall darauf aufmerksam zu machen, dass einige 100 000 Typ-2-Diabetiker einen medikamentenfreien Weg gehen können. Sie vermissen dazu die geeigneten Handreichungen von mir. Das kann selbst ich nicht so knapp formulieren, dafür gibt es mein Buch "Fit wie ein Diabetiker", laut Prof. Stephan Martin "Der Klassiker" der aktiven Diabetes-Prävention. Schon der Obertitel "Messen. Essen. Laufen" zeigt, dass ich eine integrale Methode entwickelt habe (die übrigens auch von Ärzten empfohlen wird), wo gerade das Messen (wie von Ihnen angemahnt) eine entscheidende Rolle spielt - weshalb ich es bedauere, dass die Kassen inzwischen immer weniger Nicht-Insulin-pflichtigen Diabetikern die Teststreifen bezahlen. Und ich habe ausführlich auf die Relevanz der Bewegung hingewiesen.
Erlauben Sie mir noch eine stilistische Bemerkung: Sie sprechen von "Futterwahl", ein mich irritierender Begriff. Mein Anliegen ist es immer, die Menschen zu motivieren, ihren Diabetes als etwas Positives zu sehen, das ihnen die Chance zu einem bewusst-guten Essen eröffnet, weshalb meine Ernährungsbücher auch heißen "Schlemmen wie ein Diabetiker" und "Schönkost". Also, wir Menschen essen, und das Vieh futtert.
Schöne Grüße Hans Lauber
Sehr geehrter Herr Lauber,
niemand hat nach meiner Überzeugung in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum intensiver zur Verharmlosung des Typ2 beigetragen, als Sie mit Ihrer erfolgreichen Veröffentlichkeitung des Begriffes Lebensstil- bzw. Lifestyle-Diabetes:
- Bei Erreichen der Diagnosereife zum Typ2 sind schon bis zu 80% der Insulin produzierenden Beta-Zellen abgestorben! D.h. die eigene Insulinproduktion reicht nur noch für wenig mehr als für die basale Grundversorgung.
- Bei Erreichen der Diagnosereife zum Typ2 gibt es schon keinen Inkretin-Effekt mehr. D.h. selbst wenn noch keine einzige Beta-Zelle abgestorben wäre, gäbe es hohe krankmachende Blutzucker-Spitzen nach jedem Essen von Kohlenhydraten!
- Bei Erreichen der Diagnosereife zum Typ2 gibt die Leber schon bis zu 3mal soviel Glukose wie bei Gesunden aus! Weil die nie bestimmt wird, sondern immer nur C-Peptid/Insulin, wird immer völlig unzutreffend davon ausgegangen, dass der Typ2 viel zuviel Insulin hätte.
Nachzulesen bei z.B. Dr. DeFronzo, Banting-Preisträger der American Diabetes Association 2008, hier eine kurze Zusammenfassung http://www.dlife.com/dLife/do/ShowContent/inspiration_expert_advice/expert_columns/garnero_0608.html -
Es gibt keinen diagnosereifen Typ2 OHNE ALLE diese und weitere Defekte in schon sehr weit fortgeschrittener Ausbildung. Und die Schadwirkung des höheren Blutzuckers fängt nicht erst mit der Diagnosereife an, wie die durchschnittlich mehr als 10 von 100 Betroffenen belegen, die schon bei Erreichen dieser Diagnosereife wenigstens eine voll ausgebildete diabetische Folgekrenkheit beklagen müssen! -
Ok, Sie nennen den Typ2 trotzdem Lifestyle-Diabetes, weil Sie bisher von Folgekrankheiten verschont geblieben sind und am eigenen Leib und an vielen fremden Beispielen erlebt haben, wie sich mit passender Futterauswahl und passendem Einsatz körperlicher Aktivitäten, also Lebensstil, trotz der Defekte ein gesunder Blutzucker-Verlauf herstellen lassen kann, und zwar mit erstaunlich wenig Medikation und häufig sogar völlig ohne Medikamente.
