31.08.2010 Ton getroffen!?!

„Herr Langer, ich brauch’ ein Rezept für das neue Messgerät“, begrüßt mich Herr S., als ich zur Visite sein Zimmer betrete. Kein „Guten Morgen“, und den Doktortitel hat er sich auch geschenkt, was ihn auf meiner Sympathie-Skala direkt auf unter 70 von 100 Punkten befördert.
„Früher war alles besser, als wir noch Halbgötter in Weiß waren“, sagt immer mein Chef. „War ’ne schöne Zeit“, fügt er meist noch hinzu. Heute verstehen wir Ärzte uns aber als Partner, als Berater und vielleicht als Freund der Patienten. Dennoch ärgere ich mich über das schlechte Benehmen und die damit verbundene Respektlosigkeit von Herrn S.
Ton nicht getroffen, Pech gehabt. Schließlich will er ja etwas von mir, nämlich sein Rezept für das Messgerät. Und das bekommt er selbstverständlich, aber frühestens nach dem zweiten Nachfragen. Schließlich messen wir ja auf der Station den Blutzucker, so dass er ruhig warten kann.
Aber auch wir Ärzte treffen nicht immer den richtigen Ton. Ist auch gar nicht so einfach, denn jeder Mensch ist anders, hat ein anderes Problem und will folglich auch anders behandelt werden. Wir Ärzte wissen das und haben ja auch eine jahrelange Erfahrung, um uns auf die Patienten einzustellen. Wir spüren anhand ihrer Art, etwas zu sagen, und wie die Patienten sich geben, wie wir sie ansprechen sollten.
Zu 99 Prozent treffe ich nach gefühlter eigener Statistik den Ton. Aber im verbliebenen einen Prozent eben auch nicht. Leider! Da erinnere ich mich noch gut an eine Patientin, die selbst Ärztin war, aber trotzdem mit ihrem Diabetes nicht gut zurechtkam. Sie kennen die Geschichte mit dem Schuster, der die löchrigsten Schuhe hat. Bei der Visite entfuhr es mir, dass sie, wenn sie so weitermachen würde, im Rentenalter „gesundheitlich ein Wrack sein würde“. Peng, das saß. Eine Stunde später lag ein Briefumschlag im Arztzimmer mit einer handgeschriebenen Karte, in der die Kollegin mir bestätigte, dass ich der unfreundlichste Arzt der Klinik sei. „Schäm dich, Langer“, sagte ich mir, Ton nicht getroffen. Natürlich bin ich sofort zu der Patientin gegangen und habe um Entschuldigung gebeten. Es war dann ein sehr gutes Gespräch für uns beide. Ein solches Erlebnis verbindet, hoffentlich über Jahre. Zumindest läuft es jetzt mit ihrem Diabetes deutlich besser.
Sie sehen: Es kommt in einer guten Patient-Arzt-Beziehung auf ein gutes Miteinander und den richtigen Ton an. Und vielleicht sagt Herr S. beim nächsten Mal ja auch „Herr Dr. Langer“ und „Guten Morgen“.
Der Autor: Dr. Hans Langer ist Arzt in einer Diabetesklinik und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".
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