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15.01.2010 Toben erlaubt! Wirklich?

Was Kinderlärm und eine neue Lärmschutzverordnung mit der Diabetikerversorgung zu tun haben.

„Kinder dürfen Kinder sein“, schrieb jüngst die „Süddeutsche Zeitung“ ganz begeistert. Was war geschehen, dass eine solche Selbstverständlichkeit eine fette Schlagzeile her gibt? Eine der größten Münchner Wohnbaugenossenschaften hat für ihre 16 000 Wohnungen eine neue Lärmschutzverordnung erlassen, nach welcher übermäßiger Kinderlärm kein automatischer Kündigungsgrund mehr ist. Was es also erlaubt, dass Kinder auch einmal herumtoben dürfen, sich „kindgerecht“ verhalten dürfen, ohne dass missmutige kinderlose Singles und gelangweilte Frührentner gleich die Polizei rufen können.

Warum ist mir das diese Zeilen wert? Weil immer mehr Jugendliche „Altersdiabetes“ bekommen – und eine der wesentlichen Ursachen für diesen Typ-2-Diabetes ist die mangelnde Bewegung. Das höre ich auf jedem ärztlichen Diabetes-Kongress, den ich besuche. Nur, wenn ich frage, wie sich Möglichkeiten für Bewegung schaffen ließen, heben die gelehrten Herren – und leider auch die Damen – die Hände und sagen: „Nicht unsere Baustelle“. Deshalb ist die Münchner Initiative wichtig – und hat hoffentlich Signalcharakter für Deutschland. Allerdings wird es in den Details der Verordnung schon wieder „deutsch“, denn so bewegungswichtige Dinge wie Fußball und Radfahren sind dann doch wieder oft verboten.

Beängstigend ist auch, wie die derzeitige Sparwut der Kommunen vor allem Sporteinrichtungen trifft. So werden allenthalben überall Schwimm- und Hallenbäder geschlossen. Die früher reichste Gemeinde Europas, Sindelfingen, macht als erstes ihren Abenteuerspielplatz dicht – und Sport ist das Schulfach, was am meisten ausfällt und dass im Winter Radwege prinzipiell nicht geräumt werden, stört auch niemanden wirklich. Wir reden zwar viel von Diabetes-Prävention, aber in der Praxis tun wir erschreckend wenig.

Nun werden Sie vielleicht sagen, „was kümmert mich die Jugend, Hauptsache meine Diabetes-Versorgung stimmt“. Leider besteht ein enger Zusammenhang: Viele Diabetiker merken, dass immer mehr Leistungen nicht bezahlt werden, etwa Messstreifen für Typ-2er, bedarfsgerechte Insulinanaloga, notwendige Insulinpumpen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Kassen für immer mehr jugendliche Typ-2-Diabetiker Geld ausgeben müssen – Geld, das an wichtiger Stelle fehlt.

Wer also im Alter gut Diabetes-versorgt werden will, setzt sich dafür ein, dass die Kinder auch toben dürfen.


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