05.01.10 Verbände mit einer Stimme: Querelen interessieren nicht!

Wichtig ist nun, dass die Interessen der Diabetiker in Deutschland professionell vertreten werden.

Sind Sie Mitglied im Deutschen Diabetiker Bund (DDB), der großen Interessenvertretung der Diabetiker in Deutschland? Oder sind Sie Mitglied in der Gesamtorganisation diabetesDE, die im Jahr 2009 in Deutschland Fuß gefasst hat? Viele Diabetes-Journal-Leser sind weder das eine noch das andere. Und die allermeisten Diabetiker in Deutschland kennen den DDB genausowenig wie diabetesDE. Das ist weitgehend auch bei den politischen Funktionsträgern so – zumal bei den neuen im Amt wie Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Rösler (FDP) und den Parlamentarischen Staatssekretären im BMG Daniel Bahr (FDP) und Annette Widmann-Mauz (CDU). Auch Christian Lipicki, der Presse-Chef im Ministerium, kennt die Verbände nicht, schätze ich.


Das ist eine einmalige Chance: Wer sich jetzt klar ausdrückt und mit einer Stimme die Interessen der Diabetiker vorträgt bei den Politikern, der kann Pflöcke einrammen und womöglich mehr in der Diabetikerversorgung bewegen, als das je möglich war.
Jedoch gehört viel Verhandlungsgeschick dazu – gemeint ist nicht das Geschick in den Gesprächen mit dem Minister: Die Probleme in der Diabetologie entstehen leider einen Schritt früher; der DDB und diabetesDE sind sich nicht grün! Das ist die Krankheit, die die Diabetologie in Deutschland derzeit niederstreckt.
diabetesDE steht heute schon für das Dach über den Berufsgruppen – Diabetesberaterinnen, Diabetes-Experten aus Medizin, Psychologie etc. diabetesDE würde gern auch die Interessen der Betroffenen vertreten, der Diabetiker also.


Die Interessen der Diabetiker vertreten, das macht der Deutsche Diabetiker Bund schon seit weit über 50 Jahren. Und in Hunderten von DDB-Selbsthilfegruppen wird seit Jahrzehnten Hilfe im Alltag geboten bei der Bewältigung der Probleme, die durch den Diabetes entstehen. – Der DDB war 2009 nicht willens, sich unter ein gemeinsames Dach zu stellen, mit einer Stimme zu sprechen. Das hatte viele Gründe; es ging auch darum, dass die diabetesDE-Satzung nicht genug Spielraum lässt für den DDB; und dass den Millionen Betroffenen nicht genug Gewicht eingeräumt wird. diabetesDE wiederum sieht Bedarf für ein abgestimmtes Vorgehen aller: der Ärzte, Beraterinnen, Wissenschaftler, anderer Berufsgruppen – und auch der Betroffenen.


Aus meinem Blickwinkel interessiert es die vielen Diabetiker in Deutschland überhaupt nicht, wer welche Hausaufgaben noch zu machen hat. Auch die Politiker haben keine Lust und Zeit für Erklärungen. Und Sie, liebe Leser? –
Wichtig ist vielmehr, dass sich alle Funktionsträger zusammenraufen und eine Basis dafür schaffen, dass die Interessen der Diabetologie und der Diabetiker in Deutschland professionell vertreten werden: klar, deutlich und mit einer Stimme.
Die Zeichen stehen gut – nehmen Sie nur die diabetestour 2009 unserer Zeitschrift: Dort waren Tausende Betroffene, dort waren Experten und Behandler aller Fachrichtungen, dort waren vor allem auch die Vorsitzenden der genannten Organisationen und setzten sich ein für die gemeinsame Sache. Wie sagt Dieter Möhler (DDB-Vorsitzender) so schön: "Der DDB wird sich Gesprächen über Kooperationen mit diabetesDE nicht verschließen." Das ist gut so – und professionell. Nicht mehr und nicht weniger. Werfen Sie einen Blick in unser Heft: Es gibt zu viele Probleme außerhalb, als dass man Zeit mit eigenen Problemen verpulvern darf. Ich bin gespannt auf das Jahr 2010.

Günter Nuber
Chefredakteur Diabetes-Journal

Kommentar

Uwe Ehlers aus 90768 Fürth - 08.01.10 19:12

Sehr geehrter Herr Nuber,

woher wollen Sie wissen, dass die "allermeisten Diabetiker in Deutschland" weder den Deutschen Diabetiker Bund (DDB) als Vertretung der betroffenen Diabetiker noch diabetesDE als Vertretung der verschiedenen Berufsgruppen um das Thema Diabetes kennen?

Ich bin Mitglied im DDB und gehe davon aus, dass durch die Publikationen beider Interessenvertretungen eine doch erhebliche Anzahl an betroffenen und hoffentlich auch interessierten Diabetikern erreicht wird. In wie fern auch die politisch Verantwortlichen dadurch erreicht werden, mag dahingestellt sein.

Umso wichtiger ist es, dass sich die Interessenvertretungen beider Organisationen auf politischer Ebene entsprechend Gehör verschaffen.

Allerdings plädiere ich dafür, dass beide Interessen-Verbände eigenverantwortlich ihre Ziele definieren und bei den verantwortlichen Politikern zum Ausdruck bringen.
Sofern die Ziele übereinstimmen, können diese auch in gemeinsamen Erklärungen zum Ausdruck gebracht werden.

