25.02.2011 Unter Druck

"Das Verwalten der Patienten geht von meiner Zeit ab, in der ich sonst ein Gespräch führen könnte."

Bei einer der letzten Visiten auf meiner Station sagte Frau S., eine liebenswürdige ältere Dame, die schon oft bei uns in der Klinik war, zu mir: „Ach Herr Doktor, Sie haben ja gar keine Zeit mehr für mich. Hurtig, hurtig, Blutdruck, Zucker und Fette eingestellt – und dann sind Sie auch schon wieder weg. Das war früher ganz anders.“ Und da hat sie in der Tat recht.

Eine Frage des Zeitgeistes
Ich erinnere mich noch gut daran, als ich anfing, Arzt zu sein. Wir hatten wirklich viel mehr Zeit für die Patienten. Wir konnten auch mal zu einem Pläuschchen zehn Minuten sitzenbleiben oder uns die Sorgen und Probleme in Ruhe anhören. Natürlich ist es eine Frage des Zeitgeistes, dass keiner mehr Zeit hat und alle gestresst sind – aber im Krankenhaus sind wir es wirklich. Wir stehen unter Druck!

Dokumentation und Verwaltung kosten Zeit
Ich habe mich zuletzt einmal hingesetzt und gefragt, warum das so ist. Schließlich behandeln wir wie früher auch unsere Patienten mit Sorgfalt, und meine Station war auch schon in früheren Zeiten eine 20-Betten-Station, die ich zu versorgen hatte. Anders als früher muss ich mich jedoch heute um viele Dinge kümmern, die ich mir früher nie hätte träumen lassen. Denn ich behandle nicht nur meine Patienten, ich verwalte sie auch. Ich muss die Diagnosen sorgfältig dokumentieren und daraus mit Hilfe eines Computers die Fallpauschalen berechnen. Ich bin auch meine eigene Sekretärin und muss Kurzarztbriefe schreiben – und nicht erst nach 14 Tagen, sondern am Entlasstag. Durch unser modernes Computerprogramm darf ich die erhobenen Befunde auch noch selbständig eingeben. Das ist zwar rationell, aber es kostet mich viel Zeit. Dafür verlässt der Patient mit einem vollständigen Arztbrief das Haus und hat alle seine Befunde dokumentiert und seine Therapieempfehlungen in der Hand. Die meisten Patienten freuen sich darüber, aber das geht eben von meiner Zeit ab, in der ich sonst ein Gespräch führen könnte.

Liegedauer hat sich verkürzt
Außerdem hat sich die Medizin verändert: In den letzten Jahren hat sich die Liegedauer in unserer Klinik um fünf Tage verkürzt. Das bedeutet, dass ich aufs Jahr gerechnet viel mehr Patienten behandeln muss als heute. Das alles wäre irgendwie zu schaffen, hätten wir nicht mittlerweile auch einen Ärztemangel. Und das führt wiederum zu unbesetzten Stellen.

Wenn man das alles zusammennimmt, stehe ich wirklich gewaltig unter Druck. Und wenn dann mein Chefarzt in mein Zimmer schneit, mich über Bergen von Akten brüten sieht und mich mit seinem Lieblingssatz „Langer, Sie schaffen das schon“ aufmuntert, dann tröstet mich das ganz ungemein. Trotzdem würde ich jetzt lieber mit Frau S. zusammensitzen und mit ihr zehn Minuten plauschen. Ihr täte das gut – und mir auch!
 

Der Autor: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik und schreibt für die Diabetes-Journal-Rubrik "Zum guten Schluss".

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