28.05.10 Von Besuchern, Klagenden und Kunden

"Wenn man die Bedürfnisse seiner Patienten richtig erkennt, erreicht man als Behandler viel leichter sein Ziel..." schreibt Dr. Hans Langer aus Sicht des Arztes in der Rubrik "Zum guten Schluss". Doch lesen Sie selbst...

Schubladendenken? Nein, aber die Patienten, die tagtäglich zu mir kommen, lassen sich grob in drei Gruppen einteilen. Zu welcher gehören Sie?

Herr M. ist ein typischer Besucher. Er wird von seiner Frau zu mir geschickt. Und um mir unser Treffen angenehm zu machen, bringt er immer etwas mit, z. B. Äpfel aus dem Garten oder Wein aus selbstgelesenen Trauben. Meist hat er sein Blutzuckerheft vergessen, um die Medikamente kümmert sich seine Frau. Er ist immer bester Laune. Der schlechte HbA1c-Wert? Kommt von den vielen Geburtstagsfeiern und der letzten Erkältung. Gern philosophieren wir über seinen Schrebergarten, nur widerwillig über seinen Blutzucker. Hoch zufrieden verlässt er die Sprechstunde und vereinbart in drei Monaten einen neuen Termin.

Frau S. hingegen ist eine Vertreterin der Klagenden: Alles ist schlimm. Von Kopf bis Zeh tut alles weh, auch Ehemann und Kinder machen nur Probleme – und natürlich gönnen ihr die Nachbarn nicht die Ruhe, die man als Diabetiker verdient hat. Da sie sich peinlich genau um ihren Zucker kümmert, ist der HbA1c-Wert prima, das Blutzuckerheft vorbildlich geführt, und der Blutdruck wird täglich mindestens dreimal gemessen. Unzufrieden mit der Therapie ist sie trotzdem. Meine tröstenden Worte tun ihr sehr gut, deshalb lässt sie die Besuchstermine von meinen Arzthelferinnen nur widerwillig auf länger als sechs Wochen strecken.

Zu den Kunden gehört Sabine L.: Obwohl erst 17 Jahre jung, hat sie klare Vorstellungen von ihrer Therapie und vom Leben allgemein. Ausgestattet mit einer Insulinpumpe und dem modernsten Blutzuckermessgerät und der zugehörigen Software, hat sie zumeist konkrete Fragen an mich. Letztens ging es z. B. darum, im Urlaub an einem Tauchkurs teilzunehmen.

Welche Patientengruppe mir die liebste ist, kann ich nicht sagen. Als Arzt ist man ja auch immer Seelentröster und Psychologe; und wenn man die Bedürfnisse seiner Patienten richtig erkennt, erreicht man als Behandler viel leichter sein Ziel – nämlich zu heilen, zu helfen, zu verbessern. Und deshalb halte ich mit Besuchern ein Schwätzchen, Klagende werden bei mir ihr Leid los und Kunden werden "bedient".

Herr M. bekommt also von mir neue Aufgaben für seinen geliebten Garten – so bewegt er sich mehr. Ich notiere mir Frau S.’ Klagelieder und knüpfe beim nächsten Mal nahtlos daran an; im Gegenzug befolgt sie alle meine Empfehlungen. Mit Kundin Sabine L. ist es am einfachsten, weil sie genau weiß, was sie von mir wissen möchte; dafür profitiere ich von ihren Taucherfahrungen.

So gesehen sind in meiner Praxis meist alle zufrieden, einschließlich meiner Wenigkeit. Bleibt die Frage: Zu welcher Arztgruppe gehöre ich wohl?

Kommentar

Hans-Jürgen Tilsner aus Oelde - 29.05.10 23:10

Sehr geehrter Herr Dr. Langer,

ich stelle mir Ihre 3 Beispiel-Patienten gerade in der Sprechstunde bei ihrem Fahrlehrer vor,

- den eifrigen Kleingärtner, der ganz schrecklich findet, dass man auf der Straße bei uns immer rechts fahren und so eine enge Spur einhalten und sooo vielen Verkehrszeichen folgen und in jeder Sekunde auf all die anderen Verkehrsteilnehmer achten muss und der deswegen lieber seine Frau fahren lässt,
- die furchtsame Familienmutter, die sich kaum auf die Straße traut, wo sich alles und alle gegen sie verschworen haben, und die akribisch jeden Schritt in ihrem Fahrtenbuch notiert und die wenigsten Beulen und Kratzer an ihrem Auto hat, und
- die junge Tauchurlauberin, die ganz schrecklich findet, wie ihr Vater vom Beifahrersitz jeden ihrer Handgriffe und jede ihrer Aktionen wohlwollend bis zahnschmerzenhaft missbilligend verfolgt und die viel lieber mit ihrem Fahrleher über ihr gemeinsames Tauch-Hobby fachsimpelt ;-)

Wie? Die Vorstellung solcher Sprechstunden-Erfahrungen beim Fahrlehrer finden Sie verrückt? Warum das? Weil man in der Fahrschule mit einem KFZ im alltäglichen Straßenverkehr umzugehen lernt und dann keinen Fahrlehrer und keine Sprechstunde bei ihm mehr braucht?

Haben Sie sich schon einmal bewusst vergegenwärtigt, das 1 Stunde unfallfrei und regelkonform Autofahren im Stadtverkehr weit komplizierter und komplexer und im wahrsten Sinne des Wortes verantwortungsvoller ist, als 24 Stunden den eigenen Blutzucker gesund steuern? Und dass sich eigentlich jeder Diabetologe ein Armutszeugnis ausstellt, der für die einfachere Fertigkeit in seinem Fachbereich nicht schafft, was von jedem Fahrlehrer in dessen Fachbereich selbstverständlich erwartet wird? Nämlich seinen Diabetes-Schülern den gesunden Umgang mit ihrem Blutzucker so zu vermitteln, dass die anschließend völlig selbständig im Rahmen von HBA1c 5-6 damit zurecht kommen?

Selbstverständlich will die Frage Sie nicht persönlich treffen, auch wenn Sie mit Ihrer Plauderei aus der Sprechstunde so eine schöne persönliche Vorlage dafür geliefert haben. Sie richtet sich natürlich vor allem an das System, das Sie und Ihre Kollegen in keiner Weise zu solcher Anleitungsleistung zur Selbständigkeit Ihrer Diabetiker ausgebildet hat und ausbildet, und das uns Betroffene - vorsichtig formuliert - in keiner Weise zu entsprechender Entfaltung eigenverantwortlicher Aktivität einlädt, wie in diesem Forenbeitrag ausführlicher skizziert: http://www.onmeda.de/foren/forum-diabetes/fehlleitendes-behandlungs-system/1846794/read.html

Mit freundlichen Grüßen aus Oelde
Hans-Jürgen Tilsner

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