Diese Differenzierung ist meines Erachtens erforderlich, weil ich den Zielen von diabetesDE nicht uneingeschränkt zustimmen kann. Ich kann mich des Gefühls nicht entledigen, dass die Interessen der Berufsverbände in diabetesDE, der Pharmaindustrie und der im DDB organisierten Diabetiker nicht immer die gleiche hintergründige Zielrichtung haben.

Mit freundlichem Gruß
Uwe Ehlers

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 07.01.10 11:52

Sehr geehrter Herr Nuber,

mit EINER Stimme die Interessen der Diabetiker vortragen ist ein heeres Ziel - besonders dann, wenn nicht einmal ein einziger der Vereine, die wir da in unserem Boot sitzen sehen, ein verständliches und schlüssiges Ziel für sich selbst formuliert hat.

Was sind denn die Interessen der Diabetiker? - Frau Bohnes hat schon vorgelegt und als ihr wichtiges Interesse die freiere Pumpenversorgung benannt. In ähnlicher Weise werden das die meisten von uns Betroffenenn für sich formulieren können, also frei zusammengefasst: Es möge sich an unserer Versorgung, wie wir sie noch vor 2 oder 3 Jahren gewöhnt waren, nichts ändern. Dumm nur, dass der Wunsch schon heute absolut unrealistisch ist. Denn schon heute übersteigen die Kosten für unsere Versorgung ohne die seit 2 oder 3 Jahren leise abgespeckten Leistungen die Finanzierungsmöglichkeiten unseres Gesundheitssystems. Und was das System heute noch zu verteilen hat, wird im Rahmen dieses Jahrzehnts für wenigstens die doppelte Menge an Betroffenheiten reichen müssen. Dabei werden die zusätzlichen Neuen, die kürzlich die Medien mit großen Zahlen schockten, einstweilen nur eine Marginalie bilden. Unendlich viel gewaltiger werden die Folgekrankheiten der längst gezählten Betroffenen zu Buche schlagen, die im Rahmen der letzten 10-20 Jahre ihrer immer intensiveren Behandlung im Verlaufe ihrer Krankheitsprogression nun schlicht an der Reihe sind mit immer apperen Füßen und immer blinderen Augen und ... und damit im Durchschnitt wenigstens 5mal so viel Mehrkosten gegenüber dem Versichertendurchschnitt, wie als Diabetiker ohne Folgekrankheiten.

Denn an der Anzahl der Folgekrankheiten pro 1.000 Betroffene hat sich seit 1989 praktisch nichts geändert, obwohl damals die Deklaration von St-Vincent http://www.diabsite.de/infos/experten/lesefutter/000411-gries.html ein Super-EIN-Stimmen-Ansatz war und das sehr konkret versprochen hatte. Gelungen sind seitdem nur Verbesserungen, die mit hohem und weiter zunehmendem finanziellem Aufwand die Folgekrankheiten in ihren Belastungen gelindert und erträglicher gestaltet und vom Einsetzen bis zum Erreichen des jeweiligen Endpunktes verlängert haben. Also die längere Erhaltung des Fußes und die Abnahme der Funktion in immer kleineren Schritten von der ersten Entzündung bis zur kompletten Amputation. Und die längere Erhaltung des Sehvermögens vom ersten Lasern der Netzhaut bis ... usw.usw.
Welche soziale Sprengkraft mag sich wohl entfalten, wenn die medizinischen Dienste eine um die andere dieser wahnsinnig teuren Linderungen und Verlängerungen in diesen und den kommenden Jahren wieder zurückdrehen müssen? Ok, zuerst bei immer mehr 70jährigen und älteren. Und dann bei immer mehr 60jährigen! Und wer denkt denn wirklich heute schon daran, dass diabetische Folgekrankheiten mit ihren kostenintensiven Dauer- und Folgebehandlungen in erschreckender Zahl auch längst bei Betroffenen angekommen sind, die gerade erst ihren 50. Geburtstag gefeiert haben? - Was wollen wir diesen Menschen und dem Rest der Gesellschaft und der Politik zu diesen Menschen mit EINER Stimme sagen?

Mit neugierigen Grüßen
Hans-Jürgen Tilsner

Gisela Bohnes aus 58675 Hemer - 05.01.10 18:13

Sehr geehrter Herr Nuber, die Idee, daß die einzelnen Verbände sich zum Nutzen der Diabetiker zusammentun sollten, kann ich nur unterstützen. Aber nicht nur die Politik muß angesprochen werden, auch gegenüber den Krankenkassen müßte es einen gewichtigen Vertreter geben, der unsere Interessen vertritt. Ich habe den Eindruck, daß im Moment versucht wird, die Weiterverordnung von Insulinpumpen zu verhindern. Angesichts der Anforderungen, die z.B. die BEK stellt, werde ich den Verdacht nicht los, daß da gegen das Diskriminierungsgebot verstoßen wird. Nicht die Verordnung und Beurteilung des behandelnden Arztes zählt, die BEK will selber prüfen, ob sie einen teuren Kostenfaktor weiter unterstützt!!!! Ein starker Verband sollte gegen solche Praxis dringend einschreiten. Mit freundlichen Grüßen Gisela Bohnes

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