Und der gesunde Verlauf ist umso einfacher wieder herzustellen und einzuhalten, je weniger hoch und lange der eigene Blutzucker schon regelmäßig darüber hinaus angestiegen ist. Zwar liegen dann schon alle Defekte vor, die den Typ2 ausmachen, aber eben noch lange nicht so weit entwickelt und so hinderlich für eine gesunde Blutzucker-Führung, wie nach Erreichen der Diagnosereife. Nur, wie soll auch nur einer der 300.000 Neudiabetiker von 2011 auf die Idee kommen, etwas tun zu müssen und zu können, wenn der Arzt heute nach der routinemäßigen Blutuntersuchung die beruhigende Auskunft gibt, dass man den Blutzucker im Auge behalten müsse: Der sei zwar ein bisschen hoch, aber noch lange kein Diabetes?
Das ist tatsächlich viele hundert mal jeden Tag Standard in deutschen Sprechzimmern. Und auch Sie machen ja in Ihrem Beitrag nur massiv Stimmung gegen den Schlendrian des Typ2, ohne den Betroffenen den geringsten Anhaltspunkt für gesundes Verhalten zu geben. Warum weisen Sie nicht einfach auf den gesunden Blutzucker-Verlauf hin wie hier http://www.phlaunt.com/diabetes/16422495.php ? Und darauf, dass man den Blutzucker dafür schon selbst messen muss und dass der Schlüssel zum eigenen gesunden bei nach Möglichkeit maximal 140mg/dl (7,8mmol/l) 1 Stunde nach jedem Essen liegt? Und vielleicht noch darauf, dass die größte den Blutzucker begrenzende/senkende Wirkung von körperlicher Aktivität in der Stunde direkt nach dem Essen erfahren werden kann, wenn am meisten Insulin in Umlauf ist?
Ich weiß von immer mehr Betroffenen, die sich meistens gegen den Rat ihrer Ärzte (Wer noch keinen diagnosereifen Diabetes hat, braucht doch seinen Blutzucker nicht zu berücksichtigen! UND oral behandelte Diabetiker können ihren Blutzucker doch gar nicht gezielt beeinflussen!) nach diesem Rezept jeden Tag ihren gesunden Blutzucker machen. Sogar schon weit jenseits ihrer Diagnosereife wie auch mein Vorschreiber hier. So hat z.B. Drucker Frank sich damit nach seiner Entdeckung mit HBA1c 10und und 300und mg/dl mitten am Tag 3 Wochen vor Ostern voriges Jahr mit der entsprechenden Info und kurzer Mail-Anleitung auf seinen gesunden Weg gemacht. Hat Blutzucker-Messer und 500 Streifen gekauft und nach 14 Tagen 1 Stunde nach dem Essen schon keine Blutzucker-Spitze mehr über 200mg/dl (11,1mmol/l) produziert, einfach mit seiner Futterauswahl und der gezielten BZ-wirksamen Umverteilung seiner eh umfangreichen täglichen Papierschlepperei. Nach 4 Wochen schon nur noch selten über 150. Seitdem HBA1c 6,1. Ermunternder Kommentar seines Arztes: "Sowas hab ich noch nie erlebt, aber das halten Sie eh nicht lange durch."
Mit freundlichen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner
Als Betroffener (Typ-2, BMI knapp über 25, Analoginsulin zu den Mahlzeiten) habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine Ernährung angepasst an die tatsächliche Bewegung den Bedarf an Insulin auf 'nahe Null' reduzieren kann. Die Krönung ist eine Ernährung mit Rohkost ohne Brot, Kartoffeln und Reis (keine Stärke) - ein Steak zwischendurch darf es auch mal sein - den Insulinbedarf dauerhaft auf NULL setzt. Zur Belohnung gibt es massenhaft Glückshormone. Was gibt es Besseres?
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